•   Rubrik Bericht

Frau – alleinerziehend – sucht Wohnung

  • Autor Margit Geßner
  • Veröffentlichungsdatum 10. September 2026
  • Lesezeit 3 Minuten

In Berlin kostet so ein Vorhaben Kraft und Nerven. Gibt es jenseits von Wohnungsportalen und endlosen Bewerbungsrunden Alternativen, die auch zum Ziel führen? Ja, die gibt es. Autorin Margit Geßner hat beim Verein SHIA e.V. eine Variante gefunden, die Alleinerziehende durchaus ausprobieren können.

„Liebe Freunde, ich suche für die von mir getrenntlebende Mutter meines Kindes eine Zwei- bis Dreizimmerwohnung. Möglichst in Prenzlauer Berg. Kann jemand helfen?“

Mein erster Gedanke beim Lesen dieser E-Mail an mich: Das Anliegen gehört ins Kapitel „Glaube und Hoffnung“! Der Absender, ein Kirchenmusiker, hat berufsbedingt viel Gottvertrauen. Doch hilft das in der Realität, wenn man, lediglich mit irdischen Kräften ausgestattet, in Berlin eine Wohnung suchen muss? Der Berliner Wohnungsmarkt hat mit „Glaube und Hoffnung“ nicht viel zu tun.

Mareike Dreuße, Geschäftsführerin von SHIA e.V. © Carina Adam

Ich treffe Mareike Dreuße. Wir sprechen über das Projekt „Gemeinschaftliches Wohnen für Alleinerziehende in Berlin“ und den „Wohntisch für Alleinerziehende“, den SHIA e.V. anbietet. Mareike Dreuße ist die Geschäftsführerin des Vereins. Übersetzt heißt SHIA: Selbsthilfeinitiative für Alleinerziehende.

Könnte sie der jungen Mutter aus der Mail mit einer Wohnung weiterhelfen, frage ich sie

„Nein, auf die Schnelle eher nicht”, sagt sie sofort. „Uns erreichen fast täglich solche Anfragen. Wir sind aber keine Wohnungsvermittlungsagentur.“ Das ist zurzeit noch nicht der Auftrag des Vereins, der vom Berliner Senat gefördert wird und bis September finanziert ist.  SHIA bietet vor allem Beratung, Information und Vernetzung für Alleinerziehende.

Das klingt nach keiner schnellen Lösung. „Um eine schnelle Lösung geht es in diesem Fall auch nicht“, sagt Mareike Dreuße. Wer mit ihr spricht, spürt sofort, wie sehr sie das Projekt „Gemeinschaftliches Wohnen für Alleinerziehende” beschäftigt.

Denn die Soziologin bekommt in ihrer Arbeit einen sehr genauen Blick auf Berlin. Tagtäglich ist sie mit den großen und kleinen Katastrophen im Leben von Alleinerziehenden konfrontiert. Was da auf ihren Schreibtisch, macht sie betroffen. Denn vieles hat mit der schlechten Wohnsituation von Alleinerziehenden zu tun.

Mutter mit Kind, alleinerziehend - Da bekommen Vermieter*innen oft spitze Finger.

„Wir können nicht leugnen, dass das Thema Wohnen das Hauptproblem von Berlin ist. Das trifft vor allem auch unsere Zielgruppe“, so Dreuße. In knapp jeder dritten Familie lebt ein Elternteil allein mit Kindern. Berlin sei die Stadt der Alleinerziehenden, erzählt mir Mareike Dreuße. Die Wohnungssuche ist gerade für die Betroffenen frustrierend. Alleinerziehende werden von Vermieter*innen nicht bevorzugt.

Immer wieder sitzen verzweifelte Mütter im Beratungsgespräch bei SHIA. Sie erzählen von Frust, Kompromisslosigkeit in einer kaputten Beziehung, auch von häuslicher Gewalt.

Hinzu kommen finanzielle Nöte. Plötzlich muss die Miete allein gestemmt werden. Und wer in Berlin umziehen will, braucht Geld - oft sehr viel Geld, um die hohe Miete für eine neue Wohnung bezahlen zu können. Das gemeinsame Familienbudget gibt es nicht mehr. Oft zeigt der Kassensturz: Alleinerziehend heißt, mit weniger Geld auskommen, aber mehr leisten. Job und Care-Arbeit. Das bedeutet für viele auch soziale Isolation, Einsamkeit.

Die Wohnungsnot von Alleinerziehenden wird von der Politik kaum wahrgenommen.

Mareike Dreuße, SHIA e.V.

Alleinerziehende - das sind die Unsichtbaren

Trennung mit Kind ist kein Phänomen von armen Menschen. Auch Besserverdienende, die zu Alleinerziehenden werden, müssen auf einmal rechnen. Und fast immer sind die Betroffenen Frauen. Sie stellen mit 80 Prozent das Gro der Alleinerziehenden. „Alle diese Facetten“, sagt Mareike Dreuße, „bekommen wir in der Beratung mit.“ Ihre Erfahrung: „Die Wohnungsnot von Alleinerziehenden wird von der Politik kaum wahrgenommen.“ Alleinerziehende, so sieht sie das, sind die „Unsichtbaren” im politischen Organigramm der Gesellschaft.

Ohnmacht war der Auslöser

Was also tun als Verein in einer solcher Situation? Alles zur Kenntnis nehmen und dokumentieren, wäre eine Möglichkeit.  Sich auch als kleiner Verein gegen diese Entwicklung stemmen, wäre die andere. SHIA hat sich für die zweite Variante entschieden. So entstand die Idee, einen Wohntisch speziell für Alleinerziehende anzubieten.

Was würde die junge Mutter aus der Mail an mich beim Wohntisch erwarten?

Der Wohntisch ist eine Kontaktbörse von Gleichgesinnten und trifft sich einmal im Monat in den Räumen der SPORE Initiative Neukölln. Wer kommt, erfährt von neuen Projekten und Wohnformen in der Stadt. Der Fokus liege vor allem auf dem gemeinschaftlichen Wohnen, betont Mareike Dreuße. Der Vorteil:  Mehr Gemeinschaft, soziale Kontakte und die Möglichkeit, sich gegenseitig bei der Betreuung der Kinder zu helfen. Ein großer Benefit, der jedoch eine entsprechende Wohnung voraussetzt.  Sehr viele solcher sogenannten Cluster-Wohnungen gibt es in Berlin noch nicht. Wer sich für so ein Projekt begeistert, bekommt bei SHIA auch die professionelle Hilfe für die Bewerbung.

Wichtig ist: Hier sitzen Fachleute mit am Tisch

Wenn neue Wohnprojekte und Wohnformen in Berlin geplant werden, wenn Wohnungsgesellschaften überlegen, wie sie ihren Wohnbestand neu vergeben - beim „Wohntisch für Alleinerziehende“ können Teilnehmende all das erfahren und sich darüber informieren. Wohntische sind nicht neu in der Stadt, aber Mareike Dreuße erklärt, warum gerade der für Alleinerziehende so wichtig ist: „Bei uns gibt es vor allem einen Raum, eine definierte Zeit und eine Kinderbetreuung. Das ist alles nicht unwesentlich, damit die alleinerziehenden Mütter oder Väter in Ruhe diskutieren können.“ Darüber zum Beispiel, wie sich das WG-Leben von Alleinerziehenden mit Kindern gestalten ließe. Wäre das die Lösung für Geldprobleme, fehlende Freizeit, ja auch Vereinsamung? Immer wieder geht es hier um die Frage: Wie wollen wir künftig wohnen und wie können sich die Interessent*innen für solche Projekte bewerben?

Das Geld für den Wohntisch kommt von der Stiftung Alltagsheld*innen. Das Knowhow hat die Netzagentur Generationenwohnen Stattbau. Die Agentur liefert den fachlichen Input und hat gleichzeitig die Verbindung zu Wohnungsbaugesellschaften.

Sind Alleinerziehende, die durch die Wohnungssuche unter Druck stehen, überhaupt offen dafür, alternative Wohnvisionen zu entwickeln?

Die Vorstellung, dass alle Klient*innen in den Beratungsgesprächen aus defizitären Verhältnissen kommen und unter permanenten Druck stehen, hält Mareike Dreuße für falsch. Wer am Wohntisch sitzt, der hat schon auch Lust, ein bisschen visionärer zu denken. Planspiele nennen die Teilnehmenden das, wenn es zum Beispiel um Baugemeinschaften, das Cluster-Wohnen, um WGs in Häusern und Wohnungen geht.

Dabei wird auch Selbstverständliches einfach mal hinterfragt. Zum Beispiel: Ist die Wohnküche, die sich in fast allen Neubauwohnungen findet, wirklich so günstig für einen Alleinerziehendenhaushalt? Wohnküchen gelten als ein vollwertiger Raum. Fast immer ist das dann „Muttis Zimmer“. Zwischen Stullenbrettchen und Kochtöpfen gibt es für die Mutter selten Privatsphäre. Also lautet die Forderung: Weg mit der Wohnküche! Ist das zu visionär? Nein, sagt Mareike Dreuße. „Auch Architekt*innen denken über die Zukunft des Wohnens nach. Da kann der Wohntisch sich einbringen, Ideen für Konzepte liefern.“

Das klinge alles noch ein wenig theoretisch, gibt Mareike Dreuße zu, aber nach anderthalb Jahren wird es nun endlich konkret: Seit kurzem baut die Wohnungsbaugesellschaft WBM Mitte in der Köpenicker Straße Cluster-Wohnungen. Darauf haben sich drei Mitglieder des Wohntisches beworben und den Zuschlag bekommen. Für Mareike Dreuße ist das ein Erfolg. „Lobbyarbeit, und das ist ja auch unser Geschäft, läuft mit positiven Beispielen einfach besser“, sagt sie.

Von einer schönen Wohnung träumen, schön und gut -aber wird der Kirchenmusiker, wenn ich ihm den Wohntisch empfehle, nicht nur mit den Schultern zucken?

„Naja“, sagt Mareike Dreuße, „der Wohntisch bringt auch eine ganz neue Dynamik mit sich und die Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen.“ Durch den informellen Austausch ist eine Signal-Gruppe entstanden. Darüber werden auch Wohnungen angeboten und untereinander getauscht.

„Ich habe gemerkt, dass die Leute, die zu unseren Wohntischen kommen, auf einmal aufblühen und wieder Ideen entwickeln. Es ist gut, dass man beim Wohntisch auch mal überlegen kann: Was wünsche ich mir eigentlich? Wie möchte ich wohnen und wie machen wir das gemeinschaftlich möglich? Manchmal ist nämlich auch das Unmögliche möglich“, sagt Mareike Dreuße.

Also doch - Ich werde auf die Mail des Kirchenmusikers antworten. Nicht, dass ich eine Wohnung für die Mutter seines Kindes hätte, dafür einen Tipp – immerhin. Vielleicht geschieht ja doch noch mal ein Wunder!