Eine Tür zur Selbstständigkeit
„Ich war 20 Jahre alt, als ich aus meinem Elternhaus rausgeschmissen wurde.“ Für Aissa begann damit ein langer Weg auf der Suche nach einem eigenen Zuhause. Zunächst übernachtete die heute 21-Jährige bei Freundinnen. Dann bekam sie über Gangway die Möglichkeit, in eine besondere WG im Wedding einzuziehen. Seit Februar 2026 hat sie dort ein eigenes Zimmer.
Die WG, das LAB 661, ist ein gemeinsames Projekt von Gangway – Straßensozialarbeit in Berlin e.V. und der landeseigenen GESOBAU AG. Sechs junge Frauen zwischen 18 und 23 Jahren leben in einer rund 250 Quadratmeter großen Wohnung in einem denkmalgeschützten Altbau. Das Besondere: Sie leben dort als eigenständige Mieterinnen. Das Projekt ist damit keine klassische betreute Wohnform.
Für Aissa war die WG zunächst eine Umstellung. „Das Leben in der WG war für mich ungewohnt und am Anfang etwas umständlich. Ich habe noch nie mit so vielen Leuten zusammengelebt.“ Mittlerweile hat sie sich eingelebt. Sie arbeitet, beginnt demnächst eine Ausbildung und hat eine klare Vorstellung davon, wohin ihr Weg führen soll: „Ich möchte auf der Intensivstation arbeiten.“
Selbstständig wohnen, Unterstützung bekommen
Dass Aissa diesen Weg gehen kann, hat auch mit dem besonderen Konzept des LAB 661 zu tun. „Gangway gibt nur den Rahmen vor, alles beruht auf Freiwilligkeit“, sagt sie. „Es hat überhaupt nicht den Anschein von betreutem Wohnen.“
Die Unterstützung findet dort statt, wo sie gebraucht wird. Saffiatou Sahid von Gangway, die von allen Saffi genannt wird, kommt in der Regel einmal pro Woche in die WG. Dann gibt es ein gemeinsames Plenum. Besprochen werden unter anderem die Finanzen und Konflikte, die im Zusammenleben entstehen. Manchmal geht es auch einfach darum, gemeinsam etwas zu unternehmen. „Einmal haben wir zum Beispiel zusammen Schmuck gemacht“, erzählt Saffi.
Die jungen Frauen haben jeweils einen eigenen Mietvertrag. Gleichzeitig übernimmt Gangway eine wichtige Vermittlungsfunktion: „Die Miete geht an Gangway, wir verwalten das Mietkonto und bezahlen die Gesamtmiete an die GESOBAU“, erklärt Saffi. Damit gibt es eine Schnittstelle zwischen den jungen Mieterinnen und dem Wohnungsunternehmen.
Genau darin liegt eine der Stärken des Modells. Gangway schafft den Zugang zu einem eigenen Zuhause, ohne den jungen Frauen die Verantwortung für ihr Wohnen abzunehmen. Die Bewohnerinnen sind Mieterinnen mit eigenen Rechten und Pflichten. Wenn es Fragen oder Probleme gibt, ist dennoch jemand da, der sie begleitet und zwischen ihnen und der GESOBAU vermitteln kann.
Die meisten jungen Frauen kommen aus überbelegten Wohnungen. Manche haben sehr lange nach Wohnraum gesucht, aber keinen gefunden.
Ein Zuhause ohne Ablaufdatum
Für viele junge Menschen ist der Zugang zu einer eigenen Wohnung in Berlin eine hohe Hürde. „Die meisten jungen Frauen kommen aus überbelegten Wohnungen. Manche haben sehr lange nach Wohnraum gesucht, aber keinen gefunden“, sagt Saffi. Die Schwierigkeiten beschränken sich dabei nicht auf die Wohnungssuche. „Wohnen ist ein Riesenproblem, es gibt viele Hürden. Da ist knapper Wohnraum, Bürokratie, eingeschränkter Zugang zu gut bezahlten Jobs – einfach fehlende Perspektiven.“
Das LAB 661 setzt an mehreren dieser Punkte an. Es stellt einen sicheren Wohnort zur Verfügung. Gleichzeitig geht es darum, die jungen Frauen dabei zu unterstützen, ihren Alltag selbstständig zu organisieren, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und eigene Perspektiven zu entwickeln. „Ein Jahr nach dem Einzug merken wir, dass alle selbständiger werden“, sagt Saffi.
Entscheidend ist dabei: Das Zuhause hat kein Ablaufdatum. Alle Bewohnerinnen haben einen unbefristeten Mietvertrag und können so lange in der WG bleiben, wie sie möchten. Wenn eine Bewohnerin irgendwann auszieht, geschieht das aus eigenem Entschluss und nicht, weil eine Maßnahme endet.
Zwei Bewohnerinnen haben diesen Schritt bereits gemacht. Eine ist in eine WG mit einer Freundin gezogen, eine andere hat eine eigene Wohnung gefunden. Für Aissa ist der nächste Schritt noch nicht unmittelbar geplant. Sie möchte voraussichtlich so lange in der WG bleiben, wie ihre Ausbildung dauert. Sie arbeitet bereits und beginnt demnächst ihre Ausbildung.
Selbstbestimmung statt Betreuung
Das LAB 661 versteht sich als „Wohnlabor“ und erprobt damit eine Wohnform zwischen völliger Eigenständigkeit und klassischer Betreuung. Die jungen Frauen bekommen nicht nur einen Platz zum Wohnen, sondern die Möglichkeit, Verantwortung für ihr eigenes Zuhause zu übernehmen. Gleichzeitig müssen sie Herausforderungen nicht allein bewältigen.
Das macht das Projekt auch für die Frage interessant, wie Wohnungslosigkeit verhindert werden kann. Ein sicherer Wohnort kann gerade für junge Menschen der Ausgangspunkt sein, um andere Bereiche ihres Lebens zu stabilisieren. Ausbildung, Arbeit, finanzielle Selbstständigkeit und persönliche Zukunftsperspektiven lassen sich leichter entwickeln, wenn die grundlegende Frage nach dem eigenen Zuhause geklärt ist.
Gangway übernimmt dabei eine Rolle, die sich als Brücke beschreiben lässt: Der Träger ermöglicht den Zugang zu regulärem Wohnraum und hält gleichzeitig eine Verbindung aufrecht, auf die die Bewohnerinnen zurückgreifen können. Die Unterstützung bleibt erreichbar, ohne dass aus eigenständigem Wohnen betreutes Wohnen wird.
„Das Projekt läuft sehr erfolgreich und ich würde mir wünschen, dass es in Zukunft weitere ähnliche Projekte gibt“, sagt Saffi. Angesichts des Berliner Wohnungsmarkts ist das ein Wunsch mit großer Bedeutung. Sechs Plätze können die Wohnungsnot nicht lösen. Das LAB 661 zeigt aber, wie soziale Arbeit und Wohnungswirtschaft zusammenwirken können, um jungen Menschen Zugang zu eigenständigem Wohnraum zu ermöglichen.
Für Aissa ist diese Perspektive bereits greifbar. Sie hat ein eigenes Zimmer, einen Job und bald einen Ausbildungsplatz. Die WG ist für sie ein Zuhause und zugleich ein Ort, an dem sie ihren nächsten Schritt selbst bestimmen kann. Gangway hat ihr die Tür zu diesem selbstständigen Leben geöffnet und hält diese so lange offen, wie Aissa dieses Angebot braucht.