"Zusammen is(s)t man weniger allein"
„Wattn? – Ja, das ist Berlinerisch! Ich kann aber nicht berlinern, ich komme aus Köln und dort nennt man den Dialekt Kölsch.“ Im Café Paule des Paul-Schneider-Haus in Spandau werden gerade grundlegende Fragen der deutschen Sprachkultur geklärt. Dazu gibt es Kaffee, Tee und kleine Muffins. Das Sprachcafé ist die neueste Ergänzung im umfangreichen Wochenplan des Paul-Schneider-Haus. Es findet im Café Paule statt und bietet Menschen, die gerade Deutsch lernen, die Möglichkeit, untereinander und mit Muttersprachler*innen bei einer Tasse Kaffee oder Tee ins Gespräch zu kommen. „Ingeborg hatte die Idee und hat mich gefragt, ob ich mitmachen will“, erzählt Margarete. Ingeborg und Margarete kennen sich schon lange von anderen Projekten, die sie ehrenamtlich betreuen.
Sie haben sich zum Beispiel gemeinsam für die Lesebühne engagiert – ein Angebot für Schüler*innen der 5. Klasse der Lynar-Grundschule. Einmal in der Woche kommen die Kinder nach dem Unterricht mit ihrer Lehrerin ins Paul-Schneider-Haus und lesen Ingeborg und Margarete etwas vor. Anschließend gehen sie die Geschichten noch einmal gemeinsam durch, damit die Schüler*innen die Texte nicht nur lesen, sondern auch verstehen. Sie sprechen über Wörter, die die Kinder noch nicht kennen. Margarete sucht dann oft Bilder raus, denn die verstehen alle. Das Angebot ist besonders wertvoll für Kinder, die mit ihren Familien zu Hause nicht deutsch sprechen, denn das Lesetraining erweitert den Wortschatz der Schüler*innen.
Angestoßen wurde das Projekt vor einigen Jahren von einer engagierten Lehrerin. Auf der Suche nach Lesepat*innen für die Kinder ihrer Klasse, wandte sie sich an das Nachbarschaftszentrum Paul-Schneider-Haus. Ingeborg gefiel die Idee sofort: „Dass Kinder Senioren vorlesen, fand ich toll. Auch wenn ich noch gar nicht so seniorisch bin!” Zum Ende des Schuljahres merken Margarete und Ingeborg, dass die Kinder nicht nur flüssiger lesen, sondern sich auch freier und besser ausdrücken können.
Dass Ingeborg sich besonders für Angebote engagiert, die Sprache und Bildung fördern ist kein Zufall: „Deutsch hatte ich als Abi-Fach, das war schon immer meins. Ich komme ursprünglich aus der Buchhaltung und dem Sekretariat – da muss man die Sprache schon gut beherrschen. Und ich habe mich immer gefreut, wenn wir Auszubildende hatten, weil ich ein richtiger Erklärbar bin.“ Für Ingeborg ist Sprache immer auch die Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe. In ihrem Viertel gäbe es schon genug „außen vor“. Spandau ist kein privilegierter Randbezirk und es gibt soziale Brennpunkte. Ingeborg findet es richtig, dass gerade hier eine Vielzahl an Nachbarschaftscafés und vergleichbaren Angeboten existieren. Diese Orte müssten auf jeden Fall gefördert werden.
Ich bin immer auch Gast und manchmal übernehme ich eben Aufgaben.
Offene, nicht-kommerzielle Räume, in denen Menschen in ihrem Kiez zusammenkommen können, um sich gegenseitig zu helfen oder um einfach beisammen zu sein, kann es für die Ehrenamtlichen im Paul-Schneider-Haus nicht genug geben. Hier gibt es keine Hierarchie zwischen Ehrenamtlichen und Gästen. „Ich bin immer auch Gast“, bestätigt Ingeborg, „und manchmal übernehme ich eben Aufgaben.“ So kam sie zu ihrem Engagement. In der Kochgruppe, die Ingeborg besuchte, fehlten immer helfende Hände. „Also bin ich regelmäßig hingegangen, habe hier und da geholfen.”
Auch Margarte betont, wie wichtig es ist, nicht immer nur in der Rolle der Verantwortlichen zu sein. Wenn sie zum Zumba im Nachbarschaftshaus geht, dann ist der Rollentausch ein willkommener Ausgleich – jemand kümmert sich um sie.
Mittlerweile ist Margarete in Rente. Als Pflegerin hatte sie sich beruflich lange um andere gekümmert. Wenn man zwölf Geschwister hat, dann bleibe einem eigentlich gar nichts anderes übrig als sozial zu werden, merkt Margarete mit einem Augenzwinkern an. Das Ehrenamt begleitet sie schon ihr ganzes Leben, aber gerade jetzt, wo sie mehr Zeit hat, ist es besonders schön eine Aufgabe zu haben und Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Dass diese Gemeinschaft gut funktioniert, merkt man auch daran, dass sich die Gäste im Sprachcafé wie zu Hause fühlen. Wer zur Tür reinkommt, wird von allen begrüßt. Man kennt sich eben. Schnell übernehmen Gäste selbst Aufgaben. Der erste Schritt hin zum Engagement ist kaum merkbar.
„Die Leute mal aus dem Haus kriegen” und ihnen die Möglichkeit geben, sich von anderen bekochen zu lassen, ohne ein hochpreisiges Restaurant besuchen zu müssen – das war Laras Idee, als sie das „Abendessen für Alle” im Paul-Schneider-Haus gestartet hat. Gerade kam die Lieferung der Berliner Tafel und während Lara in der Küche beginnt, große Mengen an buntem Gemüse klein zu schneiden, erzählt sie von dem Artikel, der ihr Engagement ausgelöst hat.
Darin ging es um ein Projekt in den Niederlanden: „Zusammen isst man weniger allein” soll Menschen zusammenzubringen. Als Lara sich mit ihrer Idee für das “Abendessen für Alle” bei der Einsamkeitsbeauftragten des Bezirks Reinickendorf meldet, empfiehlt sie Lara das Nachbarschaftshaus in Spandau. Vor allem diejenigen, die viel allein sind und wenig Geld haben, möchte Lara mit ihrer Einladung zum gemeinsamen Essen erreichen: „Alleinerziehende und ältere Menschen, Familien mit Kindern – viele können nicht einfach mal essen gehen.” Die Gäste des „Abendessen für Alle“ schätzten auch die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Das sei auch das übergeordnete Ziel des Paul-Schneider-Haus: Die Menschen, die im Kiez leben, sollen Teilhabe erfahren und in Gesellschaft sein.
„Natürlich kommt wahnsinnig viel zurück. Zum Beispiel, wenn Menschen sich darüber freuen, mich zu sehen”, sagt Margarete. Die Ehrenamtlichen im Café Paule haben eine Beziehung zu den Menschen, für die sie da sind. Im Nachbarschaftszentrum Paul-Schneider-Haus gibt es Beratungsangebote jeder Art, die ganze Woche über Gruppenaktivitäten – von Zumba über gemeinsames Stricken bis Tischtennis – sowie Treffpunkte für Selbsthilfegruppen. Vor allem aber gibt es die Möglichkeit, Ideen einzubringen und Angebote füreinander zu schaffen. Und diese Möglichkeit wird genutzt.
übrigens
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Das Paul-Schneider-Haus ist eine Kooperation des Gemeinwesenverein Haselhorst e.V. mit der Evangelischen Kirchgemeinde im Norden Spandaus.
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2027 feiert das Nachbarschaftszentrum seinen 70. Geburtstag.