•   Rubrik Bericht

Wie aus einer Mentoring-Begegnung Freundschaft wurde

  • Autor Lara Elisa Schwöbel
  • Veröffentlichungsdatum 07. Mai 2026
  • Lesezeit 3 Minuten

Als Fatima vor fast zwei Jahren aus Marokko nach Berlin kam, begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. Neue Stadt, neue Sprache, neue Ausbildung. In dieser herausfordernden Zeit findet die 29-Jährige mit dem Mentoringprogramm Hürdenspringer des Unionhilfswerks eine wichtige Unterstützung.

Seitdem an ihrer Seite: Sabine, 65 Jahre alt, gebürtige Berlinerin und frisch im Ruhestand. Beruflich war sie viele Jahre als Diversity-Beauftragte bei der Berliner Stadtreinigung tätig. Sie engagiert sich schon lange im Bereich Mentoring. Über das Programm Hürdenspringer findet sie schließlich zu Fatima.

Was als Unterstützung beim Deutschlernen beginnt, wird schnell mehr als das.

Ein Match mit Wirkung

Über ihre Berufsschule erfährt Fatima von Hürdenspringer. Eine Lehrkraft empfiehlt ihr das Angebot. Fatima sucht damals vor allem eines: jemanden, mit dem sie regelmäßig sprechen und ihr Deutsch verbessern kann.

Das Mentoring-Projekt des Unionhilfswerks unterstützt Schüler*innen, Geflüchtete und Auszubildende. Seit 2009 sind bereits mehr als 1.500 Tandems entstanden. Sie treffen sich in der Regel einmal pro Woche für etwa eineinhalb Stunden. Es geht um Karriereplanung, Prüfungsvorbereitung und Fragen rund um den Alltag in Deutschland. Über 90.000 ehrenamtliche Stunden kamen in dem Zeitraum schon zusammen.

Sabine entschied sich bewusst dafür, nach dem Berufsleben ihre Lebenserfahrungen weiterzugeben. Zunächst nimmt sie an einer Einführung für Mentor*innen teil – mit Themen wie Erwartungen, Grenzen und interkultureller Kompetenz.

Für Sabine und Fatima ist nach dem Kennenlernen schnell klar: Das könnte passen.

Und es passte.

„Schon beim ersten Treffen habe ich gespürt: Ja, das ist ein Match“, erzählt Fatima. „Sabine ist sehr freundlich. Sieerinnert mich an meine Mutter. Wenn ich ein Problem habe, schreibe ich ihr direkt. Sabine ist meine erste Freundin in Deutschland.“

Auch Sabine erinnert sich an die erste Begegnung: „Ich fand Fatima sofort sympathisch. Und ich bin ein neugieriger Mensch. Ich wollte wissen: Wer ist sie? Wie lebt ihre Familie in Marokko? Was können wir voneinander lernen?“

Mehr als eine Nachhilfe

Hürdenspringer bringt Menschen zusammen, die sich gegenseitig stärken. Manchmal geht es um Unterstützung in der Schule, manchmal um berufliche Fragen, manchmal um Orientierung im Alltag.

Bei Fatima, die in Berlin eine Ausbildung zur Speditions- und Logistikkauffrau macht, steht zunächst die Sprache im Mittelpunkt. Sabine ermutigt Fatima vor ihren Prüfungen und steht ihr mental zur Seite, wenn das Lernen mal stressig wird.

Doch oft geht es um viel mehr als um den Lernstoff. Dann sprechen Fatima und Sabine über Feiertage, Familienleben, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Marokko oder darüber, wie man in Berlin am besten Spargel isst.

„Ich hatte früher keine Ahnung von Weihnachten oder Ostern“, sagt Fatima lachend. „Sabine hat mir alles erklärt.“

Lernen in beide Richtungen

Mentoring ist keine Einbahnstraße. Auch Sabine nimmt viel aus den Treffen mit. Sie bewundert Fatimas Mut, allein nach Berlin gekommen zu sein, um sich beruflich etwas aufzubauen.

Außerdem schätzt sie die gemeinsamen Gespräche über Kultur, Rollenbilder und Alltag. „Man merkt oft, dass Menschen aus unterschiedlichen Generationen und Ländern mehr gemeinsam haben, als man denkt.“ So können die beiden Frauen trotz fast 35 Jahren Altersunterschied Parallelen bei ihren Vätern erkennen und sich darüber austauschen.

Und auch kulinarisch hat Fatima Spuren hinterlassen: Bei einem gemeinsamen Frühstück bringt sie marokkanische Pancakes mit. Sabine ist so begeistert davon, dass es kurze Zeit später Nachschub gibt.

Mentoring im echten Leben

Die Treffen der beiden finden kaum in den Räumlichkeiten des Unionhilfswerksstatt. Im Sommer sitzen sie im Treptower Park beim Picknick, sie trinken Kaffee im Körnerpark oder besuchen gemeinsam den Wochenmarkt. Sie waren schon zusammen in Potsdam, essen marokkanisch und planen das nächste Treffen oft schon beim Abschied.

Fatima und Sabine bei einem gemeinsamen Ausflug nach Potsdam © Sabine Pöggel

Es ist diese Mischung aus Verbindlichkeit, Offenheit und echtem Interesse, die das Tandem trägt. „Wir sind beide sehr zuverlässig“, sagt Sabine. „Und wir sagen ehrlich Bescheid, wenn etwas nicht geht. Das ist wichtig.“

Warum Programme wie Hürdenspringer wichtig sind

Für Sabine steht fest: Angebote wie Hürdenspringer stärken das gesellschaftliche Miteinander.

Ehrenamt ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Man gibt etwas weiter und bekommt immer auch viel zurück.

Sabine, Hürdenspringer Unionhilfswerk

Fatima und Sabine © Lara Elisa Schwöbel

Gerade in einer vielfältigen Stadt wie Berlin entstehen so Begegnungen, die im Alltag sonst oft nicht stattfinden würden: zwischen Generationen, Kulturen und Lebensrealitäten.

Fatima konzentriert sich aktuell vor allem auf ihr großes Ziel: die Ausbildung erfolgreich abschließen. Aber sie kann sich vorstellen, später selbst etwas zurückzugeben und sich ehrenamtlich zu engagieren.

Bis dahin springt sie erst einmal weiter über Hürden – mit Sabine an ihrer Seite.