Wenn der Alarm geht – Ehrenamt im Katastrophenschutz
Autor
Dominique Hensel
Veröffentlichungsdatum
07. Mai 2026
Lesezeit
4 Minuten
An einem Samstag um 10 Uhr morgens ging bei Alexander Hugo der Alarm an. Über einen Pager wurde er am 3. Januar zum Einsatz gerufen, denn nach einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Südwesten Berlins war in mehreren Bezirken der Strom ausgefallen. 45.000 Haushalte waren von dieser sogenannten Großschadenslage betroffen. Für Einsatzkräfte wie Alexander Hugo begann damit ein Dienst im Zivil- und Katastrophenschutz. „Ich bin zuerst zum Regionalverband in der Flottenstraße, von dort sind wir mit unseren Fahrzeugen direkt nach Steglitz gefahren“, erzählt Alexander Hugo. Er ist als Freiwilliger beim ASB Regionalverband Berlin-Nordwest e.V. tätig, in Krisensituationen wie dem Stromausfall ist sein Engagement gefragt und wichtig.
Betreuungsplatz in der Sporthalle
Am Einsatzort bekam sein Team den Auftrag, in der Sporthalle der Zinnowwald-Grundschule in Zehlendorf einen Betreuungsplatz einzurichten. „Die Schule hatte Strom, zwei Straßen weiter gab es keinen“, erzählt Alexander Hugo. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) war an diesem Tag mit 100 Ehrenamtlichen an verschiedenen Einsatzstellen vor Ort. Zusammen richteten sie den Anlaufpunkt ein. Es wurden Bänke aufgebaut, ein Handyladebereich bereitgestellt, Betten zusammengebaut. „Es war kalt, es lag sogar Schnee“, erinnert sich der Freiwillige. Die Betreuungsstelle war danach rund um die Uhr besetzt – Alexander Hugo gehörte zur ersten Schicht.
Zusammenarbeit der Hilfsorganisationen
Die ehrenamtlichen Einsatzkräfte des ASB waren nicht allein am Einsatzort. Viele weitere Organisationen halfen mit, darunter die Berliner Feuerwehr und das Technische Hilfswerk. „Wir wurden von der DLRG versorgt, die später auch die Essensausgabe für die Menschen übernommen hat“, sagt Alexander Hugo. Dieses Miteinander der Hilfsorganisationen ist bei Einsätzen dieser Art ganz normaler Alltag. Das war beim Stromausfall so, aber auch während der überraschenden Kälte im Januar und Februar, als die Hilfsorganisationen wegen vieler Unfälle im Notfalleinsatz stark gefordert waren. „Wir arbeiten Hand in Hand zusammen. Wir sprechen die gleiche Sprache, wir haben die gleichen Ziele. Jeder bringt seine Expertise ein“, sagt Michael Neiße vom Landesverband Berlin der DLRG. Beim Stromausfall haben die Freiwilligen der DLRG Feldküchen aufgebaut, Wasser und Lebensmittel ausgegeben und eine Notunterkunft betrieben.
„Wir bekommen oft Kommentare wie: 'Toll, dass ihr da seid. Toll, dass ihr das macht'“, sagt Alexander Hugo vom ASB. Viele Menschen überrascht es jedoch, dass diese wichtigen Aufgaben bei Naturkatastrophen oder anderen Krisen, die Rettung und Evakuierung, medizinische Versorgung, Brandbekämpfung oder technische Hilfe erfordern, überwiegend von Ehrenamtlichen übernommen werden. Im Katastrophenschutz werden sogar die meisten Aufgaben ehrenamtlich übernommen. Hauptamtliche arbeiten dabei eher in der Koordination, in Leitstellen, bei Rettungsdiensten oder Berufsfeuerwehren. Bei der DLRG arbeiten (außer im Betrieb der Geschäftsstelle des Landesverbands) nur ehrenamtliche Helfer – beim Wasserrettungsdienst, beim Schwimmunterrichts für unzählige Kinder und Erwachsene in Berlin und auch im Zivil- und Katastrophenschutz steht das Ehrenamt im Vordergrund. Auch beim großen Stromausfall waren Freiwillige der DLRG im Einsatz. „So einen Fall wie den Stromausfall könnten die Behörden ohne Ehrenamtliche gar nicht stemmen“, ist Neiße überzeugt.
Die Hilfsorganisationen schulen ihre Ehrenamtlichen, organisieren Weiterbildungen und bereiten sie auf ihre Einsätze bestmöglich vor. Bei dem Stromausfall kurz nach dem Jahreswechsel kam den Freiwilligen des ASB in diesem Zusammenhang auch noch ein Zufall zur Hilfe. „Der ASB macht mit seinen Freiwilligen ein Mal im Jahr eine berlinweite Übung. Im Frühjahr 2025 wurde zufällig ein Stromausfall geübt“, sagt Alexander Hugo. So waren die Einsatzkräfte bestens vorbereitet auf diesen längsten Stromausfall in der Hauptstadt seit dem Zweiten Weltkrieg.
Persönliche Motivation und Verantwortung
Alexander Hugo ist seit 2023 beim ASB. „Ich bin froh, dass der ASB das Vertrauen in mich hatte und mir eine Rettungssanitäterausbildung finanziert hat“, sagt Hugo, der Non-Profit-Management studiert und für den das freiwillige Engagement ein Hobby ist – ein Hobby mit viel Einsatz: Er absolviert mehrere hundert Einsatzstunden im Jahr. Sein Hobby beginnt, wenn sein Pager ihn ruft oder wenn es geplante Einsätze gibt wie bei der Absicherung der Hertha-Spiele, großer Konzerte im Olympiastadion oder der Parade zum Christopher Street Day. Vor Kurzem wurde er in den Vorstand seines Regionalverbands gewählt.
Ich finde, ich habe eine gesellschaftliche Verantwortung. Ich bin privilegiert, mir geht es gut. Da möchte ich auch etwas zurückgeben.
„Ich finde, ich habe eine gesellschaftliche Verantwortung. Ich bin privilegiert, mir geht es gut. Da möchte ich auch etwas zurückgeben“, sagt Alexander Hugo. Für ihn steht der Solidaritätsgedanke im Vordergrund und die Möglichkeit, seine erworbenen Fähigkeiten gemeinnützigen Organisationen zugutekommen zu lassen: „Ich profitiere davon, indem ich Erfahrungen sammle, und andere Menschen profitieren auch davon.“ Das bestätigt auch Michael Neiße von der DLRG: „Es macht den Ehrenamtlichen Spaß, sie können das Gelernte einsetzen. Darauf sind sie zu recht stolz.“
Kritik und Ausblick
„Wir sind mit unserer Leistung beim Stromausfall zufrieden. Die Stadt Berlin könnte noch besser vorbereitet sein auf solche Szenarien“, sagt Alexander Hugo. Und auch bei der finanziellen Absicherung der Freiwilligen könnte es Verbesserungen geben. Denn wenn die Freiwilligen auch keine Bezahlung für ihren Einsatz erhalten, muss doch jemand die Lohnfortzahlung im Einsatzfall übernehmen – damit die Arbeitgeber*innen die Einsatzkräfte gehen lassen. „Das muss bei jedem Einsatz neu geklärt werden“, sagt der Ehrenamtliche. Wenn es dafür eine grundsätzliche Klärung gäbe, hätten die Hilfsorganisationen mehr Sicherheit für ihre Freiwilligen und es würde im Ernstfall einfach schneller gehen.
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