•   Rubrik Gastbeitrag

Mit Engagement gegen Einsamkeit und Extremismus

  • Autor Dr. Joachim Rock
  • Veröffentlichungsdatum 07. Mai 2026
  • Lesezeit 5 Minuten

Deutschland ist ein Land der Vereine und des organisierten Engagements. Über 83 Millionen Menschen leben in Deutschland, gleichzeitig gibt es über 600.000 eingetragene Vereine, die Engagement organisieren. Freiwilliges Engagement findet aber auch außerhalb der Vereine statt. Insgesamt sind nach dem aktuellen Freiwilligensurvey etwa 27 Millionen Menschen in Deutschland freiwillig engagiert.

Dabei bilden die Zahlen vielfältiges Engagement nicht ab: Wer informelle Pflege von Angehörigen ausübt, in der Nachbarschaft aushilft oder temporär Geflüchtete unterstützt, dem liegt es häufig fern, sich als „Ehrenamtler“ zu begreifen. Zu selbstverständlich ist es, sich mit- und füreinander einzubringen. Und dennoch: Die Statistiken zeichnen vielleicht keine heile Welt, verweisen aber doch auf beachtliche Zahlen. Hinter den Zahlen steht aber auch ein Strukturwandel des Engagements, das heute individueller, flexibler und weniger organisationsgebunden daherkommt. Es war und ist häufig sozial ungleich verteilt und hängt stark von Bildung, Einkommen und Teilhabechancen ab.

Die Organisation des freiwilligen Engagements hat der Staat längst zu seiner Sache gemacht. Rund 30 Millionen Euro investiert der Bund jährlich in die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Am 23. Mai 2026, zum Geburtstag des Grundgesetzes, rufen die Stiftung und der Bundespräsident gemeinsam zum „Ehrentag“ auf. Zahlreiche weitere staatliche Initiativen widmen sich in ähnlicher Weise der Engagementförderung.

Diese Entwicklungen sind nicht ohne Risiko, gerade wenn der Staat Engagement normiert und bewertet. Immer dann, wenn Dritte versuchen, zivilgesellschaftliches Engagement zu „produzieren“, schwächen sie die Eigenlogik der Zivilgesellschaft und damit genau die Kräfte, die freiwilliges bürgerschaftliches Engagement stärken. Engagement profitiert von Förderung, lebt jedoch von Freiwilligkeit, Vertrauen und gesellschaftlicher Verankerung.

Gleichzeitig verstärkt sich die öffentliche Wahrnehmung von Einsamkeit und führt zu politischen Initiativen zu ihrer Überwindung. Über 12 Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich einsam, häufig gerade junge Menschen. Zuletzt förderte die Bundesregierung deshalb 111 Maßnahmen gegen Einsamkeit im Volumen von etwa 70 Millionen Euro. Vom 22. bis 28. Juni 2026 findet zum vierten Mal die bundesweite Aktionswoche gegen Einsamkeit statt.

Eine hohe Kontinuität im freiwilligen Engagement und eine Zunahme des Empfindens von Einsamkeit müssen kein Widerspruch sein.

Dr. Joachim Rock

Eine hohe Kontinuität im freiwilligen Engagement und eine Zunahme des Empfindens von Einsamkeit müssen kein Widerspruch sein. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert hat der amerikanische Sozialwissenschaftler Robert Putnam in seinem Werk „Bowling Alone“ neben einem Rückgang des freiwilligen Engagements auch einen Strukturwandel beschrieben: Menschen verbringen mehr Zeit mit Medien, investieren weniger Zeit in Gemeinschaftsaktivitäten, richten ihre Prioritäten häufiger nach individualistischen Kriterien aus.

Mit der Entwicklung wachsen vielfach Optionen zu Freiheit und Selbstbestimmung. Im Gegensatz dazu wachsen aber auch der Druck, für sich selbst verantwortlich zu sein, und die daraus resultierende Unsicherheit in der Multioptionsgesellschaft. Diese Entwicklung korreliert in vielerlei Hinsicht mit wachsendem politischem Extremismus, ohne als einfache Erklärung für sein Entstehen oder gar Überwinden zu taugen, dazu sind zu viele andere weitere Aspekte von Belang. Dennoch habe ich den Eindruck, dass beide Entwicklungen nicht unverbunden nebeneinanderstehen, nicht in einem einfachen Ursache-Wirkungs-Verhältnis, aber als Nährboden für eine Anfälligkeit gegenüber extremistischen Angeboten.

Wer sich weniger eingebunden und am Ende gar einsam fühlt, dem fehlt es an sozialer Bindung, an Resonanz. Es fehlt damit einerseits an Anerkennung und Bestätigung, an einem Gefühl der Zugehörigkeit und damit auch an einem sozialen Korrektiv. Extremismus, gerade auch der auf Abgrenzung und soziale Schließung zielende Rechtsextremismus, macht in dieser Situation Angebote. Er bietet Identitätsangebote durch Freund-Feind-Unterscheidungen, vermittelt Gefühle von Gemeinschaft und bietet einfache Erklärungen für komplexe Fragestellungen.

Wo soziale Bezüge Bindungen und Vertrauen schaffen, wachsen in der fragmentierten Gesellschaft „Misstrauensgemeinschaften“ (Aladin El-Mafaalani) heran. Dieser Mechanismus ist alles andere als neu. Hannah Arendt, die große politische Analystin und Publizistin, schrieb in ihrer Untersuchung zu „Ursprüngen und Elementen totalitärer Herrschaft“: „Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt (…) ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet in der Krise zusammen“. Statt gemeinsamer Erfahrungsräume entstehen Filterblasen und Echokammern, die anders als gemeinsame Erfahrungen kein Vertrauen stiften, sondern Misstrauen befördern.

Die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten, die Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus wieder zusammenbringt und gemeinsame Erfahrungen ermöglicht, erscheint so als ein wesentlicher Beitrag, um Einsamkeit und das Gefühl des Ausgeliefertseins überwinden zu helfen.

Dr. Joachim Rock

Und an eben solchen gemeinsamen Alltags- und Erfahrungsräumen fehlt es zunehmend, wie auch der Soziologe Rainald Manthe in seiner Schrift „Demokratie braucht Begegnung“ überzeugend dargelegt hat. Die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten, die Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus wieder zusammenbringt und gemeinsame Erfahrungen ermöglicht, erscheint so als ein wesentlicher Beitrag, um Einsamkeit und das Gefühl des Ausgeliefertseins überwinden zu helfen. Statt Misstrauen kann so Vertrauen kultiviert, statt mangelnder Handlungsmöglichkeiten Selbstwirksamkeit erfahren werden.

Der Kasseler Sozialwissenschaftler Wolfgang Schröder, einer der kenntnisreichsten Deuter der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an der Schnittstelle zwischen Staat und Zivilgesellschaft, hat deshalb erst vor wenigen Wochen eine ungewöhnliche, aber konsequente Schlussfolgerung daraus gezogen, dass mit schwindendem Engagement und wachsender Einsamkeit auch der Extremismus zunimmt. Er fordert ein Bundesförderprogramm für 10.000 neue Kneipen.

Wir sind aber nicht auf neue Kneipen angewiesen, um Menschen zusammenzubringen und durch freiwilliges Engagement Solidarität und Sinn zu stiften. Die gemeinnützigen Initiativen in Sport, Kultur und nicht zuletzt im sozialen Bereich, in der Wohlfahrtspflege, leisten dies bereits heute. Sie ermöglichen es, Demokratie im Alltag zu leben, in der Kontinuität von Vereinsarbeit ebenso wie in offenen und projektbezogenen Initiativen. Sie schaffen Begegnungsräume, verbinden Menschen, stiften Vertrauen und Zugehörigkeit.

Den Kern rechtsextremen Denkens bilden Ideologien der Ungleichwertigkeit. Nicht Inklusion, sondern die Ausgrenzung ganzer Gruppen ist sein Programm. Mit der Schärfung des Freund-Feind-Denkens produziert er negative Energie, auf die er angewiesen ist. Die Stärkung des sozialen Miteinanders leistet das Gegenteil. Sie stärkt Vertrauen, Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Extremismus verliert dadurch an Macht und Wirkung.

Gerade deshalb muss freiwilliges Engagement mit all seinem Eigensinn und in seiner ganzen Vielfalt gefördert werden. Es stärkt soziale Bindungen, eröffnet Erfahrungsräume jenseits von Abgrenzung und fördert Selbstwirksamkeit. In einer Zeit wachsender Unsicherheit und Einsamkeit ist es damit nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität, sondern eine zentrale Ressource für den Zusammenhalt und die Stabilität der offenen Gesellschaft und ihrer Freunde.

© Paritätischer Gesamtverband
über den Autor

Dr. Joachim Rock seit 2024 Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Er war zuvor als Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Europa sowie Leiter des Politischen Verbindungsbüros im Paritätischen Gesamtverband tätig.