•   Rubrik Bericht

Gemeinsam gegen die Krise: Wie Austausch, Aufklärung und Engagement psychische Gesundheit stärken

  • Autor Christine Göttert
  • Veröffentlichungsdatum 07. Mai 2026
  • Lesezeit 5 Minuten

Uwe Wegener zählt sicher zu den bekanntesten Akteuren der Berliner Selbsthilfeszene. Der von ihm mitbegründete Verein bipolaris e.V. setzt sich seit 2008 für die Interessen von Menschen mit einer bipolaren Störung und deren Angehörigen ein, betreibt Aufklärungsarbeit, vernetzt Selbsthilfegruppen und bringt die Betroffenenperspektiven in fachpolitische Gremien ein. Der Verein ist außerdem Veranstalter des alljährlichen MARKT und LAUF für seelische Gesundheit, einer der größten und bekanntesten Publikumsveranstaltungen zum Thema seelische Gesundheit in Berlin.

Impressionen vom MARKT und LAUF für seelische Gesundheit 2025

  • © Andreas Stenzel
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Für seinen langjährigen Einsatz wurde Wegener im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz für herausragende persönliche Leistungen am Bande ausgezeichnet. Sehr zu Recht, allerdings liegt Wegener wohl kaum etwas ferner, als ein allzu großes Gewese um seine eigene Person: „Natürlich ist das eine große Ehre“, erklärt er, allerdings kenne er viele Menschen, die das eher verdient hätten. Für ihn sei die Auszeichnung aber vor allem eine Anerkennung für die Selbsthilfe im Bereich der mentalen Gesundheit. „Als ich gehört habe, dass ich eine Stunde Zeit mit der Gesundheitssenatorin habe, dachte ich: dann will ich auch etwas einbringen.“ Und so lenkte er im Anschluss an das Protokoll und mit frisch ans Rever geheftetem Orden die Aufmerksamkeit auf die Themen, für die er sich einsetzt. „Ich hatte die Gelegenheit, über eine Stunde mit der Senatorin über seelische Gesundheit und Selbsthilfe zu sprechen. Jetzt kennt sie mich persönlich und das ist gut. Je bekannter man ist, desto mehr kann man bewegen.“

Auf Wegeners persönlicher Bucketlist stand sein Engagement allerdings nicht. „Ich wäre heute wahrscheinlich Geschäftsführer eines mittelständigen Unternehmens“, erklärt der ehemalige Systemanalyst. Den Weg in die Gremienarbeit hat seine eigene Krankheitsgeschichte vorgezeichnet. Früh erlebt er massive Stimmungsschwankungen, wird erfolglos wegen Depressionen behandelt und findet erst nach Jahren heraus, dass es sich um eine bipolare Störung handelt.

Da hatten die Krisen ihre Spuren längst hinterlassen, Wegener musste seinen Abteilungsleiterposten aufgeben und sich mit Anfang 40 berenten lassen. „Das war schon schlimm. Wie viele Menschen habe auch ich ein starkes Leistungsbedürfnis.“

Ich musste mich nicht erklären, sie haben es verstanden.

Uwe Wegener, bipolaris

Die Selbsthilfe entdeckte Wegener kurz nach der Diagnose für sich. „Ich hatte von Selbsthilfegruppen schon gehört und durch mein früheres Engagement in der Schülervertretung war ich mit Selbstorganisation bereits vertraut, das war halt immer schon mein Ding!“ Sich mit Menschen auszutauschen, die ebenfalls betroffen sind, half ihm sich zu stabilisieren. „Da waren plötzlich andere Leute, die die gleichen Erfahrungen gemacht hatten. Ich musste mich nicht erklären, sie haben es verstanden.“ Die Gruppe gab ihm Halt und Orientierung: „Man lernt nicht nur etwas über die eigene Bipolarität, sondern darüber, wie man mit den Beeinträchtigungen leben kann.“ Neben der Psychotherapie und der Medikation bildete die Selbsthilfe den dritten Baustein im Umgang mit der Störung.

Das gemeinsame Interesse, mehr über die eigene Erkrankung zu erfahren, war groß. Die Gruppe organisierte Infoabende, lud Experten ein und fing an sich mit anderen Gruppen zu vernetzen. „Ich habe dann irgendwann die Moderatoren der anderen Selbsthilfegruppen angerufen und eine gemeinsame Veranstaltung im Klinikum Friedrichshain organisiert.“ Die Veranstaltung war gut besucht, der Bedarf an Aufklärung groß. „Psychische Krisen betreffen das ganze Leben - Beziehungen, Arbeit, Alltag und das wollten wir thematisieren. Bis heute ist Aufklärung eines der wichtigsten Anliegen unseres Vereins.“

Seit über 15 Jahren leisten Wegener und seine Weggefährt*innen wichtige Aufklärungsarbeit, beraten Betroffene und vertreten ihre Interessen in fachpolitischen Gremien. Dass Betroffene in politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden, ist ein wichtiger Schritt in Richtung echte Teilhabe. Das Bundesteilhabegesetz hat das Mitwirkungsrecht gestärkt, aber „Rechte ohne Ressourcen sind eigentlich ein schlechter Witz“, findet Wegener. Mitwirkung erschöpfe sich nicht darin, zwei Stunden pro Woche in Gremien vertreten zu sein. Der Aufwand, sich inhaltlich einzuarbeiten, politische Netzwerke zu etablieren und Prozesse oft jahrelang zu begleiten, sei enorm hoch. „Es gibt wenige Menschen, die bereit und imstande sind das ehrenamtlich zu leisten. Wer die Perspektive Betroffener ernsthaft einbeziehen will, muss dafür auch die strukturellen Voraussetzungen schaffen.“

Warum er sich trotzdem engagiert, weiß Wegener allerdings genau: „Auch kleine Veränderungen sind besser als gar keine. Das gilt auch für unsere Veranstaltungen: Wir werden nicht die Welt verändern, aber wenn jemand dadurch einen kleinen Schritt weiterkommt, dann ist das wertvoll! Und genau das macht mir immer wieder Mut: zu wissen, dass es Menschen gibt, die hinterher sagen, das habe ihnen etwas gebracht.“

übrigens

  • Der nächste MARKT und LAUF für seelische Gesundheit findet am 12. Juni statt. Mehr Infos dazu findet ihr im Veranstaltungskalender.