•   Rubrik Interview

Ein Jahr für die Gesellschaft: Warum von Freiwilligendiensten alle profitieren

  • Autor Masha Slawinksi
  • Veröffentlichungsdatum 07. Mai 2026
  • Lesezeit 4 Minuten

Die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd) begleiten jährlich tausende Menschen in Freiwilligendiensten in Berlin, deutschlandweit und im Ausland. Für junge Menschen bietet dieses Jahr oft einen ersten Blick in die reale Welt nach der Schule. Auch ältere Menschen engagieren sich im Rahmen der Freiwilligendienste.

Welche Rolle Freiwilligendienste heute für Gesellschaft und Zusammenhalt spielen, darüber spricht Peggy Coburger, stellvertretende Geschäftsführerin bei den ijgd Berlin. Das Interview führte Masha Slawinski.

© ijgd Berlin

Frau Coburger, die ijgd begleiten jährlich rund 4.000 Menschen in Freiwilligendiensten in Berlin, deutschlandweit und im Ausland. Was treibt Menschen an, einen Freiwilligendienst zu absolvieren?

Die jungen Leute kommen meist direkt von der Schule. Einige haben einen klaren Berufswunsch und wollen sich in dem Feld ausprobieren, andere suchen noch, wo es beruflich hingehen soll und wieder andere wollen einfach mal etwas Praktisches machen und sich in einem bestimmten Bereich engagieren. Für alle ist der Freiwilligendienst ein Lern- und Orientierungsjahr, wo sie persönliche und berufliche Erfahrungen sammeln können, ohne sich gleich auf Jahre festzulegen. Manche merken: Das war eine tolle Erfahrung, aber beruflich will ich was anderes machen. Und viele stellen fest: Das ist genau mein Ding.

Bei internationalen Diensten spielt oft das Interesse an dem Land, der Sprache und der Kultur eine Rolle. Wer ins Ausland geht, möchte durch gesellschaftliches Engagement vor Ort die Welt anders wahrnehmen, als sie nur touristisch zu bereisen. Viele interessieren sich für ökologische, handwerkliche oder politische Themen und suchen gezielt nach einem Dienst, der dazu passt.

 

Was nehmen Freiwillige persönlich aus einem freiwilligen Jahr mit?

Vor allem bekommen sie einen Einblick in die reale Welt. Wer in einer Einrichtung arbeitet und konkret mit Problemen konfrontiert wird, sieht oft zum ersten Mal, welche Herausforderungen es in der Gesellschaft gibt und wie viel Engagement notwendig ist, um soziale Arbeit aufrechtzuerhalten. Das verändert den Blick auf die Gesellschaft nachhaltig.

Und es ist beeindruckend, wie die jungen Leute in der Zeit persönlich wachsen. Viele übernehmen zum ersten Mal echte Verantwortung, müssen sich in neue Situationen einfinden und entwickeln ein besseres Gefühl dafür, was sie können und was sie wollen.

Gerade in den begleitenden Seminaren haben sie die Gelegenheit, ihre Erfahrungen zu reflektieren, sich auszutauschen und gesellschaftliche Themen zu diskutieren.

 

Wie profitiert die Gesellschaft von dem freiwilligen Engagement?

Ein zentraler Punkt ist die Stärkung der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Menschen übernehmen gesellschaftliche Verantwortung und entwickeln ein stärkeres Bewusstsein für soziale Probleme. Das ist ein unheimlich wichtiger und auch langfristiger Beitrag zum demokratischen Miteinander. Gerade über Programme wie internationale Freiwilligendienste kommen auch Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland. Das stärkt das Verständnis für andere Kulturen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Welche Rolle spielen Freiwilligendienste gerade in Berlin?

Eine sehr große Rolle. Die Stadt ist vielfältig, und ebenso vielfältig sind die sozialen Herausforderungen, mit denen die Menschen und die Einrichtungen täglich umgehen müssen. Nicht zuletzt in der Corona-Pandemie haben wir gesehen, wie stark viele soziale Einrichtungen unter Druck stehen. Freiwillige sind hier eine wichtige zusätzliche Unterstützung.

 

Wie macht sich die Unterstützung der Freiwilligen in den Einrichtungen bemerkbar?

Durch die Freiwilligen können viele Einrichtungen zusätzliche Angebote machen. Nehmen wir zum Beispiel ein Altenheim: Die grundlegenden Aufgaben decken die Fachkräfte ab. Für zusätzliche Angebote wie Spaziergänge, Spiele oder Gespräche mit den älteren Menschen bleibt jedoch oft kaum Zeit. Hier kommen Freiwillige zum Einsatz, die für die Menschen vor Ort einen spürbaren Unterschied machen.

Gleichzeitig ist das ein sensibler Bereich. Wir achten sehr darauf, dass mit den Freiwilligen keine regulären Stellen ersetzt werden. Freiwillige machen Lücken im System manchmal sichtbarer – sie sollen diese aber nicht füllen.

 

Im vergangenen Jahr wurden im Bundeshaushalt die Gelder für die Freiwilligendienste gekürzt. Wie machte sich das in Ihrer Arbeit bemerkbar?

Die Kürzungen haben sich deutlich bemerkbar gemacht. Überall steigen die Kosten, etwa bei Personal, Mieten oder Seminarhäusern. In diesem Jahr sind die Bundesmittel für das FSJ zwar etwas erhöht worden, aber für eine echte Stärkung der Freiwilligendienste reicht das nicht. Gerade in den internationalen Freiwilligendiensten sind wir extrem unterfinanziert. Darunter leidet langfristig die Qualität. Derzeit können wir das noch durch das sehr hohe Engagement unserer Mitarbeitenden auffangen – aber es gibt Grenzen.

 

Haben die ijgd mit zu niedrigen Anmeldezahlen zu kämpfen?

Vor ein paar Jahren hätte ich diese Frage mit Ja beantwortet, mittlerweile lautet meine Antwort Nein. Wir hatten zuletzt sogar Wartelisten. Das heißt: Nicht fehlende Freiwillige sind aktuell das Problem, sondern fehlende Kapazitäten und eine unzureichende Finanzierung. Wenn mehr Menschen einen Freiwilligendienst machen sollen, braucht es dafür dauerhaft die entsprechenden Mittel und die damit verbundene Planungssicherheit.

Wenn jemand gezwungen wird, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, ist das von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Peggy Coburger, ijgd Berlin

Immer wieder wird über einen verpflichtenden Freiwilligendienst diskutiert. Wie bewerten Sie diese Debatte?

Wir haben da eine klare Position: Für uns ist die Freiwilligkeit ein sehr hoher Wert, denn gesellschaftliches Engagement lässt sich nicht verordnen. Wenn jemand gezwungen wird, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, ist das von vornherein zum Scheitern verurteilt. Gemeinsinn, Empathie und bürgerschaftliches Engagement wachsen am besten von unten aus der persönlichen Erfahrung etwas bewegen zu können. Statt für Pflicht und Zwang setzten wir uns für das Recht auf einen Freiwilligendienst ein.

 

Wie würde eine Stärkung der Freiwilligendienste aus Ihrer Perspektive aussehen?

Wir brauchen eine bessere Finanzierung – gerade auch für die internationalen Freiwilligendienste, mehr Planungssicherheit für die Träger, um die Qualität der pädagogischen Begleitung zu sichern. Vor allem benötigen wir eine deutlich bessere soziale Absicherung der Freiwilligen. Das Taschengeld für Freiwillige ist mit rund 400 bis 500 Euro pro Monat derzeit sehr gering. Wer einen Freiwilligendienst macht, sollte davon leben können – unabhängig vom Elternhaus.