Ehrenamt für alle: Das inklusive Helferteam der Lebenshilfe Berlin
Es war vor ein paar Jahren, gegen Ende der Coronazeit. In Berlin galten beim Marathon noch strenge Regeln. Mitlaufen war beim Start und am Ziel nur mit Maske erlaubt. Vier junge Amerikanerinnen, extra angereist aus New York, erfuhren davon erst kurz vor dem Start – und waren verzweifelt. Denn sie hatten keine Masken dabei. Dann die Rettung: Sven, ehrenamtlicher Helfer bei der Lebenshilfe Berlin, zog das Gesuchte aus der Tasche – vier FFP2-Masken – auch noch mit rosa Rosen verziert.
„Die Frauen haben Sven in ihre Mitte genommen, ihn immer wieder umarmt und dann gemeinsam Fotos gemacht. Ich stand dabei, habe das alles beobachtet und gedacht: was für eine tolle Szene!“
Kornelia Goldbach ist Ehrenamtskoordinatorin bei der Berliner Lebenshilfe. Jedes Jahr organisiert sie Volunteers für Berliner Events wie den Halbmarathon – und freut sich noch heute bei der Erinnerung an die Geschichte von Sven, den US-Amerikanerinnen und den Masken.
Sven ist wie sein Bruder René einer von 14 Menschen mit psychischen, körperlichen oder kognitiven Einschränkungen, die zum sogenannten inklusiven Helferteam der Lebenshilfe gehören. Als Beeinträchtigte sind sie oft auf die Hilfe anderer angewiesen. René ist sich dessen sehr bewusst. Ausdrücklich bezeichnet er sich selbst als Mensch mit Beeinträchtigung: „Ich will so bezeichnet werden. Ich habe eine sogenannte körperliche Einbuße. Die Lernschwäche ist da mit drin, meine Wirbelsäule ist da mit drin, Schlafstörungen, Ängste und die kognitive Beeinträchtigung.“
Das Leben hat es den Zwillingsbrüdern René und Sven nicht leicht gemacht. Die Mutter, so erzählt René, war überfordert mit sieben Kindern, die Väter entweder Trinker oder abwesend. Die beiden Jungen, 1975 geboren in der DDR, waren neun Jahre der sozialistischen Erziehung im Ostberliner Kinderheim „Makarenko“ ausgesetzt. René erinnert sich: „Wir wollten da weg, jeden Abend, wir wollten zurück zu unserer Mutter.“ Das gelang erst nach dem Fall der Mauer – doch zu einem eigenständigen Leben fühlte sich René nicht in der Lage. Jahrelang lebte er im betreuten Wohnen der Lebenshilfe, arbeitete in einer inklusiven Werkstatt. Der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt scheiterte, der Alltag in der Gastronomie war zu viel für ihn. Jetzt ist er wieder im Büro einer Werkstatt beschäftigt und froh, in einem geschützten Umfeld zu sein.
Bei so viel Unterstützung empfinde er das Bedürfnis, sich zu revanchieren, meint René: „Der Staat hat mir geholfen, dass ich eine Wohnung habe, zum Essen habe. Ich will was zurückgeben.“
Gern stellt er jetzt seine Zeit zur Verfügung – und steht als Ehrenamtlicher wie sein Bruder Sven am Marathonfeld, versorgt etwa die Läufer*innen mit Kleiderbeuteln. Oder er hilft mit, dass der „Tanz in den Frühling“, der jährliche Ball der Lebenshilfe, mit rund 500 Gästen reibungslos über die Bühne geht. Dann steht er an vorderster Front am Eingang: „Da bin ich dafür zuständig, die Gäste zu begrüßen, zu sagen, dass die Jacken in den Garderoben abzugeben sind und dafür zu sorgen, dass sie sich in dem verwinkelten Gebäude zurechtfinden.“
Auch zum Tischeindecken am Tag davor ist sich René nicht zu schade – genau so wenig wie seine Ehefrau Yvonne. Auch sie hat körperliche und kognitive Einschränkungen – und findet, es sei ihr schönstes Hobby, sich gemeinsam mit ihrem Mann ehrenamtlich zu engagieren. So stand sie etwa beim letzten Inklusionslauf auf dem Tempelhofer Feld stundenlang auf den Beinen, verteilte Getränke, Obst und Medaillen an die Teilnehmer*innen mit oder ohne Beeinträchtigung. All die Strapazen nehme sie gern auf sich, weil sie dafür so viel Freude und Zuneigung zurückbekomme: „Zum Beispiel sind auch viele Kinder mit Downsyndrom dabei. Und die freuen sich, wenn sie ins Ziel laufen und dann umarmen sie mich oft.“
Was den beiden besonders Spaß macht: ihr jährlicher Auftritt als Weihnachtspärchen auf dem Weihnachtsmarkt am Dohnagestell. Hier befindet sich das „Haus der Lebenshilfe“. Als Weihnachtsmann bringt er „das Lächeln in die Augen der Kinder“ bringen, freut sich René.
Dankbarkeit zu erfahren, ist ihm wichtig. Darüber hinaus gibt ihm das Ehrenamt noch etwas: das Gefühl, mit Menschen ohne Beeinträchtigung gleichberechtigt zu sein, denn er sei eben „nicht immer nur derjenige, der was bekommt. Ich kann auch was geben. Ich bin ein Bürger, ein Bürger in dieser Gesellschaft. Ich will nicht nur nehmen, sondern auch geben - und zwar auf Augenhöhe mit allen.“
Menschen mit Beeinträchtigung im Ehrenamt kommen aus der Rolle des Versorgten heraus – sie werden selber zum Versorger!
Genau darum fördert die Lebenshilfe die inklusiven Freiwilligenteams, erläutert Ehrenamtskoordinatorin Kornelia Goldbach: „Menschen mit Beeinträchtigung im Ehrenamt kommen aus der Rolle des Versorgten heraus – sie werden selber zum Versorger!“ So denke man bei der Lebenshilfe das klassische Ehrenamt erweitert: „Engagement ist eine Möglichkeit, sich in die Gesellschaft einzubringen, teilzuhaben.“
Diese Erfahrung macht auch Sidney. Er hat eine psychische Erkrankung, ein sogenanntes fetales Alkoholsyndrom. „Das ist so wie eine Lernschwäche, eine Behinderung. Meine Mutter hat getrunken, als sie schwanger war. Ich habe psychogene Anfälle. Wenn mir alles zu viel wird, schaltet mein Gehirn automatisch ab. Dann träume ich vor mich hin, mit geöffneten Augen, und werde dabei sehr müde.“
Schon als Kind wusste er, was ihm guttut: anderen zu helfen. Zum Beispiel seiner Oma. Sie hat ihm beigestanden, als er klein war. Dafür war er für sie da, als sie im Alter dement wurde. „Mir gibt es Kraft, wenn ich helfen kann“, weiß Sidney.
Und dabei geht es gar nicht immer darum, anderen Menschen mit Beeinträchtigungen unter die Arme zu greifen. Die Stadtgesellschaft profitiert insgesamt vom Einsatz des inklusiven Helferteams. Wenn Stolpersteine gereinigt werden müssen, damit die Erinnerung an verfolgte jüdische Berlinerinnen und Berliner gut sichtbar bleibt, ist das Team zur Stelle – etwa im vergangenen Herbst in der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Sidney war dabei.
Andere Ehrenamtliche der Lebenshilfe engagierten sich im Rahmen der Berliner Freiwilligentage in Spandau auf dem Gelände des Waldkrankenhauses. Dort erinnert eine Statue an ein Zwangsarbeiterlager aus der Nazizeit. Das Denkmal war in die Jahre gekommen, vermoost und verdreckt. Das inklusive Helferteam befreite die Statue vom Schmutz der Jahrzehnte. Jetzt erinnert sie wieder so, wie der Künstler sie geschaffen hatte, an die schlimme Vergangenheit des Ortes.
Ehrenamt darf und soll auch Spaß machen – weswegen Sidney besonders gern beim Lebenshilfe-Event „Traum vom Autofahren“ dabei ist. Eine tolle Sache – gerade für Menschen mit Beeinträchtigung. Im Straßenverkehr dürfen sie oft nicht selbst fahren. Beim „Traum vom Autofahren“ machen Fahrlehrer das möglich – auf dem ADAC-Verkehrsübungsplatz in Tegel. Das Event wird organisiert vom Moscheeverein Gemeinde Gazi Osman Pasa Moschee e.V. Die Lebenshilfe kümmert sich um einen Imbiss für alle Beteiligten. Und wenn Sidney nicht gerade selbst hinter dem Steuer sitzt, sorgt er dafür, dass sich niemand auf die Fahrbahn verläuft und für alle genug Essen und Getränke auf den Tischen stehen.
Dann ist da noch seine Tierliebe: Schon als Fünfjähriger wollte er alles retten, was kreucht und fleucht. Heute lebt er diese Leidenschaft beim Naturschutzbund (NABU) aus, war neulich mit auf Storchenbeobachtung im brandenburgischen Linum. Das kann er nicht allein – und arbeitet deshalb im Team mit anderen, nicht eingeschränkten Helfer*innen vom NABU.
Ein Prinzip, auf das Kornelia Goldbach Wert legt: Oft bindet sie Helfer*innen mit Einschränkungen zu einem Tandem mit nicht eingeschränkten Menschen zusammen. Denn echte Inklusion müsse Rücksicht nehmen und Hilfswillige fragen, welche Unterstützung sie brauchen, um etwas für andere tun zu tun können. Solche Beratungen von potentiellen neuen Ehrenamtlichen führt sie gemeinsam mit ihren „Peers“ durch: Mit erfahrenen Helfenden wie Sidney oder Sven und Yvonne – damit auch das Gespräch mit neuen Mitarbeiter*innen auf Augenhöhe geschieht, wie René P. mit einem Augenzwinkern bemerkt: „So können Leute, die selbst beeinträchtigt sind, mehr aufnehmen, als wenn ein Auge oben ist und das andere irgendwo unten.“