Zurück ins Leben nach der Haft
Die Beratungsräume der Freien Hilfe e.V. liegen im Hinterhaus eines Altbaus in Berlin Mitte, der aus der Umgebung etwas hervorsticht. Links ein Yogastudio, rechts ein Café, dazwischen das mit Graffiti überzogene Haus mit dem Schild der Freien Hilfe. Der Weg in den Hof führt an der Kunstgalerie des Vereins vorbei. Dort schaffen inhaftierte und haftentlassene Menschen Kunstwerke im Rahmen einer kunsttherapeutischen Gruppe. Eins von zahlreichen Projekten des Vereins im Bereich der Straffälligenhilfe. Chiara Fotomaras empfängt ihre Klienten in den Büroräumen im ersten Stock. Sie leitet das Übergangsmanagement, also die Begleitung von Straffälligen vor und nach ihrer Entlassung aus der Haft. Wer zu ihr in der Beratung kommt, ist auf der Suche nach Halt und Orientierung in einer meist schwierigen Lebenssituation.
Zwischen Erleichterung und Überforderung
„Viele unserer Klienten haben Angst vor ihrer Entlassung“, sagt Chiara Fotomaras. „Auch wenn sie erleichtert sind und sich die Freiheit herbeigewünscht haben, ist dieser Moment für viele überfordernd.“ Allein eine Fahrt mit der S-Bahn könne schon zu viel sein. Alles sei plötzlich laut und unübersichtlich – oder auch gefährlich, beispielsweise für Menschen mit Suchtproblemen. Wenn nötig, stehen die Mitarbeitenden der Freien Hilfe deshalb bereit, um die Klienten in der Justizvollzugsanstalt abzuholen und in ihre Unterkunft oder zu ersten Terminen zu begleiten.
Die Unterstützung durch die Sozialarbeiterinnen der Freien Hilfe beginnt aber schon früher, bis zu zwölf Monate vor der Entlassung – vorausgesetzt, die Inhaftierten erfahren vom Angebot und schaffen es, einen Termin zu vereinbaren. Aushänge in der Haftanstalt, Hinweise von Mitarbeitenden oder auch Empfehlungen anderer Inhaftierter können dabei helfen, die Information über das Beratungsangebot zu verbreiten. „Die Menschen müssen selbst aktiv werden, um Unterstützung zu bekommen. Nicht alle sind dazu in der Lage, beispielsweise aufgrund ihrer psychischen Situation.“ Dabei ist die frühe Kontaktaufnahme sehr wichtig, um vor der Entlassung alles in die Wege leiten zu können. Denn nur wenn frühzeitig Anträge gestellt werden – etwa auf eine Mietkostenübernahme – kann die Haftentlassung gut vorbereitet werden.
Wohnraum ist das drängendste Thema
Die Phase nach der Haft ist für viele Menschen eine Zeit großer Unsicherheit. Viele haben keinen Ort, an den sie zurückkehren können – genau hier setzt das Übergangsmanagement der Freien Hilfe an. „Fast jede Person, die zu uns kommt, ist ohne eigene Wohnung“, erzählt Chiara Fotomaras. Manche waren schon vor der Haft wohnungslos, andere haben ihre Unterkunft während der Haftzeit verloren. Das Team der Freien Hilfe unterstützt bei der Suche und Vermittlung – denn der Weg in eine stabile Wohnsituation ist oft voller Herausforderungen.
Für Menschen ohne Suchterkrankung ist die Vermittlung in Trägerwohnraum eine gute Option – vorausgesetzt, es gibt freie Kapazitäten. Wenn ein Platz gefunden ist, muss das Sozialamt einer Kostenübernahme zustimmen. Dieser Prozess wird von den Sozialarbeiterinnen des Übergangsmanagements intensiv begleitet – sie sprechen mit den Trägern und dem Amt, holen die Klienten ab und begleiten sie zu Terminen. Im Idealfall gelingt ein nahtloser Übergang von der Haft in den Trägerwohnraum. Wenn nicht, braucht es Zwischenlösung, beispielsweise in einer Notunterkunft für Obdachlose. „In einer solchen Unterkunft direkt nach der Haftentlassung stabil zu bleiben, ist schwierig“, sagt Chiara Fotomaras.
Noch komplexer wird es bei Menschen mit psychischen oder Suchterkrankungen. Sie brauchen Wohnangebote mit intensiverer psychologischer Betreuung. Das Team der Freien Hilfe hilft bei der Antragsstellung und organisiert den Termin beim sozialpsychiatrischen Dienst, der den Klienten begutachten muss. Dann muss eine therapeutische Wohngruppe gefunden werden, die bereit ist, den Klienten nach der Haftentlassung aufzunehmen. Doch die Plätze sind rar. „In den letzten Jahren konnte ich nur wenige Menschen auf diese Weise unterbringen“, erinnert sich die Sozialarbeiterin.
Dranbleiben ist wichtig
Und dann gibt es die vielen kleinen Erfolgsgeschichten, die sie im oft herausfordernden Arbeitsalltag motivieren. Chiara Fotomaras erzählt von Herrn K., einem psychisch kranken und stark isolierten Mann, der vier Monate vor der Haftentlassung in die Beratung kam. Inhaftiert war er wegen einer Geldstrafe, die er nicht hatte bezahlen können. Gemeinsam wurde ein Antrag auf Eingliederungshilfe gestellt, wurden Begutachtungen veranlasst, verschiedene Träger kontaktiert – doch bis zum Tag seiner Entlassung konnte keine geeignete Unterbringung gefunden werden.
„Ich stand am Tag seiner Entlassung vor der JVA – ohne eine Perspektive für Herrn K. Zum Glück konnten wir ihn vorübergehend in einem Hostel unterbringen“, erzählt die Sozialarbeiterin. Wochenlang habe sie zahllose E-Mails geschrieben und Gespräche geführt – ohne Erfolg. Doch sie sei drangeblieben, habe viel Druck gemacht, bis endlich eine Wohngruppe für den Klienten gefunden werden konnte. „Ich war in der Zeit die einzige Person, zu der Herr K. einen festen Bezug und regelmäßigen Kontakt hatte.“ Wer eine solche Unterstützung nicht hat, habe wenig Chancen. „Wenn wir in einem solchen Fall nicht dranbleiben und uns einsetzen, ist die Gefahr groß, dass die Menschen wieder auf der Straße landen.“
Nach der Entlassung nicht allein
Die Besonderheit des Übergangsmanagements ist, dass die Klienten auch nach der Haft weiter begleitet werden. Bis zu sechs Monate können sie beraten werden – per Telefon, bei Amtsgängen, durch persönliche Treffen oder auch per Brief. „Viele schämen sich, um Hilfe zu bitten. Sie haben Hemmungen, uns wieder zu kontaktieren, wenn sie nicht weiterkommen. Ich sage ihnen immer: Das ist mein Beruf – ich bin da, um zu helfen.“
Diese feste Ansprechperson zu haben, macht oft den entscheidenden Unterschied. Die Klienten öffnen sich den Beraterinnen, erzählen ihre Lebensgeschichte, teilen ihre Sorgen.
Viele unserer Klienten haben sonst niemanden. Wenn jemand sich von einer Sozialarbeiterin abholen lässt, dann weil es sonst keine einzige Person gibt, die das für ihn tun würde.
Die Kürzungen treffen die Menschen unmittelbar
Genau diese intensive Betreuung und Begleitung ist durch drastische Kürzungen im Übergangsmanagement gefährdet. Im letzten Jahr wurde das Team von drei auf 1,9 Vollzeitstellen reduziert – bei wachsendem Bedarf. „Das ist ein massiver Einschnitt. Wenn wir Menschen nicht mehr unterstützen können, werden sie ohne Perspektive direkt in die Obdachlosigkeit entlassen.“ Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen, hätten dann keine Chance, sich im komplizierten Sozialsystem-Dschungel zurechtzufinden.
Chiara Fotomaras wünscht sich für die Klienten, dass in Berlin mehr sozialer Wohnraum mit Beratung und therapeutischen Angeboten geschaffen wird, damit niemand aus der Haft in die Obdachlosigkeit entlassen werden muss. Außerdem sollte das Übergangsmanagement zum Standard werden, so dass alle Inhaftierten vor und nach der Entlassung umfassend begleitet werden. Dafür sollten die Menschen noch besser angebunden werden, beispielweise durch aufsuchende psychiatrische Dienste direkt in der Justizvollzugsanstalt.
Für die Klienten macht es einen unmittelbaren Unterschied, ob sie rund um die Entlassung begleitet werden oder nicht, erzählt die Sozialarbeiterin. „Die Tage direkt nach der Haftentlassung sind kritisch. Sie bestimmen oft den weiteren Lebensweg der Menschen.“
übrigens
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Die Freie Hilfe e.V. feiert im Oktober ihr 35-jähriges Bestehen. Am 8. Oktober 2025 widmet sich ein Fachtag im Willy-Brandt-Haus Berlin dem Thema Kinder von Inhaftierten und systemübergreifende Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Justiz. Den feierlichen Höhepunkt bildet die Vernissage der Prisma Art Gallery am 9. Oktober im Kunstquartier Bethanien in Kreuzberg.