Wirkungen der Sozialen Arbeit in den Blick nehmen
Die Frage, welche Wirkung Angebote der Sozialen Arbeit erzielen, wird schon seit langem gestellt. Dennoch hat sich die Diskussion darum in den letzten Jahren deutlich verstärkt. Das hängt zum einen mit neuen gesetzlichen Vorschriften zusammen: Mit der Einführung des Bundesteilhabegesetzes in der Eingliederungshilfe wurde auch eine Wirkungskontrolle und die Überprüfung der Wirksamkeit festgeschrieben. Aber auch die angespannte Haushaltslage der Kommunen, Bundesländer und auch des Bundes führt dazu, dass von Seiten der Politik und der Kostenträger verstärkt nach der erzielten Wirkung gefragt wird. Wie wirkt Soziale Arbeit und in welcher Hinsicht sollte das Konzept der Wirkungsorientierung zukünftig noch stärker als Leitprinzip in der Sozialen Arbeit etabliert werden? Wie kann das in der Praxis gelingen? Darum soll es in diesem Gastbeitrag gehen.
Wenn man Wirkungen in der Sozialen Arbeit betrachten möchte, muss in einem ersten Schritt geprüft werden, ob es zu Veränderungen oder Stabilisierungen bei der Zielgruppe gekommen ist. Ist dies der Fall, muss geklärt werden, ob diese Veränderungen oder Stabilisierungen auch tatsächlich durch das Angebot und nicht durch andere Faktoren ausgelöst wurden. Denn nur dann kann man von einer Wirkung sprechen.
Wirkt Soziale Arbeit?
In den letzten Jahren wurden in verschiedenen Studien für einzelne Angebote bereits Effekte und Wirkungen von Angeboten der Sozialen Arbeit untersucht. Zum Beispiel im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Neben Erfassungssystemen im Bereich der Hilfen zur Erziehung, wie EVAS oder Wimes, wurden in diesem Arbeitsbereich auch schon vielfältige Studien zu den Wirkungen und Effekten der Angebote durchgeführt. Auch im Bereich der Erziehungsberatung wurden mit einer Studie die Wirksamkeit und die Wirkfaktoren untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Erziehungsberatungsstellen Effekte in ihrer Beratungsarbeit erzielen und damit als wirksam gelten können. Auch konnten in der Studie Faktoren identifiziert werden, die einen Einfluss auf die Erzielung von Wirkungen haben.
Ein weiteres Beispiel, das aufzeigt, dass Angebote der Sozialen Arbeit Wirkungen erzielen, ist die Studie zu den Fachstellen zur Verhinderung von Obdachlosigkeit (FOL) der Diakonie Bayern. Die Fachstellen beraten Menschen, denen eine Kündigung der Wohnung droht oder die diese bereits erhalten haben. Ziel ist es, Wohnungsverlust und Wohnungslosigkeit zu vermeiden. In der Studie konnte aufgezeigt werden, dass dieses Ziel in der überwiegenden Anzahl der Beratungsfälle erreicht wird. Auch ist anzunehmen, dass der Wohnungserhalt ohne die Unterstützung der Beratungsstelle nur schwer oder gar nicht erreicht werden kann. Insofern erzielen die Beratungsstellen eine Wirkung. Da es sich bei dem Angebot um ein präventives Angebot handelt, konnte in der Studie auch berechnet werden, welche Alternativkosten dadurch vermieden werden. Gäbe es keine Beratungsstellen und die Personen, die in die Beratung kommen, rutschten in die Wohnungslosigkeit, müssten die Kommunen für die Unterbringung aufkommen. Hier zeigt sich, dass die durch eine erfolgreiche Beratung vermiedenen Unterbringungskosten um ein Vielfaches höher liegen als die finanziellen Zuschüsse an die Beratungsstellen.
Es wird zukünftig wichtiger werden, von Anfang an, also bereits bei der Konzeption und Planung von Angeboten, erwartete Wirkungen bei den Zielgruppen mitzudenken, Wirkungen empirisch zu erheben und die Befunde darzustellen.
Die Beispiele zeigen, dass Angebote der Sozialen Arbeit eine Wirkung bei ihren Zielgruppen entfalten. Trotzdem: Das Konzept der Wirkungsorientierung sollte perspektivisch noch stärker als Leitprinzip in der Sozialen Arbeit integriert werden. Es wird zukünftig wichtiger werden, von Anfang an, also bereits bei der Konzeption und Planung von Angeboten, erwartete Wirkungen bei den Zielgruppen mitzudenken, Wirkungen empirisch zu erheben und die Befunde darzustellen. Dabei sollte es nicht nur darum gehen, die eigenen Angebote zu legitimieren. Wirkungsorientierung ist auch die Grundlage dafür, die Angebote fachlich zu reflektieren. Sie kann langfristig dazu beitragen, dass wir besser verstehen, wie einzelne Angebote funktionieren und so auch unser Wissen über Soziale Arbeit insgesamt erweitern. Die fachliche Arbeit kann konzeptionell und methodisch nachweislich gestärkt werden.
Wie können soziale Organisationen Wirkungsorientierung umsetzen?
In einem ersten Schritt sollte im Rahmen eines Wirkungsworkshops ein gemeinsames Verständnis zum Thema Wirkungsorientierung erarbeitet werden. In einem nächsten Schritt sollten Wirkmodelle für die jeweiligen Angebote und Maßnahmen entwickelt werden. Darin kann die Frage beantwortet werden, welche Wirkungen bei der Zielgruppe und in der Gesellschaft insgesamt erzielt werden sollen. Solche Modelle können in Workshops erarbeitet werden, an denen Fachkräfte und Mitarbeitende teilnehmen, aber auch Nutzer:innen der Angebote beteiligt werden können. Somit wird mit der Erstellung eines Wirkmodells das Erfahrungswissen der Fachkräfte und Nutzer:innen gesammelt und systematisch aufbereitet. Bereits die Entwicklung eines solchen Modells ermöglicht es, Angebote der Sozialen Arbeit zu reflektieren und auch sprachfähiger gegenüber der Politik und den Kostenträgern zu werden, da man darstellen kann, welche Wirkungen man mit dem Angebot erzielen möchte und häufig auch, wie komplex solche Maßnahmen sind. Wirkmodelle können auch im Zusammenschluss mit mehreren Einrichtungen entwickelt werden.
Im nächsten Schritt sollten die Wirkungen empirisch erfasst werden. Hierzu kann ein wirkungsorientiertes Monitoring aufgebaut werden, das Veränderungen oder Stabilisierungen, die das Angebot anstrebt, erfasst. Allerdings wird erst einmal nicht untersucht, wie diese zustande gekommen sind. Die Erhebung muss zu mindestens zwei Zeitpunkten stattfinden: Wenn ein Nutzer oder eine Nutzerin in das Angebot kommt und wenn diese das Angebot beenden. Bei einem langfristig angelegten Angebot können auch jährliche Erhebungen stattfinden. Häufig werden für ein solches Monitorings Fragebögen erstellt, die die Nutzer:innen selbst ausfüllen können, oder es erfolgt eine Einschätzung durch die Fachkräfte.
Um Wirkungen empirisch nachzuweisen, wird eine Vergleichs- oder Kontrollgruppe benötigt. Dies bedeutet, dass auch Personen befragt bzw. beobachtet werden, die ähnliche Problemlagen haben, das entsprechende Angebot aber nicht wahrnehmen. Die Bildung einer solchen Gruppe ist in der Praxis der Sozialen Arbeit häufig nur sehr schwer möglich. Ein gangbarer Weg für Organisationen der Sozialen Arbeit ist daher eine Methode, bei der beispielsweise mithilfe von Fachkräften, Mitarbeitenden und Nutzer:innen eine Einschätzung getroffen wird, welchen Anteil das Angebot am Zustandekommen der gefundenen Effekte hat und welche anderen Faktoren diese hervorgerufen haben. Man spricht dann von einer Wirkungsplausibilisierung.
Für Organisationen der Sozialen Arbeit, die wirkungsorientiert arbeiten möchten, sollten die Entwicklung und regelmäßige Überprüfung von Wirkmodellen sowie der Aufbau und die Implementierung eines wirkungsorientierten Monitorings inklusive einer Wirkungsplausibilisierung zentral sein.
Denn: Soziale Arbeit wirkt – diese Erfahrung, die Nutzer:innen und Fachkräfte täglich machen, auch mit Daten darstellen zu können, wird zukünftig immer wichtiger werden. Hierbei ist aber wichtig, dass Wirkungsorientierung schon zuvor beginnt und die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses und die Entwicklung von Wirkmodellen dazugehören. Auch zeigt sich, dass die Kommunikation dazu untereinander zentral ist. Daher sollten Fachkräfte, Mitarbeitende, Nutzer:innen und Kostenträger eingebunden werden. Und es ist wichtig, dass Mitarbeitende von den Ergebnissen der Wirkungsanalysen erfahren und sie in ihre Arbeit einbinden können. Denn durch die Implementierung von Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit ergibt sich ein Mehrwert für die fachliche Praxis und es können zukünftig Angebote und Leistungen der Sozialen Arbeit besser legitimiert werden.
- über den Autor
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Sebastian Ottmann M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und leitet das Kompetenzzentrum Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit am Institut für Praxisforschung und Evaluation der Evangelischen Hochschule Nürnberg.