•   Rubrik Bericht

Perspektiven nach der Flucht: Ein Ort zum Ankommen und Wachsen

  • Autor Lara Elisa Schwöbel
  • Veröffentlichungsdatum 03. September 2025
  • Lesezeit 6 Minuten

Berlin ist eine Stadt der Ankunft. Jeden Tag kommen Menschen hierher, die ihr Zuhause verlassen mussten: aus Hoffnung, aus Not, aus Verzweiflung. Für viele bedeutet Berlin ein erster sicherer Ort nach einer oft beschwerlichen und gefährlichen Flucht. Doch nach dem Ankommen kommt das Bleiben. Und wer bleibt, braucht Orientierung, eine Perspektive, ein Gefühl von Zugehörigkeit. Besonders für junge Menschen ist das eine Herausforderung. Sie müssen eine neue Sprache lernen und sich in einer fremden Kultur zurechtfinden – oft ohne unterstützende Familie an ihrer Seite. Viele sind noch nicht volljährig, stehen allein da und müssen trotzdem ihren Weg ins Erwachsenenleben finden.

Bereichsleiter für berufliche Qualifizierung Pascal Burger-Wehr beim Berliner SOS-Kinderdorf in den alten Osramhöfen © Lara Elisa Schwöbel

Genau hier setzt das Projekt Everest des SOS-Kinderdorf Berlin an. Seit 2015 begleitet es junge Geflüchtete, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind. Der Name ist Programm: Everest, wie der höchste Berg der Welt. Er steht für den steilen Aufstieg, den die Jugendlichen zu bewältigen haben. „Als Mitte der Zehnerjahre so viele Geflüchtete nach Berlin kamen, gab es kaum Angebote. Willkommensklassen reichten nicht aus, um die damals bestehenden Bedarfe abzudecken und den Jugendlichen den Halt zu geben, den sie brauchten“, erinnert sich Pascal Burger-Wehr, Bereichsleiter für berufliche Qualifizierung beim Berliner SOS-Kinderdorf in den alten Osram-Höfen im Wedding. Er ist seit Gründung dabei und hat das Projekt konzeptionell mitentwickelt. Everest ist ihm eine Herzensangelegenheit. Aktuell betreut Everest 34 Jugendliche und ist ein Ort geworden, an dem Ankommen und Integration gelingt.

Ein Alltag zwischen Orientierung und Zukunft

Wer bei Everest mitmacht, merkt schnell: Hier geht es nicht um ein paar lose Nachmittagsangebote. Everest ist ein Programm mit Struktur: An fünf Tagen in der Woche sind die Jugendlichen von morgens bis nachmittags beschäftigt. Sie nehmen am Deutschunterricht und an Workshops teil, sind in der Werkstatt, bei Ausflügen und gemeinsamen Freizeitaktivitäten. „Wir wollen, dass die Jugendlichen einen Alltag haben, der Halt gibt“, sagt Burger-Wehr. „Viele kommen nach einer langen Zeit des Wartens – zum Beispiel auf Bescheide von Ämtern - und mit vielen Unsicherheiten. Bei uns beginnt ihr Weg in eine Zukunft.“

Der Deutschunterricht reicht von A1 bis B2. Manche Teilnehmenden beginnen, ohne ein einziges Wort deutsch zu sprechen, andere haben schon einiges gelernt. Lehrkräfte des Projekts unterrichten selbst, zusätzlich kooperiert Everest eng mit der Volkshochschule. Parallel dazu können sich die Jugendlichen in verschiedenen Berufsfeldern ausprobieren: Hauswirtschaft, Gastronomie, Handwerk, Gesundheit und Soziales. In den Werkstätten wird gekocht, genäht, repariert.

  • In der hauseigenen Werkstatt werden Projekte und Ideen umgesetzt. © Lara Elisa Schwöbel
  • Die Werkstatt der Einrichtung Everest © Lara Elisa Schwöbel
  • Gemeinschaftsküche, in der täglich zusammen gekocht wird © Lara Elisa Schwöbel

Doch Everest ist mehr als ein Lernort. Bevor es um Noten oder Prüfungen geht, wird den Jugendlichen Zeit gegeben, um anzukommen und Luft zu holen. Viele haben Traumatisches erlebt oder sind mit Sorgen belastet. Erst wenn Ruhe da sei, könne über Berufsabschlüsse gesprochen werden, so Burger-Wehr.

Die Sozialpädagog*innen im Team begleiten alle Jugendlichen eng. Sie helfen bei Fragen des Alltags und sind da, wenn es mal nicht läuft. Bis zu zwei Jahre können die Jugendlichen bleiben. Zeit genug, um sich zu orientieren und Ziele zu entwickeln. Und auch danach sorgt Everest dafür, dass die Jugendlichen nicht allein dastehen und weiterhin Anschluss finden. Nachbetreuung sei vor allem wichtig, wenn die Jugendlichen zum Beispiel in einem sozialen Beruf arbeiten und dann weitere Unterstützung beim Lernen benötigen. Dafür gebe es einen extra Trägervertrag, mit dem ein paar Stunden in der Woche eine sozialpädagogische Begleitung stattfinden könne, so Burger-Wehr.

Entscheidungen treffen, Gemeinschaft finden

Der Einstieg ins Projekt läuft über eine Hospitationswoche. In dieser Zeit lernen die Jugendlichen alle Bereiche, Mitarbeitenden und Teilnehmenden kennen. Am Ende steht die Entscheidung: Möchte ich hier bleiben? Diese Selbstbestimmung ist wichtig. Die Jugendlichen sollen bewusst „Ja“ zu Everest sagen. Das stärkt von Anfang an die Bindung und das Vertrauen. Und Vertrauen ist das Fundament. Viele Jugendliche haben auf ihrer Flucht Erwachsene erlebt, die nicht verlässlich waren. Deshalb arbeitet das Team bewusst an Beziehungen. Es geht um Zuhören, um Dasein, um Verlässlichkeit im Alltag.

Neben dem Lernen gibt es deshalb viele Momente der Gemeinschaft. Gemeinsames Kochen, Fußball spielen, Ausflüge, Sommerfahrten. Everest wird so zu einem Ort, an dem Jugendliche nicht nur Lernende oder Teilnehmende sind, sondern einfach junge Menschen, die dazugehören.

Kooperationen und Perspektiven

Ein wichtiger Teil von Everest sind die Kooperationen mit Unternehmen und Organisationen. Praktika, Betriebsbesichtigungen, Workshops – all das öffnet Türen. Partner wie die Berliner Stadtreinigung, die Charité CFM, Vivantes Hauptstadtpflege, das SOS-Kinderdorf Berlin oder die Volkshochschule Mitte ermöglichen Einblicke in die Arbeitswelt. So lernen die Jugendlichen, was möglich ist: eine Ausbildung in der Pflege, ein Job in der Gastronomie, ein Praktikum in der IT.

Es gibt auch Jobcoaches, die externe Betriebsbesichtigungen organisieren, um verschiedene Berufe näherzubringen. Ein Everest-Teilnehmer etwa begann ein Praktikum bei der Bio-Bäckerei „Zeit für Brot“ und blieb. Er arbeitet bis heute dort – eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie sehr sich Chancen auszahlen können.

Doch nicht jede Geschichte hat ein Happy End. Immer wieder müssen Jugendliche Deutschland verlassen, obwohl sie sich hier eine Perspektive aufgebaut haben. Wenn Herkunftsländer als „sicher“ eingestuft werden, zählt die persönliche Situation oft nicht. Für das Team ist das schwer. „Das zu begleiten und auszuhalten ist einer der härtesten Teile unserer Arbeit“, sagt Burger-Wehr.

Im Magazin EVEREST teilen die Jugendlichen ihre Geschichten, ihre Beweggründe für ein Leben in Deutschland, ihren Blick auf die Zukunft. © Lara Elisa Schwöbel

Zwischen Hoffnung und Realität

Gerade deshalb sind die Momente, in denen etwas gelingt, so wertvoll. Wenn eine Ausbildung abgeschlossen wird oder wenn jemand beim Schreiben in der wöchentlichen Werkstatt seine Geschichte festhält.

Das eigene Magazin „Everest“, dass die Jugendlichen einmal im Jahr herausgeben, ist ein Herzstück des Projekts. Darin schreiben sie über ihre Flucht, ihr Ankommen, ihre Wünsche. Es sind Texte, die mehr erzählen als jede Statistik. Texte, die berühren und zeigen, dass Integration kein abstraktes Wort ist, sondern ein Prozess, der in einzelnen Lebensgeschichten Gestalt annimmt.

Mehr als ein Projekt

Everest ist mehr als ein Projekt des SOS-Kinderdorfs. Es zeigt, wie Integration gelingen kann: durch Vertrauen, Begegnung und kontinuierliche Begleitung. In einer Zeit, in der politische Debatten von Ausgrenzung geprägt sind, bekommen Jugendliche mit Fluchterfahrung bei Everest die Chance, ihren eigenen Weg zu gehen – unterstützt, aber nicht bevormundet, begleitet, aber nicht festgelegt.

Was am Ende zählt, sind die Momente der Zusammenkunft, das Gefühl von Zugehörigkeit und die Zuversicht, dass eine Zukunft möglich ist. Berlin ist eine Stadt der Ankunft und Everest ein Ort, der zeigt, dass Ankunft auch der Beginn von etwas Neuem sein kann.