„Ohne den Notdienst würde es mich wahrscheinlich nicht mehr geben“
Autor
Milena Müller
Veröffentlichungsdatum
03. September 2025
Lesezeit
12 Minuten
Immer mehr Menschen sterben an Drogen. In Berlin hat die Polizei im vergangenen Jahr 294 drogenbedingte Todesfälle festgestellt – 26 mehr als im Jahr zuvor, ein neuer Höchststand. Am 21. Juli, dem Drogentotengedenktag, haben sich Menschen auf dem Oranienplatz versammelt, um an sie zu erinnern und ein Zeichen für mehr Schutz und Solidarität zu setzen. Darunter Vertreter*innen von Suchthilfeeinrichtungen wie dem Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V., kurz Notdienst Berlin. Auch Matthias Möller hat die Veranstaltung besucht. Er ist Klient beim Notdienst und seit Kurzem auch im Klient*innenbeirat des Vereins. Matthias kennt den Notdienst schon lange und weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig dessen Arbeit ist.
Zum Notdienst gefunden hat er vor über zehn Jahren. Damals war er gerade aus Süddeutschland nach Berlin gekommen, um ein neues Leben anzufangen. Weil er zunächst wohnungslos war, hatte ihn der Notdienst für 28 Tage in eine sogenannte Krisenwohnung vermittelt. Es habe dort warmes Essen gegeben und man konnte sich kostenlos die Haare schneiden lassen, erinnert sich Matthias. Es sei sauber gewesen, aber auch beschwerlich, denn er musste die Wohnung tagsüber verlassen, durfte erst abends wieder „einchecken“ – wohl wissend, dass das nur eine Übergangslösung sein würde.
Neuanfang in Berlin?
Geboren ist Matthias in Mecklenburg-Vorpommern, damals noch DDR. Als sich Westdeutschland und Ostdeutschland wiedervereinigen, gehen seine Eltern getrennte Wege. „Mauer weg, Papa weg“, sagt Matthias. Mitte der Neunzigerjahre zieht Matthias nach Süddeutschland, in die Nähe von Nürnberg. Dort hat er den Großteil seines Lebens verbracht. „Fränkeln“ kann er heute noch ziemlich gut. Er wird erwachsen und Vater eines Sohnes und einer Tochter. Irgendwann trennt er sich von seiner damaligen Freundin. Zur gleichen Zeit verliert er seine Arbeit, kurz darauf auch seine Wohnung. Das alles innerhalb von gerade einmal zwei Wochen. „Auf einmal war alles weg“, sagt Matthias. „Klar, das macht was mit dir. Aber Rumsitzen und Heulen, das war noch nie mein Ding. Also habe ich einfach versucht weiterzumachen.“ Er findet zwar eine kleine Wohnung, aber keine neue Anstellung.
In dieser Zeit beginnt er „intensiv zu stoffen“, wie er sagt. Jeden Tag habe er damals Summen im mehrstelligen Bereich für Drogen ausgegeben. Das sei bald aus dem Ruder gelaufen. So sehr, dass er eines Tages beschließt, die fränkische Kleinstadt hinter sich zu lassen und in den Zug nach Berlin zu steigen. „Wir sind nicht umgezogen, wir sind abgehauen“, erzählt Matthias. Wir, das sind seine Freundin Sarah und er. Bis heute sind die beiden ein Paar – seit nunmehr zwölf Jahren.
Er wusste: Die Entscheidung für Berlin war auch eine Entscheidung für das Ungewisse. Am 14. August 2014 um 14:08 Uhr fährt der Zug in Berlin ein, in dem Sarah und er sitzen. Matthias weiß das noch genau. Er kann gut mit Zahlen, in Mathematik hatte er eine Eins. Für die erste Nacht kommen sie bei Matthias Schwester unter, die in Berlin lebt. Zu ihr hat er ein schwieriges Verhältnis, ebenso zu seiner Mutter. Seine Großmutter sei seine „einzig wahre Bezugsperson“ gewesen, sagt er.
Ungefähr ein Jahr lang haben Matthias und Sarah dann auf der Straße gelebt. Zuerst am Zoo, dann im Tiergarten, später in einer verlassenen Kinderklinik in Weißensee. Dort haben sie die leeren Fensterrahmen mit Einkaufstüten und Pappe abgeklebt, um sich vor der Berliner Winterkälte zu schützen.
„Wo hätte das enden sollen?“
Drogen bleiben in dieser Zeit ein fester Bestandteil seines Alltags. Heroin konsumiert er da schon seit fast sieben Jahren. Als Matthias davon erzählt, verfinstert sich sein Gesichtsausdruck. „Heroin war der größte Fehler meines Lebens“, sagt er. „Ich bin mir sicher: Der Teufel persönlich hat Heroin gemacht.“ 2016 beschließt er, in eine Substitutionsbehandlung zu gehen. Seitdem bekommt er regelmäßig von Ärzt*innen den Ersatzstoff Methadon verabreicht. Der Notdienst begleitet ihn auf diesem Weg. Matthias weiß, dass er von Heroin allein nicht wegkommen würde.
Nach der Entgiftung ist Matthias für eineinhalb Jahre komplett clean. Er erinnert sich gern an diese Zeit zurück: „Ich habe gut durchgehalten. Meine einzigen Drogen waren Käsekuchen und ‚Leckermäulchen‘. Der Kühlschrank in dem Hostel, in dem ich zu der Zeit gelebt habe, war immer voll davon.“ Die Psychosoziale Betreuung, die beim Notdienst parallel zur Methadon-Vergabe läuft, hilft ihm dabei, auch mental wieder auf die Beine zu kommen und das Vakuum, das durch die Abstinenz entstanden ist, zu füllen. Wo früher Beschaffung und Konsum seine Tage bestimmt haben, ist erst einmal ein Loch entstanden. „Ein krass großes Loch“, betont Matthias. Der Notdienst gibt ihm Struktur, die Sozialarbeiter*innen erledigen auch Papierkram mit ihm. Er fühlt sich gut aufgehoben. „Ich habe auch schon Leuten gegenübergesessen, die mir was von Drogen und Abstinenz erzählen wollten, aber selbst noch nicht eine Kippe im Leben geraucht haben. Beim Notdienst hatte ich immer das Gefühl, dass mir die Leute auf Augenhöhe begegnen“, erzählt er.
Substitution und Psychosoziale Betreuung beim Notdienst Berlin
Der Notdienst Berlin begleitet opioidabhängige Menschen in Substitutionsbehandlung mit gezielter psychosozialer Betreuung (PsB). Diese erfolgt häufig in Kooperation mit Fachärzt*innen und in den AID-Einrichtungen (Ambulanzen für integrierte Drogenhilfe) des Notdienstes. Dort arbeiten spezialisierte Teams, die Substitution, medizinische Versorgung und psychosoziale Unterstützung unter einem Dach anbieten.
Ziel ist es, soziale, psychische und körperliche Belastungen gemeinsam mit den Betroffenen zu bewältigen – durch Einzel- und Gruppengespräche, aufsuchende Sozialarbeit, Krisenintervention, Rückfallprophylaxe und praktische Alltagshilfen. Die Mitarbeiter*innen und Klient*innen entwickeln zusammen Lebensperspektiven, Strategien zur Konsumreduktion oder Wege in die Abstinenz. Ergänzt wird dies durch Trainings, etwa zur Affektregulation oder im Elterncoaching. Die PsB findet ambulant sowie wohnraumgestützt statt.
Mit der Zeit und der Unterstützung des Notdienstes gelingt es Matthias, neue Stabilität in sein Leben zu bringen. Er bezahlt Schulden ab und gewinnt finanziell wieder festen Boden unter den Füßen. Er arbeitet in der tageswerkstatt des Notdienstes, unter anderem in der „Fegeflotte“, die in Schöneberger Kiezen unterwegs ist, um Straßen und Plätze von Müll zu befreien. Gemeinsam mit seiner Freundin Sarah und der Hündin Motte hat er vor sechs Jahren eine Wohnung mit Garten in Marzahn gefunden. Ruhig und idyllisch hätten sie es da, erzählt Matthias. Ihr Rückzugsort fernab des Trubels im Ring. Und vor Kurzem hat er begonnen, einen Brief an seinen inzwischen 24-jährigen Sohn zu schreiben – in der Hoffnung, nach vielen Jahren wieder Kontakt zu ihm aufzubauen.
Heroin hat er nie wieder angerührt. Bald will er die Substitution beenden. Er fühlt sich bereit dafür, weiß aber, dass die Psychosoziale Betreuung im Notdienst gerade jetzt wichtig ist. „Ich will jetzt keinen Fehler machen und auf den letzten Meter noch stolpern“, sagt er.
Etwas zurückgeben
Matthias kommt nicht nur regelmäßig zum Notdienst, um mit seiner Betreuerin zu sprechen, sondern seit ein paar Monaten auch in seiner Rolle als Mitglied des Klient*innenbeirats der Organisation. Parino heißt der. Der Beirat ermöglicht Nutzer*innen der Angebote des Notdienstes, diese Angebote aktiv mitzugestalten und in ihrem Sinne zu verbessern. Die Vertreter*innen des Beirats setzen sich regelmäßig mit der Geschäftsführung des Notdienstes an einen Tisch, um die Wünsche und Belange der Klient*innen weiterzutragen. Im Moment geht es zum Beispiel um die Wohnqualität im Betreuten Wohnen, aber auch darum, wie der Notdienst mit Klient*innen umgeht, nachdem sie eine Substitutionsbehandlung erfolgreich abgeschlossen haben.
Der Notdienst hat mir in all den Jahren so viel gegeben. Wieder klarzukommen und gerade denken zu können – das hätte ohne den Notdienst nicht funktioniert.
Matthias wünscht sich, dass wie er selbst auch andere die Unterstützung erfahren, die sie brauchen. Auch deshalb sitzt er im Klient*innenbeirat und freut sich über alle, die ihren Weg in das Büro des Beirats finden und ihre Anliegen teilen. „Ich hoffe, dass ich mal jemanden so an die Hand nehmen kann, wie ich an die Hand genommen wurde.“
Seit 1984 unterstützt der Notdienst Berlin e.V. Menschen mit Suchtproblemen – ebenso wie jene, die ihr Konsumverhalten überdenken und verändern möchten. Das Angebot reicht von vertraulicher Beratung (telefonisch, digital oder persönlich) über Krisenintervention bis hin zur Vermittlung in Entzugs- und Therapieangebote. Ergänzt wird dies durch aufsuchende Hilfe, Unterstützung bei sozialrechtlichen Fragen (z.B. Bürgergeld) sowie spezielle Angebote für Jugendliche, junge Erwachsene oder Menschen mit Migrationshintergrund. Ziel ist nicht zwingend Abstinenz, sondern auch ein verantwortungsvoller Umgang mit (illegalisierten) Substanzen. Jährlich nutzen rund 7.000 Menschen diese Angebote.
Mit dem Parino-Projekt („Mitbestimmung im Notdienst Berlin e. V.“) fördert der Notdienst zudem die aktive Teilhabe seiner Nutzer*innen: In Beiräten können sie mitgestalten, politische Prozesse kennenlernen und sich weiterbilden.
Der Notdienst ist seit 1984 Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin.
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