•   Rubrik Bericht

Es ist Familie! Es ist gut!

  • Autor Christine Göttert
  • Veröffentlichungsdatum 03. September 2025
  • Lesezeit 12 Minuten
Das Regenbogenfamilienzentrum ist ein Schutzraum für Groß und Klein. © Jenny Wilken

Der kleine Mensch, der gerade diese verheißungsvoll knisternde Tüte entdeckt hat, ist eineinhalb und offensichtlich bekennender Fan getrockneter Mangoscheiben. Während das Kind glucksend vor Vorfreude mit ausgetrecktem Ärmchen seine Beute in die Luft hält und energisch nach Hilfe beim Öffnen der Tüte verlangt, erntet es anerkennende Blicke noch kleinerer Menschen, die sich, teils bäuchlings, teils sitzend, überall im Raum verteilt auf den bunten Spieldecken tummeln. Es ist Mittwochvormittag, die Krabbelgruppe im Regenbogenfamilienzentrum des LSVD Queere Vielfalt Berlin-Brandenburg e.V. ist gut besucht, der Lärmpegel entsprechend hoch.

Mit der beeindruckenden Gelassenheit junger Eltern orchestrieren die anwesenden Erwachsenen derweil das Chaos, reichen Rasseln, räumen Hindernisse aus dem Weg, wischen Krümel weg, lachen, trösten, wiegen müde Babys in den Schlaf und schaffen es gleichzeitig, auch das eine Superkraft junger Eltern, sich miteinander zu unterhalten.

Jenny leitet die Krabbelgruppe im Regenbogenfamilienzentrum. © Christine Göttert

„Man muss schon ein bisschen lärmresistent sein, um hier zu arbeiten“, sagt Jenny, die die Krabbelgruppe heute anleitet, lächelnd. Jenny ist eine trans* Frau, ihr eigenes Kind ist acht Jahre alt und geht schon in die Schule.

Regenbogenfamilien, so nennt man Familien, in denen mindestens ein Elternteil lesbisch, schwul, bi, trans*, inter* oder nicht-binär ist. Familien also, die nicht dem tradierten Bild entsprechen. Für diese Familien gebe es gesellschaftlich, rechtlich und strukturell besondere Herausforderungen, erklärt Lisa, Leiterin des Zentrums. „Daraus ergeben sich besondere Bedarfe, die in den Regelstrukturen so nicht abgebildet sind. Deshalb braucht es spezialisierte Angebote.“

Seit 2013 berät das Regenbogenfamilienzentrum zu Themen wie Kinderwunsch, Adoption, Pflegschaft, Samenspende, Co-Parenting oder Mehrelternschaft. Die Expertise, die im Lauf der Jahre zusammengetragen wurde, ist auch Erfahrungswissen. „Unsere Kinderwunschberatung ist ein gutes Beispiel“, sagt Lisa. „Das Fachwissen, das gebraucht wird, haben in Deutschland nur ganz wenige Menschen. Wir haben es im engen Austausch mit den Familien im Lauf der Jahre zusammengetragen.“

Der Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung alternativer Familienkonzepte ist lange nicht gewonnen. Das neue Selbstbestimmungsgesetz erleichtert zwar die Änderung des Geschlechtseintrags, ändert aber am Abstammungsrecht bislang nichts. Wer ein Kind zeugt, gilt rechtlich als Vater, wer gebiert, als Mutter, unabhängig von der eigenen Geschlechtsidentität. Eine trans* Frau, die ein Kind gezeugt hat, steht deshalb als Vater in der Geburtsurkunde. Ein trans* Mann, der ein Kind zur Welt bringt, wird dort als Mutter eingetragen. Lesbische und queere Ehepaare, die ein Kind großziehen, haben keine automatische gemeinsame Elternschaft, der nicht-biologische Elternteil muss das Kind per Stiefkindadoption rechtlich absichern. Nicht selten geht das mit Hausbesuchen des Jugendamtes und langwierigen Prüfverfahren einher, eine Diskriminierungserfahrung, die auch Lisa und ihrer Partnerin hinter sich haben. „Um unser Kind zu adoptieren, musste meine Frau über die absurdesten Dinge Auskunft geben. Gleichzeitig hätte ich jeden beliebigen Typen auf der Straße anhauen können, die Anerkennung der Vaterschaft wäre rechtlich kein Problem gewesen.“

Die gesellschaftliche Realität erleben wir überall und jeden Tag und deswegen brauchen wir geschützte Räume, in denen wir uns zur Abwechslung mal nicht als Ausnahme erleben.

Lu

Krabbelgruppe, Elterncafé, Ferienprogramm: Die Gruppenangebote des Zentrums unterscheiden sich nicht von denen anderen Familienzentren. Warum braucht es trotzdem spezielle Räume für queere Familien? „Ich höre oft das Argument, dass wir unsere Kinder in einer Bubble großziehen und nicht auf das echte Leben vorbereiten. Aber das Gegenteil ist wahr: Die gesellschaftliche Realität erleben wir überall und jeden Tag und deswegen brauchen wir geschützte Räume, in denen wir uns zur Abwechslung mal nicht als Ausnahme erleben.“ erklärt Lu. Lu ist regelmäßig im Regenbogenfamilienzentrum, ist nicht-binär und hat ein Kind geboren. Für den Entschluss, das Kind nicht zu stillen, musste Lu sich im Krankenhaus direkt nach der Geburt rechtfertigen. „Ich bin sehr froh, dass ich dank des Netzwerks im Regenbogenfamilienzentrum schon in der Schwangerschaft und während der Geburtsvorbereitung Kontakte zu anderen queeren Eltern knüpfen konnte und auch meine Hebamme sensibilisiert für meine Themen war. Das hat mir die Sicherheit gegeben, dass ich nicht allein bin und alles leichter gemacht."

Das Regenbogenfamilienzentrum des LSVD Berlin-Brandenburg ist eine wichtige Anlaufstelle für queere Menschen mit Kindern und Kinderwunsch. © Christine Göttert

Das Regenbogenfamilienzentrum ist ein Ort für Familien, die aus dem Raster traditioneller Familienkonstellationen herausfallen. Ihr Alltag, ihre Fragen und Sorgen sind die gleichen wie die aller Eltern. Der Unterschied liegt darin, dass zu ihren Alltagserfahrungen rechtliche Ungleichbehandlung und gesellschaftliche Vorurteile gehören. „Die Utopie ist natürlich, dass es solche Angebote irgendwann einmal nicht mehr braucht, weil alle Strukturen von Anfang an inklusiv sind,“ sagt Lisa und fügt hinzu: „Aber da sind wir gesellschaftlich noch lange nicht.“

Tatsächlich deutet vieles eher in die Gegenrichtung: Die aktuelle politische Stimmung verunsichert selbst die sonst so sichtbare und selbstbewusste queere Community der Regenbogenhauptstadt Berlin. Übergriffe gegenüber queeren Personen sind auf einem historischen Hochstand, öffentliche Veranstaltungen wie der CSD finden unter massivem Polizeischutz statt. Auch politisch wendet sich das Blatt, was sich an dem Entschluss der amtierenden Bundestagspräsidentin, die Regenbogenfahne anlässlich des Berliner CSD nicht zu hissen und queeren Beschäftigten der Bundestagsverwaltung eine sichtbare Teilnahme zu untersagen, klar ablesen lässt. Während das Klima sich deutlich verschärft und Queerfeindlichkeit zunimmt, setzt der Berliner Senat ausgerechnet bei queeren Bildungsprojekten besonders konsequent den Rotstift an. Welche Auswirkungen diese Entwicklungen haben, zeigt sich auch im Allerkleinsten. Über ihren Alltag sprechen wollen alle Besucher*innen der Krabbelgruppe, fotografiert werden die allermeisten aber lieber nicht.

Zum Glück juckt das alles Trockenfruchtfan Luis gar nicht. Zufrieden an einer süßen Mango mümmelnd kuschelt sich Luis derweil in den Arm einer der Mamas. Komm einfach klar, Welt, denkt man! Es ist egal. Es ist Familie! Es ist gut!

übrigens

  • Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Verband Queere Vielfalt Berlin-Brandenburg e.V. betreibt neben dem Refenbogenfamilienzentrum in Schöneberg weitere Projekte für queere Familien in Berlin. Neben der Beratung zu Kinderwunsch, Adoption oder Co-Parenting bietet das Zentrum Gruppenangebote, Elterncafés und Freizeitaktivitäten. Darüber hinaus engagiert sich der LSVD in Bildungsarbeit in Kitas und Schulen zur Sensibilisierung für Vielfalt, politischer Lobbyarbeit für eine Reform des Abstammungsrechts und Unterstützungsangeboten für Regenbogenfamilien in ganz Berlin und Brandenburg.

Glossar

Co-Parenting

Familienmodell, bei dem zwei oder mehr Erwachsene gemeinsam ein Kind erziehen, ohne in einer Liebesbeziehung zueinander zu stehen oder zu leben

inter*

Sammelbegriff für Personen, deren körperlichen Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig den medizinischen oder gesellschaftlichen Normen von „männlich“ oder „weiblich“ entsprechen

Mehrelternschaft

Familienmodell, bei dem mehr als zwei Erwachsene gemeinsam und dauerhaft Verantwortung für ein Kind übernehmen und als Eltern auftreten – unabhängig von biologischen oder rechtlichen Bindungen

nicht-binär

Alle Geschlechter, die sich nicht rein männlich oder rein weiblich identifizieren. Nicht-binäre Menschen können z. B. mehrere Geschlechter haben oder ein Geschlecht haben, das weder Mann noch Frau ist. Ausschlaggebend für die Identität als nicht-binär ist das eigene Empfinden.

trans*

Trans* Personen identifizieren sich nicht oder nicht vollständig mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht. Sie können sich binär (als Mann oder Frau) oder außerhalb des binären Systems verorten.