•   Rubrik Bericht

Ein Rückzugsort im Schulalltag

  • Autor Dominique Hensel
  • Veröffentlichungsdatum 03. September 2025
  • Lesezeit 7 Minuten

Die Humboldthain-Grundschule ist eine musikbetonte Ganztagsschule. Sie ist 140 Jahre alt und liegt in Sichtweite zum Volkspark Humboldthain, nahe am Parkeingang, der zum Sommerbad führt. Für circa 400 Schüler*innen aus über 60 Nationen ist das große Gebäude in der Grenzstraße von der Einschulung bis zur sechsten Klasse ihr Lebensmittelpunkt. Hier lernen sie, hier finden sie Freund*innen, hier findet ihr Leben statt – wochentags von 8 bis 16 Uhr. Fast 100 pädagogische Fachkräfte unterstützen sie auf ihrem Weg durch die Grundschulzeit. Darunter sind Lehrerkräfte, Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen. Zum Team gehören auch Tiziana Tinelli und Roy Schijen von der Schulstation.

„Die Schulstation gibt es in ihrer jetzigen Trägerschaft seit Ende 2016 an der Schule. Es ist ein etabliertes Angebot“, sagt Sozialarbeiter Roy Schijen. Die Schulstation, das ist ein kleiner Büroraum im Erdgeschoss der Schule: ein großer Tisch, zwei Schreibtische, große Wandschränke, eine Tafel mit allerlei Plakaten und festgehaltenen Notizen. „Wir sind hier ein Ort, an den sich alle Menschen, die in der Schule unterwegs sind, mit Fragen und Problemen wenden können“, sagt Roy Schijen. Roy Shijen ist wie seine Kollegin Tiziana Tinelli beim tjfbg angestellt, der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft gGmbH. Für die, die sich an die Schulstation wenden, sind die Mitarbeitenden von dem freien Träger zwei Vertrauenspersonen an ihrer Schule.

Ulrike Kunert, Regionalleiterin bei tjfbg © Dominique Hensel

Der kleine Raum der Schulstation ist eine Art Rückzugsort im Schulalltag. An die Tür können zum Beispiel Schüler*innen klopfen, wenn sie Probleme haben. „Vielleicht habe ich gerade richtig Stress mit meinem Vater und dann kommt das Zeugnis“, erklärt Ulrike Kunert einen Gesprächsanlass. Ulrike Kunert ist Regionalleiterin beim Träger tjfbg. „Das Team bietet Anti-Mobbing-Training an und hilft, Strategien zu vermitteln, mit denen Kinder ihre Konflikte selbst lösen können“, sagt Kunert. Dabei gehe es zunächst erstmal um das Formulieren der Bedürfnisse. „Gefühle zu benennen, das haben die Kinder zu Hause oft nicht gelernt. Das einzige Gefühl, das viele gut ausdrücken können, ist Wut“, sagt Ulrike Kunert. Um das zu ändern und damit das Schulklima zu verbessern, dafür sind die beiden Kolleg*innen der Schulstation da. Aber auch, wenn es darum geht, Förderbescheide zu verstehen, Unterstützung zu beantragen oder das Deutschlernen zu organisieren, ist die Schulstation eine Anlaufstelle. Auch Lehrkräfte und Eltern können sich an die Fachkräfte wenden.

Die Arbeit der Schulstation sei oft die einer Feuerlöscheinheit, sagen die beiden Mitarbeitenden. Doch die Aufgabe hat einen weitergehenden Hintergrund und beinhaltet nicht nur Streitschlichtung. „Ein Kind, das zu Hause viele Probleme hatte, sagte mir mal: 'Mein Kopf ist zu voll. Ich krieg da nichts rein'“, erzählt Tiziana Tinelli. Das bedeutet: Nur wenn es den Kindern gut gehe, könne der Schulstoff gelernt werden. Die Schulstationen machen also auch präventive Arbeit und bereiten den Boden für den Schulerfolg. Das hat laut Tiziana Tinelli deshalb so eine große Bedeutung, weil die Schule eine Ganztagsschule ist. „Die Kinder verbringen hier die meiste Zeit des Tages. Was früher vielleicht die Eltern zu Hause gemacht und gelöst haben, das muss heute in der Schule aufgefangen werden“, erklärt Tiziana Tinelli. Roy Schijen ergänzt, dass die Tragweite von Konflikten sich vergrößert hat: „Früher blieb ein Streit unter Schüler*innen in der Schule. Heute geht das über Social Media nach Hause und in alle Bereiche des Lebens.“ Es sei daher wichtig, Konflikten vorzubeugen und sie auch schnell zu klären.

Wenn Konflikte entstehen, dann kann manchmal ein Gespräch in dem kleinen Raum der Schulstation helfen. Ein anderes Mal ist es vielleicht ein Gespräch in einer Klasse. „In den Hofpausen sind wir auch auf dem Hof unterwegs. Wenn wir da einen Konflikt erkennen, dann kümmern wir uns darum“, erklärt Tiziana Tinelli. Manchmal sind für die Lösung von Problemen auch Partner nötig und deshalb vernetzt sich die Schulstation auch mit Akteuren im Sozialraum, zum Beispiel mit Sportvereinen, mit anderen oder weiterführenden Schulen oder mit Beratungsstellen.

Für die Arbeit gibt es zwei wichtige Grundlagen. Die erste beschreibt Sozialarbeiter Roy Schijen so: „Unsere komplette Arbeit basiert auf Vertrauen. Das braucht es, damit Kinder sich trauen, sich zu äußern. Sie müssen wissen, dass ihnen hier geholfen wird.“ An dieser Grundlage arbeitet das kleine Schulstationsteam an jedem Schultag. „Es hat lange gedauert, bis verstanden wurde, worum es hier geht. Dass es zum Beispiel nicht um Strafen geht, sondern um das Lösen von Konflikten“, sagt Roy Schijen. Es gebe keinen Tag, an dem sie nicht für Konfliktgespräche gebraucht werden, ergänzt Tiziana Tinelli.

Wenn die Schulstation schließt, fehlt ein Schutzraum für die Kinder.

Ulrike Kunert, tjfbg

Die zweite Grundlage ist ganz anderer Natur und liegt nicht in der Hand von Ulrike Kunert, Tiziana Tinelli und Roy Schijen. Dabei geht es um die Finanzierung der Schulstationen. So hat der Bezirk Mitte, in dem die Humboldthain-Grundschule liegt, beschlossen, das Projekt zum Ende des Jahres zu beenden und die verbliebenen fünf Schulstationen im Bezirk zu schließen. Hintergrund ist die angespannte Haushaltssituation. Auch der Bezirk Mitte muss Sparvorgaben des Berliner Senats umsetzen, aktuell gilt eine Haushaltssperre. Der Vertrag mit dem Träger der Schulstation geht nur noch bis Ende des Jahres. Diese Entwicklung halten Sozialarbeiter*innen aus ihrer Erfahrung an der Schule heraus für falsch. „Wenn die Schulstation schließt, fehlt ein Schutzraum für die Kinder. Es gibt zwar noch andere Sozialarbeiter*innen an der Schule, aber das reicht bei weitem nicht. Eigentlich ist die Schulstation, wie sie ist, noch viel zu klein“, beschreibt Urlike Kunert den Bedarf.

Schüler*innen und ihre Eltern wollen, dass die Schulstation fortbesteht. © Dominique Hensel

Mit ihrer Haltung sind Ulrike Kunert, Tiziana Tinelli und Roy Schijen nicht allein. Sie wird vom Schulteam unterstützt, von den Eltern und auch von den Schüler*innen. Beim Sommerfest vor den Sommerferien hat die Gesamtelternvertretung ein Plakat mit sehr vielen Unterschriften gestaltet, das den Erhalt der Schulstation an der Schule fordert. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin unterstützt die Schulstationen. In dem Positionspapier „Schulstationen sichern – Soziale Teilhabe und Unterstützung vor Ort“ stellt sich der Verband hinter das Projekt und fordert den Berliner Senat auf, die bisher von den Bezirken finanzierten Schulstationen ab 2026 in das Landesprogramm „Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen“ (JSA) zu überführen und damit die finanzielle Grundlage für die Weiterführung zu legen.