•   Rubrik Bericht

Die Frauen-Nische in Schöneberg

  • Autor Margit Geßner
  • Veröffentlichungsdatum 03. September 2025
  • Lesezeit 10 Minuten

Treffpunkte mit geschützter Beratung und Hilfe für Frauen – ist das noch zeitgemäß? Immerhin gibt es heute die feministische Hilfe ganz bequem im Netz. Doch die analoge Nische für Frauen wird weiter gebraucht und rege genutzt. Ein Besuch beim Berliner Verein „BEGINE – Treffpunkt und Kultur für Frauen“.

Die Schwimmerin hängt noch schief! Es ist Ende Juli. Im „BEGINE – Treffpunkt für Kultur und Frauen“ herrscht das übliche Hin und Her vor einer Vernissage. „Meine Schönheiten“ heißt die Ausstellung mit Arbeiten von Anne Schaar. Das Bild „Die Schwimmerin“ ist so eine Schönheit. Eine Frau taucht mit viel Schwung kraftvoll unter Wasser. Augen zu und durch. Mit ein paar Handgriffen bringt Kasia Flak, die in der BEGINE die Ausstellungen betreut und Künstlerinnen berät, das Bild in die Gerade.

Mit so einem „kurzen Griff“ würde Katharina Pewny, Projektleiterin bei BEGINE, auch gerne all die Zahlen und Gelder, die sie verantwortet, wieder ins Lot bringen. Doch so einfach wie im Ausstellungsraum geht das hier im Büro leider nicht.

Katharina Pewny, Projektleiterin bei der BEGINE © K. Pewny

Wir reden über die Arbeit in der BEGINE und dem, was sich da in den letzten Jahren verändert hat. Am fehlenden Geld kommt man nicht vorbei. Üppig ausgestattet war man hier nie – doch der Sparhaushalt des Senats wird die Arbeit in den nächsten zwei Jahren komplizierter machen. Diesmal soll es alle Projekte im Frauen- und Gleichstellungsbereich treffen. Das wissen sie schon. Erste Vereine berichten bereits über geplante Stellenstreichungen. Einzelne Projekte sollen ganz eingestellt werden. Nun wartet auch Katharina Pewny auf den erhellenden Rückruf der Senatsverwaltung. Klar ist schon jetzt: Der finanzielle Rahmen der BEGINE rutscht noch mehr in die Schieflage.

„Wir sind gnadenlos unterfinanziert“

„Meine Aufgabe ist es nun“, sagt Katharina Pewny, „das abzusichern, was stattfindet.“ Das klingt erst mal banal, ist aber eine ziemliche Herausforderung angesichts von 23 Gruppen und 27 unterschiedlichen Veranstaltungsformaten, die regelmäßig angeboten werden. 11.000 sogenannte Nutzungen haben sie im letzten Jahr gezählt. Warum sollten es ausgerechnet in diesem Jahr weniger werden?

Für manche ist das hier ihre Familie – ihr zweites Wohnzimmer sozusagen.

Katharina Pewny, BEGINE

Hinter jeder Nutzung stecken Frauen, die ein Bedürfnis nach Austausch und Kommunikation haben. Frauen, die Stärkung suchen für ihren Alltag, der ihnen zwar per Gesetz Gleichberechtigung garantiert, in dem sie aber noch nicht immer und überall gleichberechtigt sind. Frauen, die sich durchsetzen wollen in der Kulturszene, bei Bankgeschäften oder gegen gewalttätige Männer. Workshops für Pflegende Angehörige, für Frauen mit Essstörungen, zu Finanzen oder zu Feminismus. Was Frauen interessiert, was sie stärkt und weiterbringt – das wird hier angeboten. Und wenn frau einfach nur Spaß haben will, beim Ukulele spielen, beim Doppelkopf oder Tanz, dann ist sie in der Potsdamer Straße 139 auch an der richtigen Adresse. Denn dort befindet sich auch eine gut besuchte Frauenkneipe, mit der der Verein kooperiert. „Ja“, sagt Katharina Pewny, „das ist hier auch ein Angebot gegen Einsamkeit. Für manche ist das ihre Familie – ihr zweites Wohnzimmer sozusagen.“

Rechnet man die 11.000 Nutzungen mal runter, geht hier pro Monat über 900 Mal die Tür auf. Entweder vor Ort oder online. Viele Frauen sind nach dem ersten Kennenlernen geblieben und nun regelmäßig da.

Für Berliner Vereine und Beratungsstellen ist Sparen eine Dauerübung

Vereine, die seit Jahren am finanziellen Tropf des Berliner Senats hängen, sind gewohnt mit Sparbudgets kreativ umzugehen. In der BEGINE ist der finanzielle Kitt für solche Finanzlöcher das Ehrenamt. Und wer in der BEGINE als Künstlerin auftritt, wird „sparsam“ honoriert und nicht reich. „Ich muss Autorinnen sagen ‚Tut mir leid, für eine Lesung liegt unser Budget bei nur 65 Euro‘, obwohl 300 bis 400 Euro üblich sind. Manche willigen dann ein und machen es ‚für die BEGINE, andere lehnen aber auch ab.“ Mit so einer Bezahlung trage man auch zur Altersarmut bei, sagt Katharina Pewny. Ein Zwiespalt, den die langjährige Kulturmanagerin, die seit einem Jahr die BEGINE leitet, aus vielen Kulturbereichen gerade unter Frauen kennt. Ihre Erfahrung der letzten Jahre: „Der Feminismus hat eine große Medienpräsenz und wird öffentlich stark diskutiert – aber eben erschreckend schlecht finanziert.“ Autorinnen, Malerinnen, Musikerinnen, Schauspielerinnen, die in der BEGINE auftreten, kennen diesen Gender-Pay-Gap.

Kulturprogramm in der BEGINE: Das Performance-Kollektiv hannsjana beschäftigt sich mit antifeministischen und homophoben Klischees. © kasia_flak

Trotz der Widrigkeiten: Warum funktioniert das alles auch heute noch so gut?

Es ist die Melange aus sozialer Beratung, Selbsthilfegruppen, Sport, kulturellen Angeboten Unterhaltung und der Frauenkneipe, die den Verein aufrechterhält. In Berlin sind die kulturellen und Beratungsangebote für Frauen überschaubar. Die BEGINE ist mit ihren fast 40 Jahren eine Institution in der Stadt. Aber hier altert man nicht nur gemeinsam, sondern es kommen auch viele junge Frauen, auf der Suche nach der feministischen Freiheit. Die Hälfte des weiblichen Publikums ist zwischen 30 und 59 Jahren. Zahlen, von denen andere Institutionen träumen. Newcomerinnen in der Kunstszene nutzen die BEGINE, um erste Bühnenerfahrung zu sammeln, und bringen ihre Fanbase gleich mit. Das Ganze wird garniert mit viel Sichtbarkeit auf Social Media. Die 60%-Stelle, die der Senat unter anderem auch dafür finanziert, ist gut angelegtes Geld. Das bringt den Traffic ins Haus.

Ohne Feedback gibt es hier kein Programm

Das Büro von Katharina Pewny ist ziemlich hellhörig. Manchmal sorgt genau das bei ihr für einen Motivationsschub. Wenn sie hört, wie die Frauen laut schwatzend und fröhlich aus den Kursen kommen, im Hof oder in der Kneipe sitzen und lachen, dann gibt ihr das ein gutes Gefühl. „Das Strahlen und die roten Wangen in den Gesichtern der Frauen nach einem Kurs, den sie bei uns besucht haben – das ist für mich das schönste Feedback. Aber auch wenn ich gut verhandelt habe mit der Senatsverwaltung für Gleichstellung oder dem Bezirk, wenn ich Geld eingeworben habe, dann freut mich das unheimlich. Immerhin sagen die ja: Wir geben euch das Geld, weil ihr das gut macht.“

Eine Woche ist vergangen. Ich frage nach bei Katharina Pewny. Hat sich die Senatsverwaltung schon gemeldet? Nein. Auch Sparen braucht wohl Zeit. Das Hin und Her wird sich wahrscheinlich bis weit ins nächste Jahr ziehen, vermutet die Kulturmanagerin. Erst vor kurzem hat sie endlich ihr endgültiges Gesamtbudget für dieses Jahr bestätigt bekommen. Da war schon fast die Hälfte des Jahres vorbei.

Es wird also weitergehen in der BEGINE. „Mit Leidenschaft für die Sache und viel Einsatz! Und dem Willen und der klaren Entscheidung: Wir arbeiten für Frauen“, sagt Katharina Pewny. Immerhin hat der Verein den Namen, der für ihn Programm ist. Die Beginen, selbstbestimmt lebende Frauen, gab es bereits im 13. Jahrhundert, fernab der katholischen Klöster. Frauen, die schon damals wussten, was sie für sich wollten und sich gemeinsam durchgekämpft haben.