•   Rubrik Interview

20 Jahre Stiftung Parität Berlin

  • Autor Milena Müller
  • Veröffentlichungsdatum 03. September 2025
  • Lesezeit 10 Minuten

Im Frühjahr 2005, da hatte Oswald Menninger eine Idee. Eine Idee, die aus einer finanziellen Notwendigkeit geboren wurde – und sich als wichtiger Bestandteil des sozialen Berlins entpuppte: die Gründung der Stiftung Parität Berlin. Heute, 20 Jahre später, ist aus dieser Idee ein kraftvoller Motor für soziale Innovation geworden. Im Interview erzählt Oswald Menninger, 18 Jahre lang Geschäftsführer des Paritätischen Berlin und bis heute im Stiftungsvorstand, wie aus dem Verkauf von Anteilen an einer Krankenhausgesellschaft eine Stiftung entstand, die besondere Projekte von Paritätischen Mitgliedsorganisationen fördert. Er spricht über Mut, etwas Neues zu wagen, gesellschaftliche Verantwortung – und darüber, was gute soziale Arbeit für ihn bedeutet.

Mit den Mitteln der Stiftung sollen ausdrücklich solche Projekte gefördert werden, die neue Wege gehen, wenn es darum geht, auf eine gesellschaftliche Herausforderung zu reagieren. Das sind oft Projekte, die vom Land Berlin zunächst keinen müden Euro bekommen und sich erst 'beweisen' müssen.

Oswald Menninger, Stiftung Parität Berlin

Herr Menninger, wie kam die Idee zustande, eine Stiftung zu gründen?

Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Nach der Wende hat der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin mehrere Krankenhäuser in Ostberlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern übernommen, die bis dato allesamt in staatlicher Hand gewesen sind. Das lief für ein paar Jahre ganz gut, die Finanzierung der Krankenhäuser war auskömmlich. Der Staat hat Sondermittel in ostdeutsche Gesundheitseinrichtungen fließen lassen, um sie auf westdeutschen Standard zu bringen. Anfang der Nullerjahre änderte sich das. Ich war damals Geschäftsführer des Paritätischen Berlin. Und als Ökonom war mir schnell klar, dass es schwer werden würde, die Krankenhäuser im Verband zu halten. Es hätte ein großes finanzielles Risiko bedeutet, die Krankenhäuser nicht zu verkaufen. Das hätte ich als Geschäftsführer nicht verantworten können. Deshalb gab es für mich zu diesem Zeitpunkt zwei Optionen: den Paritätischen verlassen oder Überzeugungsarbeit leisten für den Verkauf der Einrichtungen.

Und Sie entschieden sich für das letztere.

Ja. Ich war schon sieben oder acht Jahre Geschäftsführer und fühlte mich dem Verband sehr verbunden. Und meine Arbeit trug gerade Früchte: Zum Beispiel hat der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin immer mehr politischen Einfluss und viele neue Mitglieder gewonnen.

Letztendlich haben wir fast 75 Prozent unserer Krankenhausanteile an den Krankenhauskonzern Sana Kliniken AG verkauft. Dadurch hatten wir viel Geld in der Verbandskasse und ich habe überlegt, wie sich dieses Geld sinnvoll einsetzen lässt. So kam mir die Idee, den Betrag in eine Stiftung zu überführen und damit die Mitgliedsorganisationen des Paritätischen zu unterstützen. Der Vorstand war einverstanden und so habe ich mich an die Arbeit gemacht, die Stiftungsgründung voranzutreiben.

Das ist jetzt 20 Jahre her. Wie sehen Sie das in der Rückschau: Ist alles reibungslos verlaufen oder sind Sie auch auf Widerstand gestoßen?

Ich erinnere mich gut, dass zu jeder Zeit offene Debatten geführt wurden. Es gab wenige, die den Anteilsverkauf der Krankenhäuser kritisch gesehen haben, weil sie die Welt wolkiger gesehen haben als ich und dachten, wir würden das schon schaffen. Am Ende einer jeden Diskussion haben aber alle an einem Strang gezogen und eine Mehrheitsentscheidung gefällt. So war es auch, als die Stiftungsgründung im Raum stand. Ich bin heute noch stolz darauf, dass wir das so gut hinbekommen haben und sich keine Lager gebildet haben. Das hätte den Verband gelähmt.

Was war das Anliegen der Stiftung?

Einerseits wollten wir den Paritätischen Berlin nach dem Anteilsverkauf finanziell absichern. Ich fand es immer wichtig, dass der Verband unabhängig von staatlichen Geldern ist. Gerade wenn es um Lobbyarbeit geht, macht man sich ansonsten erpressbar. Andererseits – und das steht bis heute im Vordergrund – sollten über die Stiftung vielversprechende Projekte von Mitgliedsorganisationen gefördert werden.

Was waren das für Projekte, die die Stiftung in der Anfangszeit gefördert hat?

Es war immer klar, dass möglichst allen Bereichen, in denen die Paritätischen Mitgliedsorganisationen arbeiten, Fördermittel zur Verfügung stehen. Nichtsdestotrotz haben sich immer wieder Förderschwerpunkte ergeben. Als die Stiftung gerade gegründet war, hat sie zum Beispiel viel im Bereich Ehrenamt finanziert.

Wieso gerade in diesem Bereich?

Mitte der Neunzigerjahre gab es heftige Diskussionen darüber, was Wohlfahrtspflege eigentlich ist: Dass neben Trägerorganisationen, die vom Staat beauftragt soziale Dienstleistungen erbringen, auch bürgerschaftliches Engagement zur Wohlfahrtspflege gehört, war damals nicht selbstverständlich. Ich war immer der Auffassung, dass Freiwilliges Engagement und auch Selbsthilfe – also Prozesse, in denen sich Menschen selbst organisieren, ihre Interessen verfolgen und auf gesellschaftliche Notlagen reagieren – ein Wesenskern der Wohlfahrtspflege sind.

Das heißt, der Förderschwerpunkt hat immer auch mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun?

Genau. Als zum Beispiel 2015 viele Geflüchtete nach Berlin kamen, hat die Stiftung vor allem Organisationen und Projekte gefördert, die sich proaktiv auf den Weg gemacht und den Menschen das Ankommen erleichtert haben.

Die Stiftung versteht sich seit jeher als „Motor für soziale Innovation“. Was ist damit gemeint?

Sozial innovativ heißt, dass vorhandene Versorgungsstrukturen hinterfragt werden, wenn Probleme aufkommen und die Frage im Raum steht, wie einem Menschen bestmöglich geholfen werden kann.

Mit den Mitteln der Stiftung sollen ausdrücklich solche Projekte gefördert werden, die neue Wege gehen, wenn es darum geht, auf eine gesellschaftliche Herausforderung zu reagieren. Das sind oft Projekte, die vom Land Berlin zunächst keinen müden Euro bekommen und sich erst „beweisen“ müssen. Mir kommt ein Beispiel in den Sinn: Als die ersten Paritätischen Jugendhilfeträger Kooperationen mit Schulen eingegangen sind, um Sozialarbeit an Schulen anzubieten, wurden sie dafür vom Berliner Senat finanziell nicht ausgestattet. Die Stiftung ist sozusagen eingesprungen und hat die Schulsozialarbeitsprojekte ihrer Mitgliedsorganisationen gefördert. Irgendwann hat das Land Berlin damit begonnen, Schulsozialarbeit zu etablieren, weil es erkannt hat, dass das vernünftig und erfolgreich ist. In dieser Zeit waren die Paritätischen Jugendhilfeträger in der besten Startposition, diese Aufgabe zu übernehmen. Heute wird die Schulsozialarbeit in Berlin mehrheitlich von Paritätischen Organisationen gestemmt.

Bis heute hat die Stiftung Parität Berlin 1.285 Projekte gefördert. Ist Ihnen eins davon als Herzensprojekt in besonderer Erinnerung geblieben?

Für mich waren alle Projekte wichtig. Ich hatte nie ein Faible für diesen oder jenen Bereich. Das hängt auch damit zusammen, dass ich beruflich außerhalb der Wohlfahrtspflege sozialisiert bin. Ich habe Koch und Hotelkaufmann gelernt und bin aus Süddeutschland nach Berlin gekommen, um die Hotelfachschule zu besuchen. Später habe ich auf dem zweiten Bildungsweg Volks- und Betriebswirtschaft studiert. Zur Wohlfahrtspflege habe ich gefunden, weil ich mein ökonomisches Know-How mit etwas gesellschaftlich Sinnvollem verbinden wollte. Seither habe ich nie den Blick von außen verloren. Ich bin auch nicht davor zurückgeschreckt, Kritik am Wohlfahrtssystem zu üben und Defizite zu benennen. Dafür wurde ich mitunter angefeindet. Die Frage, was gute soziale Arbeit ausmacht, hat mich aber nie losgelassen.

Haben Sie eine Antwort auf diese Frage gefunden?

Soziale Arbeit ist dann gut, wenn sie Menschen dabei hilft, wieder selbstständig zu sein. Das geht natürlich nicht immer. In der Pflege zum Beispiel geht es eher darum, die Würde der Betroffenen zu bewahren. Aber in vielen anderen Bereichen wie in der Arbeit mit Suchterkrankten, Jugendlichen oder psychisch erkrankten Menschen muss das Ziel doch sein, dass diese Menschen wieder ohne Unterstützung zurechtkommen. Das heißt nicht, dass sich die soziale Arbeit damit selbst überflüssig macht. Es entstehen ja immer wieder neue Probleme.

Die Stiftung Parität Berlin gibt es nun seit zwei Jahrzehnten. Ist sie inzwischen zur Selbstläuferin geworden oder hat sie Ihnen in all der Zeit auch schlaflose Nächte bereitet?

Da gibt es etwas, das mich auf Trab gehalten hat: Die Finanzmärkte haben in den letzten zwanzig Jahren immer mal wieder verrückt gespielt. Drei Jahre nach Stiftungsgründung gab es eine große Finanzkrise. Das war 2008. Es bestand die Gefahr, dass das gesamte Weltbankensystem zusammenbricht. Und das hätte sich auch auf das Stiftungskapital ausgewirkt. Das Geld der Stiftung so anzulegen, dass die Risiken möglichst gering sind – das hat mir in all der Zeit die meiste Aufmerksamkeit abgefordert. Bis heute beschäftige ich mich damit sehr intensiv. Schließlich kommt es immer mal wieder zu finanziellen Krisen. In jüngster Zeit sind die Aktienkurse zum Beispiel während der Corona-Pandemie und wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine abgestürzt.

Woher kommt Ihr Antrieb, trotz aller Herausforderungen und nach all den Jahren weiterzumachen?

Ich bin zum Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin gekommen, weil ich gesehen habe, dass da sinnvolle und gute Arbeit gemacht wird. Und die Vielfalt unter den Mitgliedsorganisationen hat mich von Anfang an beeindruckt. Unter dem Paritätischen Dach vereinen sich Menschen und Organisationen mit unterschiedlichen Überzeugungen und Weltbildern, die aber alle eines gemeinsam haben: Sie wollen gute soziale Arbeit machen und Menschen helfen. Das, aber auch die Offenheit des Verbandes für neue gesellschaftliche Entwicklungen, ist es, was mich bis heute begeistert und antreibt. Und solange meine körperliche Verfassung es zulässt, mache ich weiter.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie der Stiftung Parität Berlin zum Jubiläum?

Ich wünsche ihr, dass es nicht mehr so viele Finanzkrisen gibt (schmunzelt). Und ich wünsche mir, dass die Stiftung die Paritätischen Mitglieder mit ihren guten, innovativen Ideen auch in den nächsten 20 Jahren unterstützen kann. Ich bin optimistisch, dass sich dieser Wunsch erfüllt.

Oswald Menninger bei seiner Verabschiedung als Geschäftsführer des Paritätischen Berlin 2016 © William Glucroft
über Oswald Menninger

Oswald Menninger war von 1997 bis 2015 Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin. In dieser Zeit hat er das soziale Berlin maßgeblich mitgestaltet und viele Projekte und Initiativen, die Berlin besser machen, mitentwickelt – etwa die inklusive Parieté Gala. 2016 hat er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz erhalten. Er ist dem Paritätischen Berlin bis heute eng verbunden und neben Stefan Dominik Peter der geschäftsführende Vorstand der durch seine Initiative gegründeten Stiftung Parität Berlin.