Ein Café ohne Konsumzwang, Beratung gleich neben dem Arztzimmer und Zeit für Gespräche, die sonst keinen Platz haben: Das Gesundheitszentrum Neukölln verbindet medizinische, soziale und psychologische Angebote an einem Ort.
Knapp acht Minuten – so lange sitzen Menschen im Durchschnitt im Sprechzimmer ihres Arztes. Viel Zeit, um ihren Problemen auf den Grund zu gehen, bleibt dabei nicht. Mit diesem Umstand möchte das Gesundheitskollektiv Berlin e.V. – kurz GeKo – im Kindl-Quartier in der Rollbergstraße 30 brechen. „Wir verstehen Gesundheit umfassender, als bio-psycho-sozial – also als mehr als nur die körperlichen Symptome “, sagt Janina Johannsen, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Zentrums.
Seit Ende 2021 vereint das GeKo verschiedene Professionen unter dem Dach eines modernen Hauses mit Holzfassade – darunter eine Kinder- und Erwachsenenarztpraxis, psychologische und soziale Beratung sowie einen Raum für Workshops und Selbsthilfegruppen. Zudem hat das Zentrum einen Psychotherapiesitz, für den es aktuell Psychotherapeut*innen sucht. „Leute können mit jedem beliebigen Anliegen erstmal zu uns kommen“, sagt Johannsen.
Dass die Angebote räumlich eng beieinanderliegen, soll die Hürde verkleinern, sich Hilfe zu holen. So ist das Arztzimmer nur wenige Meter von der Sozialberatung entfernt. „Patient*innen müssen nicht extra anrufen oder wiederkommen, um einen Termin zu vereinbaren – es ist einfach die nächste Tür“, sagt Johannsen. Die Idee des Gesundheitszentrums lehnt an internationale Vorbilder an, etwa Community-Health-Care-Zentren in Kanada und Großbritannien.
An diesem Dienstagvormittag sitzt die Pressesprecherin Johannsen in der im Erdgeschoss gelegenen „Café Praxis“ – einem lichtdurchfluteten Raum mit großzügiger Fensterfassade, dem „Herzstück des Zentrums“. Es ist von dienstags bis donnerstags zwischen 10 und 15 Uhr geöffnet. Wer einen Termin im Zentrum hat, kann davor oder danach hier verweilen. Auch Menschen ohne konkretes Anliegen sind im Café willkommen.
Es geht hier vor allem um Gemeinschaft, aber auch um die Möglichkeit, in Kontakt mit den Gesundheitsangeboten zu kommen.
Das Café bietet Raum für Begegnung. Wer möchte, findet hier ein kleines Gespräch. Einen Rede- oder Konsumzwang gibt es jedoch nicht. „Es geht hier vor allem um Gemeinschaft, aber auch um die Möglichkeit, in Kontakt mit den Gesundheitsangeboten zu kommen“, sagt Johannsen.
Neben Deutsch werden im Café auch Spanisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Lingala und Türkisch gesprochen. Für sechs Euro gibt es ein Mittagessen mit Salat. Eine Schiebetür trennt einen weiteren Raum ab, in dem verschiedene Gruppenformate stattfinden – teilweise von Besucher*innen selbst initiiert.
Im Café sind auch regelmäßig Community Health Care Nurses unterwegs – speziell geschulte Fachkräfte, die sich ausgiebig Zeit für eine gesundheitliche Bestandsaufnahme nehmen und damit genau das bieten, was im medizinischen Alltag oft fehlt: Zeit, ein offenes Ohr, Beratung und Einfühlungsvermögen.
Heute, gegen Mittag, ist die Café Praxis bereits gut besucht. Im Thekenschaufenster liegen selbstgebackene Böreks und Kuchen. Im Hintergrund läuft türkische Musik, verschiedene Sprachen vermischen sich, während hinter der Theke Ehrenamtliche das Mittagessen vorbereiten. Mit dabei ist auch Petra, die seit 40 Jahren im Bezirk lebt. Einmal pro Woche hilft sie im Café aus. „Ich helfe immer da, wo es brennt“, sagt sie.
Wie viele der Besucher*innen ist auch sie von Einsamkeit betroffen. „Ich bin ein Mensch, der sich sehr oft einsam fühlt“, sagt sie. Petra nimmt sich gerne Zeit für kurze Gespräche – über das Wetter, Rezepte, Reisen oder persönliche Geschichten. Als psychisch angeschlagene Person müsse sie jedoch mit ihren Kräften haushalten. „Ich kann gut zuhören, aber manchmal wird es mir zu viel und ich muss einen Cut machen“, sagt sie. Am Café gefällt ihr, dass sie hier mit Menschen reden kann – aber nicht muss.
Bevor das GeKo das Gebäude im Kindl-Quartier bezog, arbeitete es dezentral an verschiedenen Orten in der Stadt. Bis heute sind viele der Mitarbeiter*innen in Neukölln unterwegs, um das mehrsprachige Angebot bekannt zu machen und noch mehr Menschen zu erreichen – unterstützt durch digitale Übersetzungsdienste.
Viele der Menschen, die das Café besuchen, leben im Flughafen- und Rollbergkiez. Für einige ist das Café einer der wenigen Orte, an denen Begegnung auch ohne Konsum möglich ist. Dass es hier einen Kaffee unter fünf Euro gibt, ist im von Gentrifizierung betroffenen Bezirk Neukölln eine Seltenheit.
Auf einer der Bänke nimmt Peggy Platz. Eine große Frau, die regelmäßig ins Café kommt. Gerade war sie noch nebenan, in der im Gebäude gelegenen Ergotherapiepraxis, jetzt ist sie zurück zum Plaudern. Als Legasthenikerin mit nur noch einem Arm stößt sie im Alltag immer wieder auf Barrieren – sei es auf Bürgersteigen, bei Behörden oder im Nahverkehr. „Außer im Zentrum kriegt man nirgends mehr Rat und Tat“, sagt sie.
Erst kürzlich ist Peggy in Rente gegangen. Das Arbeitsamt habe ihr versichert, der Übergang würde nahtlos verlaufen. „Und auf einmal stand ich drei Monate ohne Rente da“, erzählt sie. Die Bürokratie habe ihr viele Hürden in den Weg gelegt – „da kämpfst du gegen Windmühlen, ne?“ Im Zentrum habe man ihr geholfen, den Antrag auszufüllen und weiterzuleiten.
Doch auch der Weg hierher ist nicht immer leicht. Der Fahrstuhl, der die durch Treppen abgetrennte Neckarstraße mit dem Kindl-Areal verbindet, ist seit Jahren außer Betrieb. Um das Gelände zu erreichen, muss Peggy einen Umweg machen. Zwar gibt es im GeKo selbst einen Fahrstuhl zu den Arztpraxen – der Zugang zum Areal bleibt dennoch eine Hürde.
Auch das GeKo selbst stößt mit seinem Angebot an Grenzen. So fehlt im Zentrum bislang etwa der Platz für eine gynäkologische Praxis. Vor allem mangelt es jedoch an Zukunftssicherheit: Viele Angebote sind über befristete Projektförderungen finanziert, einige von Kürzungen kommunaler Mittel betroffen. „Für die Mitarbeiter*innen bedeutet das weniger Sicherheit und Kontinuität“, sagt Pressesprecherin Janina Johannsen.
Doch genau diese Kontinuität braucht es – für die Arbeit im Zentrum ebenso wie für die Menschen, die hier Unterstützung suchen. Denn Gesundheit endet im GeKo eben nicht nach ein paar Minuten im Arztzimmer.
Mit seinem Ansatz, einen einfachen Zugang zu guter Gesundheitsversorgung für alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Bildung – zu ermöglichen, ist das Gesundheitskollektiv Berlin nicht allein: Im „Poliklinik Syndikat“ arbeitet es mit anderen Projekten zusammen, um das Modell solidarischer Gesundheitszentren an möglichst vielen Orten zu etablieren.
Im Gesundheitskollektiv Berlin sind über 20 Menschen mit beruflichen Hintergründen in Sozialarbeit, Pflege, Medizin, Gesundheitswissenschaften, Pädagogik, Psychotherapie und Recht aktiv.
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