•   Rubrik Bericht

Ein sicherer Hafen für die, die keinen haben

  • Autor Dominique Hensel
  • Veröffentlichungsdatum 15. Januar 2026
  • Lesezeit 15 Minuten

Das alte Direktorenhaus in der Pflugstraße 12 hat eine lange Geschichte. Es wurde 1889 als ergänzender Bau zu zwei nebenliegenden Schulen errichtet. Im Laufe der Zeit wechselte jedoch seine Bestimmung. Heute beherbergt das Haus ein einzigartiges soziales Projekt: ein Gesundheitszentrum für Obdachlose. Aufgebaut wurde das kleine und ganzheitliche Gesundheitszentrum von Dr. Jenny De la Torre Castro, die als engagierte Obdachlosenärztin Berlins bekannt war und im letzten Jahr verstorben ist. Die von ihr gegründete Stiftung setzt ihre Arbeit, ihr Lebenswerk, fort.

Versorgung unter einem Dach

Das Gesundheitszentrum für Obdachlose ist ein Ort für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen: für die, die auf der Straße leben und Hilfe brauchen. Diese Hilfe finden sie bei der Jenny De la Torre-Stiftung in der Pflugstraße. Unter einem Dach gibt es hier auf drei Etagen eine Essensversorgung, medizinische Hilfe, eine Kleiderkammer, Rechts- und Sozialberatung sowie psychologische Beratung. Das kurzfristige Ziel: Niedrigschwellige Hilfe. Das langfristige Ziel: soziale Reintegration.

Im Gesundheitszentrum für Obdachlose arbeiten 16 Festangestellte und 19 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen. Es sind Ärzte im Ruhestand, die einmal in der Woche unentgeltlich Menschen behandeln, es sind Menschen in der Verwaltung, in der Kleiderkammer, in der Küche und viele mehr. Dr. Christoph Biella ist der leitende Arzt. Er beschreibt die Arbeit in der Pflugstraße so: „Es geht nicht nur darum, Wunden zu behandeln. Es geht um eine ganzheitliche Versorgung – das war die Vision von Dr. De la Torre.“

Respekt, Würde und der Anspruch auf Augenhöhe

„Als Mediziner fokussiert man sich ja sehr auf Medikamente. Doch hier geht es auch um die Bereitstellung von Sanitäranlagen, die Möglichkeit, zu duschen, etwas zu essen. Das macht für unsere Patienten einen riesigen Unterschied, gerade auch fürs Selbstwertgefühl“, sagt Dr. Biella.

Mit Eduardo Großmann, dem Sohn von Jenny De la Torre Castro, ist sich der leitende Arzt einig, dass den Obdachlosen auf Augenhöhe begegnet werden soll. Dazu gehört, dass es überall im Haus so blitzsauber ist, dass jeder Mensch hier gern eine Dusche nehmen würde. Dazu gehört aber auch, dass die Patient*innen gesiezt werden.

Dr. Christoph Biella, Jenny De la Torre Castro und ihr Sohn Eduardo Großmann © Jenny De la Torre-Stiftung

„Jeder Mensch ist eine Welt für sich“, sagt Eduardo Großmann. Dass sich das familiäre Team im Gesundheitszentrum für Obdachlose die Zeit nehmen kann, jeden Menschen individuell zu begleiten, betrachtet er als Privileg. Möglich ist das, weil das Gesundheitszentrum von Jenny De la Torre Castro sich einen so guten Ruf erarbeitet hat, dass es ausschließlich mit Spenden finanziert werden kann. Eine Zeitbegrenzung für die Behandlung der Patient*innen wie in normalen Arztpraxen gibt es hier nicht. Es dauert so lange wie es dauert, einen Menschen zu behandeln. „Es braucht viele kleine Schritte zum Ziel“, sagt Dr. Biella.

Obwohl das Gesundheitszentrum ausschließlich von Spenden getragen wird, ist es sehr gut ausgestattet. Ultraschall, Röntgengerät im Behandlungsraum des Zahnarztes, alles für die augenärztliche Behandlung und sehr viel Material für die Wundbehandlung – alles Nötige ist da. Die Lebensmittel für den Mittagstisch, Jacken und Hosen in der Kleiderkammer sind ebenfalls Spenden. Aktuell, so erzählen die Kleiderkammer-Mitarbeiter*innen beim Rundgang durch das Haus, wird vor allem Winterkleidung für Männer gebraucht: Jacken, Jeanshosen, gefütterte Winterstiefel, Hoodies.

Immer mehr Hilfesuchende – eine wachsende Herausforderung

„Die Bedeutung solcher Einrichtungen und der Bedarf wird eher zunehmen“, sagt Eduardo Großmann. Den Trend kann er an den Zahlen ablesen, mit dem das Gesundheitszentrum für Obdachlose seine Arbeit dokumentiert. Im Jahr 2020 sind in der Statistik insgesamt 3.500 Konsultationen erfasst. Die Anzahl der Patient*innen ist immer weiter gestiegen. Im Jahr 2024 lag sie bei 5.300 Hilfesuchenden. „Es sind vor allem Männer, meist zwischen 30 und 60 Jahre alt.

Immer mehr Menschen kommen aus anderen EU-Ländern, vor allem aus Polen, aber auch aus Bulgarien, Rumänien oder Lettland. „Es gibt kein einheitliches europäisches Konzept in der Sozialpolitik“, sagt Dr. Biella. So kämen EU-Bürger*innen nach Deutschland, wenn in ihrem Land die Unterstützung endet. Der steigende Anteil der EU-Ausländer*innen stellt das Team vor eine Herausforderung. „Viele Patienten sprechen kein Deutsch“, sagt Dr. Biella. Damit die Verständigung trotzdem klappt, greift das Team auf digitale Übersetzungstools zurück.

Momente, die Mut machen

Im Anmeldebereich, den jede Patientin und jeder Patient zuerst aufsucht, hängen einige Fotografien an der Pinnwand. Auf einem der Bilder ist Jenny De la Torre Castro zu sehen, wie sie bei einem Patienten am Wohnzimmertisch sitzt. Er ist einer der Menschen, die mit ihrer Hilfe einen Weg aus der Obdachlosigkeit gefunden hat. Auf einem anderen Bild ist ein Patientenpaar zu sehen, das seine Hochzeit feiert. Das größte Bild zeigt einen Teil des Teams mit Ursula von der Leyen. Als Familienministerin hat sie das Vorzeigeprojekt in der Obdachlosenversorgung besucht. Es sind festgehaltene, besondere Momente aus einem mühseligen Alltag im Kampf gegen die Not der Menschen am Rand der Gesellschaft.

Die Menschen, die das Projekt von Jenny De la Torre Castro tragen, haben ganz verschiedene Motivationen. Seinen Antrieb beschreibe Dr. Biella so: „Für mich ist der Arztberuf nicht nur medizinisch, sondern hat auch eine soziale Komponente. Es ist eine Berufung für mich und eine große Ehre, die Arbeit von Dr. De la Torre fortsetzen und etwas bewirken zu können“. Wie „Ärzte ohne Grenzen“, nur in Berlin, ist die Arbeit für den Allgemeinmediziner.

Ein Lebenswerk, das weiterlebt

Auch Eduardo Großmann möchte das Lebenswerk seiner Mutter weiterführen. Als Jenny De la Torre krank wurde, entschied er sich, seinen Job als Architekt aufzugeben und im Gesundheitszentrum für Obdachlose zu arbeiten. Um mehr Zeit mit seiner Mutter verbringen zu können, begann er, sich um die Öffentlichkeitsarbeit und die Digitalisierung der Stiftung zu kümmern. „Ich habe das Gefühl, dass wir hier eine wichtige Arbeit machen, und ich fühle mich mit dem, was meine Mutter geschaffen hat, verbunden“, sagt Eduardo Großmann.

Im Juni vergangenen Jahres ist Jenny De la Torre Castro gestorben. Auf der Webseite hat die Stiftung einige Gedenkworte veröffentlicht. So steht dort: „Mit ihrem Tod verlieren wir eine Frau, deren Leben und Wirken untrennbar mit der Idee von gelebter Solidarität verbunden sind. Jenny De la Torre war mehr als eine Ärztin. Sie war eine mutige Wegbereiterin medizinischer Hilfe, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt – unabhängig von Herkunft, sozialem Status oder Lebenslage.“ Unzählige Menschen drücken darunter ihr Mitgefühl und ihr Bedauern über den Verlust aus.

Dr. Biella, Eduardo Großmann und das ganze Team der Jenny De la Torre-Stiftung setzen die Arbeit von Jenny De la Torre Castro fort. „Wir sind da und wir machen weiter“, sagt Eduardo Großmann. Weil jeden Tag Menschen vor der Tür in dem alten Haus in der Pflugstaße stehen, die die Hilfe dringend nötig haben. In diesem Jahr feiert das Gesundheitszentrum für Obdachlose seinen 20. Geburtstag. Es ist für viele Menschen ein vertrauter Hafen in einer schwierigen Zeit.

übrigens

  • Wer etwas für die Kleiderkammer abgeben möchte, sollte vorher auf der Webseite nach dem aktuellen Bedarf schauen. Dort finden sich auch weitere Informationen über die Stiftung und Wege, ihre Arbeit zu unterstützen.

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