Ein Mutmacher namens Fluffi – Suchtprävention in der Kita
In der Kita „Knirpsenbude“ herrscht gespannte Stimmung. Es ist ein grauer Dezembermorgen kurz vor Weihnachten, eine kleine Gruppe von Vorschulkindern wartet auf einen besonderen Gast, dessen Besuch für heute angekündigt wurde. Endlich ist es so weit: Der Erzieher Flo öffnet einen kleinen Koffer und zieht eine plüschig-gelbe Handpuppe hervor. „Fluffi, Fluffi!“, rufen die Kids. Die Puppe ist für sie ein guter Freund, ein Mitglied ihrer Gruppe. Nach einer kurzen Begrüßung erzählt Fluffi – mit der Stimme des Erziehers Flo – den Kindern, was ihn gerade bewegt: Weihnachten steht bevor, aber er hat Sorge, keine Geschenke zu bekommen, weil er vielleicht nicht brav genug war. Ob die Kinder auch mit gemischten Gefühlen auf das Fest blicken, fragt Fluffi in die Runde. Schnell beginnen die Vorschul-Kids zu erzählen, berichten von ihren Wünschen und Gedanken. Genau darum geht es beim Fluffi-Klub: einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Kinder ihre Gefühle äußern und über ihre Anliegen sprechen können.
In der „Knirpsenbude“, einer Kita im Berliner Osten, ist das Programm ein festes Ritual, auf das sich die Kinder jeden Monat freuen. Der plüschigen Handpuppe mit dem freundlichen Gesicht und dem weichen gelben Fell vertrauen sich die Kinder an und geben ihr Ratschläge, wenn sie mal selbst nicht weiterweiß. Fluffi ist weit mehr als nur ein Spielzeug: Er ist die zentrale Figur eines Angebots, das Kinder stärken soll – für die Schule und andere Herausforderungen des Lebens.
Ein Programm zur Stärkung von Kindern
Entwickelt wurde der Fluffi-Klub von NACOA Deutschland, einer Organisation, die sich für Kinder aus suchtbelasteten Familien einsetzt. Das Projekt entstand 2018 im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Damals berichteten pädagogische Fachkräfte von ihrer Unsicherheit im Umgang mit betroffenen Kindern, es folgten Gespräche mit Koordinatorinnen für Suchthilfe und Kinderschutz. „Damals ging es noch sehr darum, betroffene Kinder zu identifizieren und Hilfe anzubieten. Heute steht die Stärkung aller im Mittelpunkt – als kindgerechte Methode der Suchtprävention“, erklärt Katharina Spatola, die das Programm leitet. Da über 90 % der Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren in Deutschland eine Kindertageseinrichtung besuchen, bot sich ein Programm vor Ort in der Kita an, um möglichst viele Kinder zu erreichen. Von Anfang an wurden die Kitas aktiv in die Entwicklung einbezogen. Gemeinsam mit den Fachkräften entstand ein Konzept, das sich an den Bedürfnissen der Kinder und den Erfahrungen aus dem Kita-Alltag orientiert.
In Deutschland wächst schätzungsweise jedes fünfte bis sechste Kind in einer suchtbelasteten Familie auf. Häufig bleiben ihre Bedürfnisse auf der Strecke, und viele dieser Kinder entwickeln später selbst eine Suchterkrankung. Der Fluffi-Klub von NACOA Deutschland unterstützt die Kitas dabei, Kinder zu stärken, bevor Probleme entstehen. In zwölf Einheiten lernen die Vorschulkinder, Gefühle wahrzunehmen und Grenzen zu setzen. Gleichzeitig werden die Fachkräfte geschult, Anzeichen früh zu erkennen und betroffene Kinder sensibel zu begleiten.
Das Herzstück des Fluffi-Klubs ist das Kinderprogramm: Über zwölf aufeinander aufbauende Einheiten begleitet die Handpuppe die Vorschulkinder durch Themen wie Einzigartigkeit, Gefühle, Grenzen und Vertrauen. „Wir wollen den Kindern Strategien mitgeben, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen können“, sagt Spatola. Dabei wird nicht mit dem Finger auf das Thema Sucht gezeigt. Vielmehr geht es darum, die sogenannte Resilienz der Kinder zu fördern – also ihre innere Widerstandskraft, mit Herausforderungen und Stress umgehen zu lernen. Im Lauf der Einheiten wird so auch das Selbstwertgefühl der Kinder gestärkt. „Kinder aus belasteten Familien brauchen sichere Orte, an denen sie sich öffnen können. Aber auch Kindern ohne diese Vorbelastung tut diese Arbeit gut“, betont die Programmleiterin.
Gefühle erkennen und Grenzen setzen
Während Fluffi in der „Knirpsenbude“ von seinen Sorgen erzählt, hören die Kinder aufmerksam zu. „Die Kinder wissen einerseits, dass Fluffi eine Puppe ist, die von mir gespielt wird“, erzählt Flo, der Erzieher. „Aber sie sehen ihn auch als eine eigenständige Persönlichkeit. Sie sprechen mit Fluffi, erzählen ihm Dinge, die sie vielleicht einem Erwachsenen nicht anvertrauen würden.“ Für die Kinder ist Fluffi ein Freund auf Augenhöhe. Das macht es ihnen leicht, sich zu öffnen.
Zu jedem Workshop bringt Fluffi ein neues Thema mit – manchmal ein Gefühl, das er nicht einordnen kann, manchmal eine Frage zu Freundschaft oder Streit in der Familie. Die Kinder helfen ihm, erkunden gemeinsam Lösungen. Es gibt feste Rituale: das Begrüßungslied, eine Girlande und Arbeitsmaterialien für den Klub. „Die Kinder freuen sich jedes Mal auf Fluffi“, berichtet Flo.
In den Workshops lernen die Kinder, ihre Gefühle zu erkennen und auszudrücken, aber auch, dass alle Emotionen ihre Berechtigung haben. „Ein Kind sagt zum Beispiel, es habe Bauchschmerzen – dahinter kann aber oft Angst, Wut oder Verunsicherung stecken“, erklärt Katharina Spatola, die auch selbst Workshops durchführt. Sie berichtet, wie Fluffi die Kinder fragt: „Warum können wir eigentlich nicht immer glücklich sein?“ Die Antworten der Fünf- und Sechsjährigen sind oft verblüffend, zum Beispiel: „Das ist wie beim Backen, da braucht man verschiedene Zutaten, damit der Kuchen schmeckt.“
Wir wollen, dass die Kinder wissen: Sie dürfen Nein sagen, auch zu Erwachsenen.
Auch das Thema Grenzen setzen spielt eine wichtige Rolle. In einem Spiel mit „Inseln“ üben die Kinder, „Halt, Stopp!“ zu sagen und zu erleben, dass ihr Nein respektiert wird. Manchen fällt das leicht, anderen schwerer – aber sie lernen gemeinsam, dass ihre Grenzen zählen. „Das ist der erste Schritt zur Resilienz“, sagt Flo. „Wir wollen, dass die Kinder wissen: Sie dürfen Nein sagen, auch zu Erwachsenen.“ Das ist auch Thema beim Workshop in der „Knirpsenbude“: „Manchmal soll ich zum Essen kommen, obwohl ich noch spielen will“, erzählt Emma. Fluffi und die anderen nicken verständnisvoll.
Suchtprävention durch Lebenskompetenz
Obwohl das Thema Sucht nicht direkt angesprochen wird, bleibt es im Hintergrund präsent. Im begleitenden Kinderbilderbuch hat Fluffis Vater eine Alkoholsucht. In einer der späteren Einheiten wird mit Bildkarten aus dem Buch gearbeitet – es geht um eine Erwachsenenparty, auf der Wein und Bier auf dem Tisch stehen. Manche Kinder erkennen die Situation sofort, andere interpretieren sie anders, erklärt Katharina Spatola. „Kinder, die betroffen sind, verstehen die Botschaft, ohne dass sie bloßgestellt werden.“ Die zentrale Botschaft ist: Kinder müssen sich nicht um Erwachsene kümmern – Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich. Und wenn sie Unterstützung brauchen, ist es Aufgabe anderer Erwachsener, ihnen zu helfen.
Im Kita-Alltag arbeitet das NACOA-Team eng mit dem pädagogischen Personal zusammen. Während der Workshops sind immer vertraute Bezugspersonen aus der Einrichtung dabei. Sie kennen die Kinder gut und können sie auffangen, wenn es emotional wird. „Es kommt vor, dass Kinder Fluffi ein Geheimnis anvertrauen oder schwierige Themen ansprechen“, sagt die Programmleiterin. „Dann ist es wichtig, dass jemand aus dem Kita-Team da ist und die Kinder begleitet.“ Für die Fachkräfte gibt es regelmäßig Austausch und Fortbildungen, damit sie mit Unsicherheiten umgehen und das Programm eigenständig weiterführen können.
Vertrauen schaffen durch Elternarbeit
Auch die Eltern der Vorschulkinder werden informiert und eingebunden. Vor Beginn des Projekts gibt es einen Elternabend, bei dem erklärt wird, worum es im Fluffi-Klub geht. „Manche Eltern haben Sorge, dass sie stigmatisiert werden, beispielsweise wenn sie ab und zu Alkohol trinken“, berichtet Spatola. „Wir machen deutlich, dass es uns um Unterstützung geht, nicht um Kontrolle.“ Die Erfahrung zeigt: Die meisten Eltern wünschen sich das Beste für ihr Kind und nehmen das Angebot dankbar an, wenn sie spüren, dass es hilfreich ist.
Flo betont, wie wichtig der Austausch mit den Eltern ist: „Wir müssen die Kinder ernst nehmen, dürfen aber auch die Eltern nicht aus dem Blick verlieren. Kinder erzählen manchmal Dinge, die nicht so dramatisch sind, wie sie erst mal klingen.“ Dann ist es gut, wenn ein vertrauensvolles Gespräch mit den Eltern möglich ist.
Ein Programm mit dauerhafter Wirkung
Ist der Fluffi-Klub einmal in der Kita angekommen, kann er über längere Zeit weiterlaufen. Beim ersten Durchlauf leiten die Mitarbeiterinnen von NACOA die Workshops selbst. Gleichzeitig werden die Erzieher*innen geschult, sodass sie das Programm auch mit neuen Gruppen fortsetzen können. Die Kita erhält umfangreiche Materialien, darunter ein Fluffi-Heft, in dem die Kinder ihre Erlebnisse festhalten. „Uns ist wichtig, dass das Angebot im Alltag der Kita verankert bleibt und nicht nach einem Jahr verpufft“, sagt Spatola.
Die Rückmeldungen aus der Praxis sind durchweg positiv. „Die Kinder freuen sich auf jede Stunde mit Fluffi“, erzählt Flo. „Der Fluffi-Klub verstärkt das, was wir ohnehin in der Kita machen: Wir stärken die Kinder in einer vertrauensvollen Umgebung, damit sie das Gelernte ins weitere Leben mitnehmen können.“
In der „Knirpsenbude“ ist die Stunde mit Fluffi fast vorbei. Es bleibt noch Zeit für ein kurzes Spiel, das die Kinder in Bewegung bringt: „Mein rechter, rechter Platz ist leer, da wünsch ich mit den Fluffi her!“, ruft der Vorschüler Eric. Zum Abschied wird der Fluffi-Song gespielt. „Wisst ihr noch, wie das Lied geht?“, fragt Flo. Die Kinder hüpfen im Rhythmus, drehen sich im Kreis. „Traurig sein, glücklich sein – manchmal beides, nie allein!“, singen sie laut mit.
übrigens
-
Seit 2018 unterstützt das Programm Fluffi-Klub Berliner Kitas dabei, die seelische Widerstandskraft von Kindern zu stärken und Sucht vorzubeugen. Gerade Kinder aus belasteten Familien brauchen besondere Unterstützung, um gut ins Leben zu starten. Der Fluffi-Klub gibt ihnen Strategien und schafft einen sicheren Raum in der Kita, wo sie sich öffnen und vertrauen können.
-
NACOA bietet auch eine Onlineberatung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus suchtbelasteten Familien an. Sie ist anonym und ortsunabhängig und wird von zertifizierten Fachkräften durchgeführt. Neben der Mailberatung, die innerhalb von 48 Stunden antwortet, gibt es einen moderierten Gruppenchat, Einzelchat für persönliche Gespräche und ein Beratungstelefon.