Pflegearmut in Berlin: Paritätische Studie zeigt hohe Dunkelziffer und regional besondere Herausforderungen
Die vom Paritätischen Gesamtverband veröffentlichte Studie „Hilfe, die nicht ankommt: Armut in der häuslichen Pflege“ offenbart die zunehmende Gefahr, von Pflegearmut auch und besonders in Berlin betroffen zu sein. Während bundesweit vor allem in der vollstationären Pflege Armutslagen und Unterstützungsbedarfe bekannt und statistisch nachvollziehbar sind, zeigt die Studie: In der ambulanten und häuslichen Pflege bleibt ein Großteil der Anspruchsberechtigten auf Sozialhilfe – und damit von Pflegearmut betroffene Menschen – unsichtbar. Die Daten für Berlin heben sich im Bundesvergleich zum Teil deutlich ab.
Hintergrund & Studienergebnisse
Die hohen Eigenanteile in der Pflege und die unzureichende Deckung durch die Pflegeversicherung führen für viele ältere und pflegebedürftige Menschen dazu, dass die Kosten die Renten und Einkommen übersteigen. In der ambulanten Pflege, wie sie in Berlin stark verbreitet ist, werden Hilfen zur Pflege jedoch besonders selten gewährt: Nur knapp 38 Prozent der Berechtigten nehmen die ihnen eigentlich zustehende Hilfe tatsächlich in Anspruch – im Bundesschnitt sind es weniger als 20 Prozent. Gleichzeitig lebt ein wachsender Anteil der Berliner Pflegebedürftigen in ambulanten Pflege-Wohngemeinschaften, für die Hilfen zur Pflege häufiger bewilligt werden als in anderen Wohnformen. Insgesamt bleibt allerdings auch in Berlin für viele einkommensschwache Haushalte der Zugang zu Sozialleistungen für Pflege durch Unkenntnis, Bürokratie, Scham oder fehlende Beratung versperrt.
Regionale Besonderheiten in Berlin
Im Vergleich der Bundesländer weist Berlin gemeinsam mit Hamburg eine vergleichsweise hohe Inanspruchnahme von Hilfe zur Pflege außerhalb von Einrichtungen auf. Ursache dafür ist unter anderem die in Berlin stark ausgebaute Struktur ambulanter Pflege-Wohngemeinschaften mit einem grundlegendem Antrags- und Bewilligungsverfahren. Die Hilfe zur Pflege in der eigenen Häuslichkeit wird jedoch deutlich seltener bewilligt. Zudem ist auch in Berlin ein deutlicher Rückgang bei den Leistungsbezieher*innen festzustellen, da Anträge zu lange im Bewilligungsverfahren stecken und oft auch im Verfahren hängen bleiben. Dies ist nicht nur auf Personalengpässe in den Bezirksämtern zurückzuführen, sondern auch auf fehlenden leistungserschließenden einheitlichen Verfahren in allen Bezirken.
Forderungen und Ausblick
Der Paritätische fordert die konsequente Umsetzung und Weiterentwicklung der Hilfen zur Pflege – insbesondere in der ambulanten und häuslichen Pflege – und einen gleichberechtigten Zugang unabhängig vom Wohnort. Die Besonderheiten und Versorgungsformen in Berlin müssen stärker als bislang in pflegepolitische Reformen einfließen. Nötig sind:
- eine flächendeckende, leistungserschließende Beratung sowie der Abbau von bürokratischen Hürden,
- eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der Sozialhilfeträger zur Bearbeitung und Bewilligung der Anträge,
- einheitliche Bewilligungsgrundsätze und -praxis in allen Bezirken,
- sowie eine solidarische Pflegevollversicherung zur Übernahme sämtlicher pflegebedingter Kosten.
Nur so kann Pflegearmut in Berlin nachhaltig begegnet werden und die soziale Teilhabe und Würde aller Pflegebedürftigen sichergestellt werden.
Kontakt
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