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Wenige Minuten nach dem dritten Gong räkelte sich das Publikum in den Kinostühlen, schaufelte Popcorn aus blauen Eimerchen und tuschelte zur Erkennungsmusik der Filmverleihfirma. Als es spannender wurde, erstarrte das Publikum, dann fing es an zu steppen. Als es romantisch wurde, floss das eine oder andere Tränchen. Typisch Kino. Typisch Kino? Typisch Illusion!So war es am Mittwoch, 5. Mai 2011, im Kosmos Berlin, dem früheren Vorzeigekino und heutigen Veranstaltungszentrum in der Karl-Marx-Allee, wohin der Paritätische Berlin zum Jahresempfang 2011 geladen hatte.
So war es am Mittwoch, 5. Mai 2011, im Kosmos Berlin, dem früheren Vorzeigekino und heutigen Veranstaltungszentrum in der Karl-Marx-Allee, wohin der Paritätische Berlin zum Jahresempfang 2011 geladen hatte. Passend zur historischen Kinoarchitektur präsentierte das Tanzteam des „Step by Step e.V.“ eine rasante Choreografie „Kinoeulen“ . Dann erst kam der Willkommensgruß der Vorsitzenden, Prof. Barbara John. Wie zu jedem Jahresempfang hieß sie rund 500 Mitglieder und Mitarbeiter aus den 670 Mitgliedsverbänden willkommen, dazu zahlreiche Gäste aus befreundeten Wohlfahrtsverbänden, aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.
Barbara John leitete zum Gastredner des Nachmittags, Joachim Gauck über, indem sie einen Satz von des Schriftstellers und Philosophen Manès Sperber (1905 – 1984) zitierte, der auch auf Joachim Gauck zutreffe. „Ich habe immer eine große Schwäche für jene, die die Wahrheit dann aussprechen, wenn sie auf größten Widerstand stoßen, und wenn sie am schwierigsten ist, auszusprechen.“
Gauck, der sich, wie vor einem Jahr als Bundespräsidentenkandidat von SPD und Bündnis 90/Grüne, auch vor dem Paritätischen Publikum als formidabler Rhetoriker und Denkanreger erwies, hatte sein Lebensthema – Freiheit – zum Anlass genommen, um über die vermeintlichen Widersprüche und tatsächlichen Wechselbeziehungen zwischen Solidarität und Freiheit zu referieren, die freilich undenkbar sei, wenn nicht Verantwortung übernommen würde.
Dieses komplizierte Beziehungsgeflecht hätte den Hintergrund für eine akademisch-theoretische Grundlagenerörterung abgeben können, wenn Gauck nicht immer wieder Analogien zum richtigen Leben bemüht hätte, an eigene Kindheitserinnerungen in Mecklenburg angeknüpft hätte, an seine Zeit der friedlichen Revolution in der DDR und an einprägsame Geschichten aus dem Leben der Großfamilie Gauck. Im Publikum kam Heiterkeit auf, als er – vornehmlich männliche – Zeitgenossen karikierte, die mit 70 noch pubertierten und denen es vor lauter Selbstbezogenheit und Eigenliebe anscheinend niemals gelinge, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Verantwortung übernehmen jenseits der „eigenen Wichtigkeit“
Gegen die Egomanie der ewig Achtzehnjährigen setzt Gauck „Das Prinzip der Bezogenheit“ - wenn uns etwas jenseits von uns selbst so wichtig ist, dass es uns sprichwörtlich am Herzen liegt. Dies sei der Umschlag von der Pubertät zum Erwachsenenalter, von der „Freiheit von ...“ hin zu einer „Freiheit zu …“ oder „Freiheit für ...“. Plötzlich gehören wir zu den Menschen, die bereit, willens und fähig sein, sich auf andere Themen als auf unsere eigene Wichtigkeit einzulassen“. Diese Übernahme von Verantwortung aus dem Geist der Freiheit könne sich unterschiedlich äußern, sagte Gauck und sprach viele, wenn nicht die meisten Zuhörer im Publikum an, die „Menschen ermächtigen, ihnen helfen, das zu werden, was sie sein können. Das geht, in dem wir uns Verbündete suchen und uns dann dort einsetzen, wo wir meinen, dass unsere Hilfe am wichtigsten ist.“
Solche Entscheidungen – aus Freiheit zu Verantwortung, aus Verantwortung zu Solidarität – hätten immer am Anfang von Sozialen Bewegungen gestanden, wie die Geschichte lehre. Immer seien es zunächst konkrete Menschen, nicht Apparate oder Institutionen, die das Richtige tun und andere ermuntern, ihnen dabei zu folgen. Mit großem Respekt, so Joachim Gauck, habe er gelesen, dass unter dem Dach des PARITÄTISCHEN Berlin fast genau so viele ehrenamtliche wie hauptamtliche Mitarbeiter arbeiteten. „Das ist der Lebensatem einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft!“
Keine falsche Sparsamkeit gegen „ermächtigende Entwürfe“.
Dieser Lebensatem des bürgerschaftlichen Engagements in der Zivilgesellschaft nährt sich aus der Ausgewogenheit von „Fördern“ und „Fordern“ - Gauck kam schließlich auf sein Bild einer angemessenen Sozialpolitik für die Schwachen und Abgehängten zu sprechen, die für sich selbst oft nicht so gut sprechen können. Aber eine alleinige Ruhigstellung und Betreuung sei prekär, „weil sie uns nicht an die in uns wohnenden Kräfte zur Eigenverantwortung und Selbstverantwortung heran führt. Dazu würden Politiker gebraucht, so Joachim Gauck, aber auch die Praktiker im Bereich des Sozialen, die solche Konzepte realisieren“. Wenn Geld für solche – wie er es nannte - „ermächtigende Entwürfe“ eingespart werde, finde er das besonders schlimm. Als Vorbilder einer ermächtigenden Sozialpolitik nannte er die skandinavischen Länder, wo allerdings auch die eine oder andere sozialpolitische Säule ins Wanken gerät.
Gauck, der - zur allgemeinen Erheiterung der Zuhörer – daran erinnerte, „dass wir wahrlich nun genug Bekloppte in Berlin haben, über die in Berlin tagtäglich publiziert werde“, bedauert es, dass über die Menschen in Inititiativen, Verbände und Institutionen zu wenig berichtet werde, die – „wie Sie“ - die Kraft haben, das Lebensprinzip der Verantwortung in unseren Alltag zu rufen. Der Nebeneffekt dabei sei, so Gauck abschließend, „dass wir dabei einfach nicht unglücklich werden.“
Nach heftigem Applaus dankte Barbara John dem Gastredner und nahm die eine oder andere These auf - „wir machen die Erfahrung, dass ein Drittel derer, die dringend Hilfe brauchen, es schließlich allein schaffen. Ein weiteres Drittel schafft es, wenn sie Unterstützung bekommen (also das, was unsere Tätigkeit ausmacht). Und ein drittes Drittel kommt oft nicht aus dieser Situation heraus – da müssen wir noch viel besser werden,“ sagte Barbara John, bevor sie zu einer weiteren Vorführung der Tanzgruppe „Step by Step“, zu Ehrungen Ehrenamtlicher und zum Song der Mosaik-Werkstatt überleitete, der das Publikum zu Zugabe-Rufen und schließlich zum Mitsingen inspirierte: „Jeder ist ein Mosaikstein“.