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Ukraine: „Aus dem Schatten treten und öffentlich leben“

Kategorie: Queere Lebensweisen, Mitglieder, Veranstaltung, Fünf Fragen

Fünf Fragen an Lorenz Kloska über die aktuelle gesellschaftliche Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*-Menschen (LGBT) in der Ukraine, ihre Schwierigkeiten und Hoffnungen und seinen neuesten Film „Raus aus dem Schatten“. Die Fragen stellte Miguel-Pascal Schaar.

Filmemacher Lorenz Kloska, Foto: Privat

Lorenz Kloska wurde im August 1964 in Köln geboren. Seit dem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München (1985-1992) arbeitet er als freier Autor, Regisseur und Editor, bevorzugt im Bereich Dokumentarfilm. Seine Themenschwerpunkte sind moderne Kunst, Wissenschaftssendungen und Russland.

Herr Kloska, wie sind Sie auf das Thema und den Titel Ihres Dokumentationsfilms gekommen?

Lorenz Kloska: Ich bin seit Jahren russophil und habe viel Zeit in russischsprachigen Ländern verbracht. Als im Sommer 2013 in Russland das Anti-Propagandagesetz eingeführt wurde, war ich tief erschüttert und fühlte mich persönlich angegriffen, als ob meine geliebte zweite Heimat mich auf einmal zur Persona non grata erklärt hätte.
Den Plan, einen Film über die neue Lage der LGBT-Gemeinschaft in Russland zu machen, habe ich bald aufgegeben – angesichts des neuen Gesetzes hätte ich kaum arbeiten können, kaum Menschen finden können, die sich freiwillig öffentlich outen.

Nun lebe ich ja aber in München, der Partnerstadt Kiews, und lernte so über meinen Co-Autor Alexander Vinogradov die Kontakt-Gruppe Munich-Kiew-Queer kennen. Ich kam in Kontakt mit ukrainischen LGBT, die von ihren Schwierigkeiten, aber auch Hoffnungen in der aktuellen Situation erzählten. Und da entstand schnell die Idee: Wenn das Kind in Russland auch schon in den Brunnen gefallen ist, so kann ich doch wenigstens dazu beizutragen versuchen, dass sich die Dinge in der Ukraine nicht in die gleiche Richtung bewegen.

Was den Titel angeht: Der ergab sich schnell. Denn immer wieder hörte ich, wie ukrainische Schwule und Lesben ihr Leben im Verborgenen führen müssen. Die einzige Strategie, diese Situation zu verändern, ist, aus dem Schatten zu treten und das Thema öffentlich zu machen.

Was ist Ihnen in der Umsetzung des Projektes wichtig geworden? Haben sich neue Perspektiven für Sie ergeben?

Lorenz Kloska: Während der Arbeit an dem Projekt habe ich verstanden, wie wichtig es ist, sich für seine Rechte einzusetzen. Ich bin selbst schwul und habe nie einen Hehl daraus gemacht, aber das auch nicht weiter thematisiert. Ich war und bin absolut gegen alles „Berufs-Schwule“, ich will keine schwulen Wohnviertel oder Geschäfte, ich will einfach normal unter normalen Menschen leben können. Und dieser Aspekt der allgemeinen Menschenrechte, der mit dem Kampf um Anerkennung verbunden ist, den haben mir meine ukrainischen Protagonisten klar gemacht. So ist es mir durchaus wichtig geworden, mich klarer zu positionieren, Stellung zu beziehen, etwa gegen diese unsäglichen „besorgten Eltern“ tun, die massiv unterwandert sind von einer radikal evangelikalen Sekte aus der Ukraine.

Und wenn Sie nach Perspektiven fragen: Wir werden die Situation in der Ukraine weiter beobachten, stehen in Kontakt mit der dortigen Community und wollen die Filmarbeiten 2015 auf jeden Fall fortsetzen. Da ist so viel in Bewegung, dass man überhaupt noch nicht sagen kann, wohin sich das entwickelt.

Wie stellt sich die Lage von LGBT-Menschen derzeit in der Ukraine allgemein dar?

Lorenz Kloska: Es gab ja in letzter Zeit Äußerungen des ukrainischen Staatspräsidenten Petro Poroschenko, er habe die Rechtslage der LGBT in der Ukraine durchaus noch auf seiner Agenda. Es bleibt jedoch abzuwarten, in wie weit das nicht bloße Lippenbekenntnisse sind. Wladimir Klitschko äußerte sich als Bürgermeister von Kiew gegenüber der Münchener Stadträtin Lydia Dietrich folgendermaßen: „Menschenrechte finde ich immer gut, aber für Schwule und Lesben werde ich mich nicht einsetzen.“ In den selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk ist Homosexualität gesetzlich verboten oder mit Todesstrafe bedroht und der neue Polizeichef in Kiew ist ein ehemaliger Rechtsradikaler.

Andererseits habe ich in Kiew mit einem Protagonisten ein wunderschönes Night-Clubbing miterleben dürfen – und obwohl „er“ und seine Begleiter aussahen wie scharfe Damen oder lüsterne Drag Queens, gab es keine Probleme.

Was ich damit sagen will, ist, dass die Situation zwar unerträglich ist,l aber eben nicht spaßfrei. Und genau dafür liebe ich meine Protagonisten und zolle ihnen Hochachtung, dass sie in dieser scheinbar ausweglosen Lage trotzdem nicht den Mut sinken lassen, etwas zum Besseren verändern zu können.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Land beziehungsweise welche Bedeutung haben westliche Organisationen und die Politik?

Lorenz Kloska: NGOs im Land spielen eine enorme Rolle für das Community Building letztlich vereinzelter Individuen, die sich verlassen fühlen. Nicht umsonst etwa trägt die LGBT-Organisation in der Kleinstadt Zhitomir, 150 km von Kiew entfernt, den Namen „Du bist nicht allein!“. Die Organisationen vor Ort leisten hervorragende Arbeit in der HIV-Prophylaxe, der Elternarbeit oder der psychologischen Betreuung von Aids-Kranken. Die Politik, besonders Europas, könnte viel mehr tun. So ist es nicht verständlich, warum die EU-Kommission im Rahmen der Verhandlungen um Visaliberalisierungen das Antidiskriminierungsgesetz aufgrund sexueller Orientierung aus dem Forderungskatalog gestrichen hat.

Der erste und einzige Pride March in Kiew 2013 kam nur deshalb zustande, weil die westlichen Botschaften um Schutz ihrer jeweiligen Vertreter bei dem Ereignis gebeten hatten. 2014 gab es keine Vertreter westlicher Botschaften, also keinen Polizeischutz, also keinen Pride March.

Welche Reaktionen erfahren Sie auf Ihren Film? 

Lorenz Kloska: Die Reaktionen, die wir bisher auf unseren Film erfahren haben, sind durchweg positiv. In München sagte eine befreundete Exil-Ukrainerin: „Ich wusste gar nicht, was da bei uns zu Hause vorgeht!“ Auch andere, besonders heterosexuelle Zuschauer konnten für ein Thema sensibilisiert werden, welches der üblichen Berichterstattung aus der Ukraine einen Kontrapunkt setzt. Und auf die Reaktionen aus Kiew waren wir natürlich besonders gespannt: Immerhin war das ja die Sicht von außen, wir leben schließlich nicht dort. Hatten wir alles richtig verstanden und dargestellt?

Doch die Reaktion war überwältigend. Nicht nur, dass uns einzelne Zuschauer per Handschlag für den Film dankten, sich mit uns fotografieren lassen wollten oder sich als mögliche Protagonisten für eine Fortsetzung anboten – es ging hin bis zu der Bitte, wir als Europäer mögen doch bitte dafür Sorge tragen, dass das Antidiskriminierungsgesetz noch einmal auf die Tagesordnung käme. Solche Erwartungen kann man natürlich nicht erfüllen, aber wir haben verstanden, dass Erwartungen an uns gestellt werden und wir sind bereit, diese soweit als möglich zu erfüllen. Das Projekt wird fortgesetzt, und das war nicht der letzte Film zu diesem Thema.

Der Film „Raus aus dem Schatten“ ist am 7. Dezember um 19:30 Uhr im Café Kuchus der Schwulenberatung Berlin, Wilhelmstr. 115, Berlin-Kreuzberg, Nähe Anhalter Bahnhof zu sehen. Mehr zur Veranstaltung finden Sie hier.

Datum, 05 | 12 | 2014