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Über Mieten als kulturelle Errungenschaft, berührende Momente und die Baupolitik Berlins

Fünf Fragen an die Filmemacher Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers

In Berlin läuft in vielen Kinos aktuell der Dokumentarfilm „Mietrebellen“ von Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers. Der Film ist ein Kaleidoskop der Mieterkämpfe in Berlin gegen die Verdrängung aus den nachbarschaftlichen Lebenszusammenhängen. Eine Besetzung des Berliner Rathauses, das Camp am Kottbusser Tor, der organisierte Widerstand gegen Zwangsräumungen und der Kampf von Rentnern um ihre altersgerechten Wohnungen und eine Freizeitstätte symbolisieren den neuen Aufbruch der urbanen Protestbewegung. Miguel-Pascal Schaar hat mit den Filmemachern gesprochen.

Das Thema Wohnungsknappheit wird in Berlin immer offensichtlicher. Die Politik scheint mehr staunend irritiert als gestaltend vor der Problematik zu stehen. Wie sind Sie als Filmemacher auf das Thema gekommen?

Gertrud Schulte Westenberg: Da ich selber mit Unterbrechungen seit den 80iger Jahren in Kreuzberg lebe, sind die Veränderungen hier durch die vielen Eigentümerwechsel der Häuser und den starken Zuzug von jungen Menschen aus allen Ländern besonders spürbar. Ganze Straßenzüge werden von anonymen Investmentfondsgesellschaften aufgekauft. Eigenbedarfskündigungen, extrem steigende Mieten und Zwangsräumungen sind an der Tagesordnung. Freunde und Bekannte – aber auch wir selbst sind betroffen. Matthias ist seit vier Jahren im Rechtstreit mit den Eigentümern des Hauses, in dem er lebt. In dem Haus, in dem ich wohne, sollten aufgrund von Modernisierungen die Mieten deutlich steigen. Dagegen haben wir uns als Hausgemeinschaft erfolgreich zur Wehr gesetzt.

Diese Ereignisse und auch der Wunsch danach, dass Berlin seine besondere Situation – die geteilte Stadt, der Mauerfall und die daraus resultierende Verzögerung der Gentrifizierung – nutzt, zu vermeiden, was andere Städte falsch gemacht haben, haben uns dazu bewogen, diesen Film zu machen.

In den letzten Jahren hat sich die Hauptstadt rasant verändert. Wohnungen, die lange als unattraktiv galten, werden von Anlegern als sichere Geldanlagen genutzt. Die Leitragenden dieser Entwicklung kommen in Ihrem Film zu Wort. Wie haben Sie die Protagonisten gefunden und wonach haben Sie diese ausgewählt?

Gertrud Schulte Westenberg: Matthias ist schon seit einiger Zeit in der Mieterbewegung aktiv; ich habe mit zwei anderen Kollegen bereits im Jahr 2011/2012 einen Film zu dem Thema gemacht: „Mietenstopp“. Dadurch kennen wir beide sehr viele Mieter/innen aus verschieden Bezirken und auch viele Mieteraktivisten.

Durch eine Vorführung des Films Mietenstopp in den Tilsiter Lichtspielen habe ich z.B. eine Dame aus der Seniorenwohnanlage in der Palisadenstraße in Friedrichshain kennen gelernt. Sie hat in der Diskussion nach dem Film von der bevorstehenden hundertprozentigen Mietsteigerung in der Wohnanlage erzählt. So kam es dazu, dass sich die Rentner aus der Palisadenstraße mit den Aktivisten von der Mietergemeinschaft Kotti & Co. trafen und der Widerstand der Mieter in der Palisadenstraße seinen Anfang nahm. Ein schönes Erlebnis zu sehen, wie ganz unterschiedliche Gruppen zusammenfinden und sich solidarisieren. Später haben wir dann Aktionen ihres – erfolgreichen – Kampfes gedreht. Und so sind viele Menschen auf uns zugekommen, weil sie wollten, dass ihre Situation öffentlich gemacht wird.

Uns kam es vor allen Dingen darauf an, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sonst kein oder wenig Gehör finden. Deshalb haben wir auch nicht Vertreter der Gegenseite interviewt. Es ist eine klare Absicht des Films, Stellung zu beziehen und den sogenannten kleinen Leuten, die wir auch die „großen Leute“ nennen, Raum zu geben, denn nicht zuletzt hat die Stadt durch diese Menschen ihren besonderen Reiz.

Was hat Sie am meisten berührt in der Arbeit für diesen Film?

Matthias Coers:  Die Geschichte jedes Menschen ist sofort einnehmend, sobald man sich näher mit dieser beschäftigt und man den Versuch unternimmt, sie in Bildern zu erzählen. Eine davon ist die von Rosemarie Fließ, wo wir das traurige Glück hatten, ein Gespräch mit ihr führen zu können vor ihrer Zwangsräumung und ihrem unerwarteten Tod. Ergreifend sind auch die Begegnungen mit Wohnungslosen. Es die Aufgabe, diese sich in existentieller Not befindlichen Menschen respektvoll zu zeichnen. Trotz ihrer sozialen Randständigkeit sind sie doch Handelnde mit vielen Kompetenzen. Die Unterstützung aus der Nachbarschaft und die Solidarisierung aus der weiteren Stadtbevölkerung für die zwangsgeräumte Familie des Malermeisters Ali Gülbol erfahren zu haben, hat für die meisten sicherlich lebensgeschichtliche Bedeutung. Jemand, der sich aus Selbstlosigkeit vor die Tür des Nachbarn setzt, um diesen vor Wohnungslosigkeit zu schützen, hat meine volle Hochachtung. Auch die Rentner und Rentnerinnen der Begegnungsstätte in der Stillen Straße, die ihre kostbare Lebenszeit verwenden, um die politischen Akteure zu Verstand zu bringen, sind Vorbilder für alle anderen.

Es ist ein sozialer und zugleich sehr politischer Film. Welche Forderungen an die Politik ergeben sich aus Ihrer Sicht? Die Bebauung des Tempelhofer Feldes?

Matthias Coers:  Ein Motiv für die Arbeit ist die Idee, dass das Wohnen zur Miete eine kulturelle Errungenschaft ist. Durch kluge Wohnungspolitik wäre es der Öffentlichkeit möglich ein Grundbedürfnis zu befriedigen, das alle Menschen teilen, nämlich gut und bezahlbar zu wohnen. Doch durch den Verkauf der Wohnungsbestände ist bundesweit wie auch in Berlin das Gegenteil geschehen. Dass immer mehr Mieter sich lautstark für den Schutz des Bestandes einsetzen, verweist auf diesen Mangel. Eine „Mietpreisbremse“ macht nur Sinn, wenn sie überhaupt ihren Namen verdient.
Neubau ist ebenso entscheidend bei Wohnungsknappheit. Fortwährend steigende Wohnkosten bergen die Gefahr der Verarmung bis in die Mittelschicht hinein. Deshalb muss stadtweit in relevanten Mengen kostengünstig und modern gebaut werden. Das Tempelhofer Feld hat hierbei Symbolfunktion. Die dort geplanten Wohnungen, 90 Prozent davon sind für einen Großteil der Berliner gar nicht bezahlbar, stehen für die aktuelle fatale Politik. Nur wenn die Berliner und Berlinerinnen für das Gesetz zum Erhalt der Freifläche stimmen, kann die Senatspolitik korrigiert werden. Es wird erst dann möglich sein eine Diskussion über dringend notwenigen kommunalen und bezahlbaren Wohnraum, der allen zugute kommt, zu beginnen.

Was planen Sie als nächstes? Ist ein weiterer Film in Aussicht? Mietrebellen 2?

Matthias Coers:  Das Thema Wohnen ist für den sozialen Zusammenhalt von so großer Bedeutung, genauso wie die dynamische Entwicklung der Städte für das gesamte Gemeinwesen, dass wir selbstredend weiter daran arbeiten. Auch um den Menschen eine sichtbare Stimme zu geben.

 

Gertrud Schulte Westenberg studierte Pädagogik in Bielefeld und Wirtschaft in Berlin, arbeitet als Projektentwicklerin im Bereich Kultur und Bildung und als unabhängige Filmemacherin (Dokumentationen und Videoclips für Internetplattformen). Sie interessiert sich für sozialkritische Themen, insbesondere für den Bereich Stadtentwicklung und die Rolle von älteren Menschen in unserer Gesellschaft.

Matthias Coers, M.A. in Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft. Er hat in verschiedenen Bereichen gearbeitet, u.a. für die Aidshilfe und als Photograph. Produziert seit 2008 Videos für gemeinnützige Organisationen und macht Filme. Geboren 1969 bei Osnabrück, lebt in Berlin, engagiert sich stadtpolitisch und beschäftigt sich mit der Zukunft der Arbeitsgesellschaft.

Weitere Informationen über den Film und Aufführungsorte finden Sie hier:  Mietrebellen.de

Datum, 19 | 05 | 2014