Von Evelyn Selinger, Referentin für Familie, Frauen und Mädchen im Paritätischen Berlin
Redaktion: Franziska Pabst, Referentin für Familienhilfe - politik und Frauen beim Paritätischen Gesamtverband
Die Reisegruppe setzte sich aus Fachreferentinnen für Frauenpolitik und Frauenhausarbeit sowie Mitarbeiterinnen oder Leiterinnen von Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen zusammen. Ziel der Reise war es, das Konzept des Oranje Huis‘ im Rahmen eines Workshops kennen zu lernen, mit den holländischen Kolleginnen in den fachlichen Austausch zu treten und die besondere funktionale Architektur des Frauenhauses zu besichtigen.
Das Oranje Huis in Alkmaar liegt mitten in einem Neubaugebiet. Über dem Eingang des Hauses prangt in oranger Farbe gut lesbar der Schriftzug „Oranje Huis“. Die Farbe Orange hat eine besondere Bedeutung und findet sich auch in der Innengestaltung des Hauses wieder. Die Farbe steht dabei nicht etwa für die holländische Fußballnationalmannschaft oder die Königsfamilie, sondern für die Einschätzung der vorhandenen Eskalationsstufe in der Beziehung. Orange bedeutet, dass in der Beziehung etwas getan werden muss und kann, da die Ampel nicht mehr auf Grün steht – aber eben auch noch nicht auf Rot. Es geht nach Auskunft der Mitarbeiterinnen nicht darum, die Beziehung, sondern die Gewalt zu beenden. Die Signalfarbe Orange symbolisiert somit zwei Dinge. Zum einen steht sie für die Zielgruppe des Oranje Huis‘, und zum anderen zeigt die auffällige Farbgebung des Hauses, dass sich hier niemand verstecken will.
Sicherheit hat große Bedeutung - wie in Deutschland
Ungeachtet der Tatsache, dass das Haus im öffentlichen Raum gut erkennbar ist, genießt das Thema Sicherheit eine ähnlich hohe Bedeutung wie in Deutschland. Das Haus selbst ist „sichtbar, aber sicher“. Und diese Sichtbarkeit hat einen großen Vorteil. Die Sicherheit kann auch nach außen hin demonstriert werden. So ist das Frauenhaus beispielsweise nur über eine gesicherte Eingangsschleuse zu betreten, Überwachungskameras sind deutlich erkennbar und ein Wachdienst ist rund um die Uhr für den Schutz der Bewohnerinnen verantwortlich. Sicherheitstüren und ein Alarmsystem sorgen zudem dafür, dass kein Unbefugter das Gebäude betreten kann. Unterstützt wird das Ganze durch die gute Zusammenarbeit mit der ortsansässigen Polizei.
Schon am ersten Tag erhielten wir mit dem Einführungsvortrag von Christina Evers, Sozialarbeiterin vor Ort, sowie einen Rundgang durch das Frauenhaus einen guten Einblick in die Arbeit und das Konzept des Oranje Huis‘. Das Haus verfügt über abgeschlossene Wohneinheiten für die Bewohnerinnen und deren Kinder, eine separate Kinderbetreuung sowie Gemeinschaftsräume. Bei der Planung des Frauenhauses wurde bewusst darauf geachtet, den Beratungs- und Wohnbereich auch räumlich voneinander zu trennen.
Interventionsabteilung für die Phase der Erstbetreuung
Beratungs- und Büroräume liegen im Erdgeschoss, Besprechungs- und Kinderbereich finden sich im 1. Obergeschoss und ab dem 2. Obergeschoss beginnt der Wohnbereich. Die verschiedenen Etagen sind jeweils durch Sicherheitstüren geschützt und können nur mit einem speziellen Schlüssel geöffnet werden. Für die Phase der Erstbetreuung gibt es eine Interventionsabteilung, in der sich die Frauen ca. sechs bis acht Wochen nach ihrer Flucht ins Frauenhaus aufhalten. Dort werden sie intensiv betreut. Über ein Risikoscreening wird zudem eine aktuelle Gefährdungseinschätzung vorgenommen. Auch diese Einschätzung folgt wiederum dem Ampelprinzip. Ergibt das Screening eine hohe Gefährdung, werden die Frauen in Häusern mit höherer Sicherheitsstufe untergebracht. Im Anschluss an die Krisenbetreuung können die Frauen in die Wohnbegleitung wechseln. Dort ist ein Aufenthalt für maximal sechs Monate möglich. Innerhalb dieses Zeitraumes wird das Risiko-Screening in regelmäßigen Abständen wiederholt. Auch dies ist Ausdruck der hohen Sicherheitsvorkehrungen.
Ein wichtiger konzeptioneller Ansatz, der vor allem am zweiten Tag in den Ausführungen von Ingeborg Schenkels, Leiterin des Oranje Huis‘, eine Rolle spielte, war die gesellschaftliche und individuelle Geschichte der Gewalterfahrungen in den betroffenen Familien. Diese Erfahrungen mit den Frauen aufzuarbeiten und wenn möglich hierbei auch den gewaltbereiten Partner, Familienangehörige und das soziale Umfeld einzubeziehen, ist ein wichtiger Grundsatz des Konzeptes. Dazu gehört auch, dass der Partner nach Möglichkeit über den Aufenthaltsort der Frau informiert wird und ihm Angebote zur Täterarbeit gemacht werden. Dieser Ansatz wird von der Überlegung getragen, dass sich zum einen die Gesellschaft stärker als bisher mit dem Thema Gewalt und deren Ursachen auseinander setzen muss und zum anderen, dass jede Frau, die Gewaltdynamiken, die ihre individuelle Familiengeschichte prägen, verstehen und bearbeiten lernt. Nur so kann der Kreislauf von Gewalt wirksam unterbrochen werden. Durch die gemeinsamen Gespräche soll verhindert werden, dass die Frauen ihre Partner idealisieren. Sie sollen ihre Entscheidung, ob sie die Beziehung aufrechterhalten oder nicht, selbstbestimmt und frei von Scham- oder Schuldgefühlen treffen können.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit im Oranje Huis stellt der Umgang mit den Kindern dar. „Kinder sind bei uns Klienten“, erläutert Ingeborg Schenkels. Gewalt sei ein dynamischer Prozess und betreffe nicht nur die Eltern, sondern die gesamte Familie. Aus diesem Grund werden im „Frauenhaus in neuem Stil“ die Kinder nicht nur betreut, sondern mit in die Beratung einbezogen. Sie sollen lernen, über ihre Gewalterfahrung zu sprechen. Sei es in Gruppensitzungen mit anderen Kindern oder im Familiengespräch.
Aber auch das Spielerische kommt im Oranje Huis nicht zu kurz. Mit dem großzügig gestalteten Kinderbereich mit Rutsche, Puppenhaus, Mal- und Bastelecke haben die Kleinen einen Raum, in dem sie spielen und toben können. Abends und am Wochenende wird der Kinderbereich von den Jugendlichen zu Kino oder Disco umfunktioniert. Bei allen Schwierigkeiten sollen Kinder und Jugendliche auch unbeschwerte Zeiten im Oranje Huis erleben dürfen.
Diskussionen über die Rahmenbedingungen des Hilfe- und Unterstützungsbereichs für von Gewalt betroffene Frauen
Durch den Vortrag von Gertrud Schätzlein, Leiterin des Frauenhauses Schweinfurt, konnten wir unseren Gastgebern auch beispielhaft Einblicke in die deutsche Frauenhausarbeit geben. Das führte anschließend zu einem informativen und länderübergreifenden Austausch über die Rahmenbedingungen des Hilfe- und Unterstützungsbereichs für von Gewalt betroffene Frauen.
Im Abschlussgespräch diskutierten die Teilnehmerinnen und Mitarbeiterinnen gemeinsam über die Möglichkeiten des Oranje Huis‘ im Kampf gegen häusliche Gewalt. Herausgearbeitet wurden viele Aspekte. Unter anderem waren sich die Teilnehmerinnen einig, dass die öffentlich zugängliche Adresse das Problem der häuslichen Gewalt für die Gesellschaft sichtbar werden lässt. Auch für die betroffenen Frauen bietet das Konzept des Oranje Huis‘ Chancen. Die Tatsache, sich nicht an einem geheimen Ort verstecken zu müssen, kann zu mehr Selbstbewusstsein und zur Überwindung von Schuldgefühlen führen. Auch der systemische Ansatz, war Teil der Abschlussdiskussion.
Die Einbeziehung der Familie und der sozialen Netzwerke in die Beratung wurde intensiv besprochen. Wenn allen Beteiligten bekannt ist, dass eine Eskalation stattgefunden hat, kann offen über die Erfahrungen gesprochen werden. Dass dadurch die Aussichten wachsen, die Gewalt dauerhaft zu beenden, konnten sich viele der Teilnehmerinnen vorstellen. Seine Grenzen findet das Oranje Huis in Fällen, in denen die Hilfesuchende sich in akuter Lebensgefahr befindet.
Die hohe Sicherheit, die eine unmittelbar gefährdete Frau benötigt, kann das Oranje Huis nicht gewährleisten. Es ist daher wichtig und notwendig, dass weiterhin Frauenhäuser existieren, die eine geheime Anschrift haben.
Ein Frauenhaus „im neuen Stil“, das mit vielen Tabubrüchen arbeitet
Abschließend bleibt zu sagen: Alkmaar war die Reise wert! Das Frauenhaus „im neuen Stil“ arbeitet mit vielen Tabubrüchen, die es in dieser Form in Deutschland nicht gibt: .In geeigneten Fällen erhält der Täter die Information, wo sich die Frauen mit den Kindern befinden, im Frauenhaus selbst arbeiten Männer im Wachdienst und als Hausmeister. Grundsätzlich können sich auch Männer als Sozialarbeiter im Oranje Huis bewerben. Die Erkennbarkeit des Frauenhauses nach außen bleibt aber der auffälligste Unterschied.
So beeindruckend der Besuch im Oranje Huis war, so realistisch muss der Blick nach Deutschland bleiben. Das Konzept des Oranje Huis‘ lässt sich nicht auf jedes Frauenhaus übertragen. Auch ist der systemische Ansatz nicht für jede Frau und für jede Situation gleich gut geeignet. Es ist daher wichtig, das Hilfe- und Unterstützungssystem der Frauenhäuser in Deutschland zu erhalten. Das Konzept des Oranje Huis kann hierbei ergänzend und unterstützend angeboten werden und könnte auch in Deutschland modellhaft erprobt werden.
Insgesamt hat die Reise zu den holländischen Nachbarn einmal mehr gezeigt, wie wichtig der berühmte Blick über den Tellerrand ist, um neue Ideen und Inspirationen für die eigene Arbeit zu erhalten.
Es bleibt abzuwarten, ob sich der Wunsch von Ingeborg Schenkels erfüllt, dass es bis 2016 mindestens fünf Frauenhäuser in Deutschland gibt, die nach dem Konzept des Oranje Huis‘ arbeiten.