Eroeffnung des Stadtteilzentrums Pankow - Foto: Martin Thoma Schuelerin einer frei gemeinnuetzigen Schule - Foto: Mitra e.V. Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Ein Obdachloser auf einer Bank - Foto: Andreas Duellick

Interview: „Sprache ist der wichtigste Türöffner“

Im Eigenverlag hat LebensWelt gGmbH Entstehung und Wirkung einer externen Evaluation der interkulturellen Familienhilfe publiziert, der sie sich vor zwei Jahren unterzogen hat. Titel: „PerspektivenVielfalt. Eine Evaluation der interkulturellen Familienhilfe des freien Trägers Lebenswelt“. Ausdrückliches Ziel war es, die Sicht der Adressaten zu berücksichtigen. Geschäftsführer von Lebenswelt sind Mehmet Asci und Nalan Özenir (Bild links). Mit ihr und dem Qualitätsbeauftragten des Trägers, Hartmut Davin (r.), trafen wir uns in den Räumen von Lebenswelt zu einem Interview.

PerspektivenVielfalt heißt das Buch über eine Evaluation, über das wir heute sprechen wollen. Es ist nicht die erste Publikation der gemeinnützigen Gesellschaft LebensWelt. Ist Büchermachen Ihre Leidenschaft? Wäre Ihr Chef lieber Verleger geworden?

Wir verstehen uns als entwickelnde Organisation, und die Erfahrung, die wir mit den Jahren gemacht haben, diese Erfahrung wollen wir weiter geben – nicht nur in Form von Büchern, sondern auch über die von uns regelmäßig organisierten Fachtagungen zu interkulturellen Themen.

Darin steckt viel Zeit, Aufwand, Manpower, sicherlich auch Geld.

Ja, sicher, aber dieses Buch über die Evaluation war Teil eines Projekts, für das wir Geld von einer Stiftung beantragt und bekommen haben.

Wie kam es zu der Evaluation? Hat eine Behörde darauf bestanden?

Nein, so war es nicht, sondern das war unsere eigene Entscheidung. Es ist so, dass LebensWelt ein relativ junger Träger ist. Seinerzeit haben die Geschäftsführer ein paar Grundsatzentscheidungen getroffen, dazu zählt z.B. das Publizieren – aber auch das Qualitätsmanagement, zu dem auch Evaluationen gehören, die dazu dienen, unsere Arbeit zu verbessern.

Ist die Entscheidung zur externen Evaluation auch als eine Art Marketingstrategie zu sehen?

Das Publizieren ist auch eine Art der Profilbildung, aber weil wir überzeugt sind, dass interkulturelle Kompetenz gebraucht wird. Auch biografische Erfahrungen kommen dazu - die Geschäftsführung hat Migrationserfahrung. Deshalb war es bald für alle Beteiligten bei LebensWelt klar, dass man dieses Wissen auch zur Verfügung stellen wollte – in dem Sinne, wie wir die Fachtagungen, die wir organisieren, als einen Beitrag für die Familien- und Jugendhilfe sehen.

Gibt es Widerstände?

Nein, im Grundsatz nicht. Das Ausspielen zwischen Praxis und Theorie passiert nicht.

Welche Konsequenzen haben Tagungen und Publikationen?

Wir haben das Buch – wie andere Publikationen zuvor - ziemlich breit verteilt und wir erhalten zahlreiche positive Rückmeldungen von Jugendämtern und anderen Stellen – auch über unsere Fachtagungen. Die interkulturelle Jugendhilfe ist noch nicht so gut untersucht und es besteht einfach ein Interesse bei allen, die damit zu tun haben, neue Erkenntnisse zu erhalten.

Wie kam es zu der Entscheidung, sich einer externen Evaluation zu unterziehen?

Evaluation gehörte eigentlich schon immer zu den grundlegenden Prozessen bei LebensWelt – zunächst haben wir das intern organisiert. Wir haben verschiedene Kriterien, z. B. Armut in den Familien, psychische Krankheiten usw. von Fachkräften bewerten lassen, am Anfang der Hilfe, am Ende der Hilfe - und wir haben daraus Diagramme gemacht, die aber zu abstrakt und statisch waren. Wir haben bald gemerkt, dass dieser Prozess im Sinne einer Selbstevaluation gut ist, für die Adressaten, für uns und für die Öffentlichkeit. Dann haben wir gesagt, wir brauchen eine wissenschaftlich fundierte Fremdevaluation, die ganz unparteiisch von außen auf unsere Arbeit blicken kann und haben die interkulturelle Güte in der Familienhilfe als Auftrag gegeben.

Wird solch ein Projekt ausgeschrieben?

Wir haben von Anfang an mit der Evangelischen Hochschule Berlin zusammen gearbeitet, zunächst einmal dadurch, dass wir Studentinnen für ihre Diplomarbeiten den Weg in Familien geöffnet haben, so dass wir einen Pretest hatten, der belegte: Es lohnt sich. Wir haben einen Stiftungsantrag gestellt und haben und 60 Familien dazu gewonnen, mit uns, den Wissenschaftlern und Studenten die Evaluation durchzuführen. Eltern wurden zunächst mittels Fragebogen befragt, anschließend in Form von Einzelinterviews. Hinzu kamen Interviews mit Führungskräften bei LebensWelt, 40 Gespräche mit Fachkräften schlossen sich an, schließlich sechs Gruppendiskussionen, unter anderem auch mit Mitarbeitern aus Jugendämtern

Dass die Familien das mitgemacht haben, zeigt auch, dass sie Ihnen trauen.

Ja, unsere Erfahrung ist, wenn man Evaluation so auf den Punkt bringt, dann gehen die Wellen durch die Personen, durch das Produkt, durch die Organisation. Das haben wir auch erlebt. Unabhängig davon, dass wir es gewollt noch geahnt haben. Evaluation ist ein aufwühlendes Geschäft und es ergeben sich Veränderungen. Dazu braucht es im Vorwege Vertrauen von allen Beteiligten.

Wie geht denn normalerweise Erfolgskontrolle in der Familienhilfe?

Zum Standard gehört zum Beispiel in Berlin, dass einmal im Jahr ein Trägerbericht zu schreiben ist, In der Regel gibt es eine statistische Aufbereitung. Schließlich gibt es den Qualitätsdialog, der ist Standard. D.h. die Senatsverwaltung und die Bezirke, Jugendämter und die Träger müssen bei den ambulanten Hilfen alle Jahre einen Qualitätsdialog durchführen.

Gab es Ergebnisse, mit denen Sie bei LebensWelt so nicht gerechnet haben?

An einigen Punkten sind wir tatsächlich überrascht worden. Z. B. ist uns klar geworden, dass bei der Familienhilfe Sprache eine große Rolle spielt. Und dass außersprachliche „interkulturelle Kompetenz“ von den Adressaten nicht so stark wahrgenommen wird wie wir zunächst dachten. Natürlich ist es ihnen sehr wichtig, aber z. B unsere Fachkräfte schätzen den Wert noch höher ein als unsere Adressaten. Für sie ist erstmal wichtig, dass die Fachkräfte ihre Sprache sprechen.

Das heißt: Jemand, der z.B. zu einer arabischen Familie kommt, ist auf jeden Fall besser dran, wenn er die Sprache spricht.

Ja, Sprache ist ein Türöffner. Uns ist klar geworden, dass für die befragten Familien mit Migrationshintergrund, egal woher, die Sprache Vorrang hat. Anders als die befragten Fachkräfte dies eigentlich einschätzten, sind Verständnis für Kulturen, Herkunft, Migrationshintergrund und kulturelle Denkweisen nicht ganz so bedeutsam wie das Beherrschen der Sprache. Das andere – die interkulturelle Kompetenz – setzen die Familien sowieso voraus, das ist für sie selbstverständlich. Die sind – der Evaluation zufolge - froh, dass jemand aus der gleichen Kultur oder Sprache da ist, mit dem die Ziele gut abgearbeitet werden

Was verstehen Sie unter interkultureller Kompetenz?

Das ist unsere Arbeit, das ist das, was wir hier leisten, befeuert durch gleiche Sprache, Neugierde, Empathie. Unsere Arbeit ist eine Kommunikations- und Beziehungsarbeit. Wenn unsere Fachkräfte erstmal eine Beziehung aufbauen können, dann kann man auch inhaltlich arbeiten. Man muss ein spezifisches Wissen haben, was Fremd- und Eigenkulturelles beinhaltet, man muss diese Haltung - Empathie, Mehrdeutigkeiten - wirklich aushalten und einordnen können ohne handlungsunsicher zu werden. Das sind die Standards der interkulturellen Kompetenz.

Gibt es eigentlich genügend Nachwuchs, der diese Qualitäten mitbringt?

Das ist nicht einfach. Wir sind immer im Kontakt mit der evangelischen und katholischen Hochschule und mit der Alice-Salomon-Hochschule, bekommen viele Praktikanten. Es gibt immer noch einen Mangel an Studenten mit Migrationshintergrund. LebensWelt hat vor diesem Hintergrund spezielle Standards für sich entwickelt, z. B. arbeiten wir gern mit sozialpädagogisch nachqualifizierten Quereinsteigern. Es ist für unsere Arbeit hilfreich, wenn – über die Fach- und Sprachkompetenz hinaus – der berühmte Blick über den Tellerrand hinaus vorhanden ist, weil zuvor ein anderer Beruf ausgeübt wurde. Dies zieht eine ganz bestimmte Haltung dem Leben gegenüber nach sich, wenn jemand sich für Neues öffnet und sich einlässt – dies ist auch sichtbar für die jeweiligen Adressaten, die betreut werden sollen – beispielsweise bei den zuwandernden Romafamilien in Berlin.

Wie stellt sich denn ein Träger wie LebensWelt darauf ein? Das ist ja auch für Sie Neuland.

Das ist für uns kein Neuland, wir sind schon lange dabei. In Neukölln haben wir tolle und erfolgreiche Projekte für Roma-Kinder durchgeführt, auch in Zusammenarbeit mit Jugendämtern.

Nach der Fachtagung und nachdem Sie sich alle über die Studie gebeugt haben, was haben Sie für die Praxis daraus gelernt?

Die Leitbilddiskussion ging sofort los. Innerhalb von Wochen wurde zum Beispiel das Leitbild überarbeitet und bekam neue Kategorien mit neuen Überschriften für Migration und auch für Interkulturalität. Wir haben den Begriff Migration noch expliziter gemacht – in der Theorie und auch in der Praxis.

www.lebenswelt-berlin.de

Datum, 10 | 07 | 2012