Eroeffnung des Stadtteilzentrums Pankow - Foto: Martin Thoma Schuelerin einer frei gemeinnuetzigen Schule - Foto: Mitra e.V. Eine Breakdanceshow - Foto: Eberhard Auriga Ein Obdachloser auf einer Bank - Foto: Andreas Duellick

Interview: "Jahrestage sind unsere Boomzeiten"

Gespräch mit Eva Geffers, Vorsitzende des Zeitzeugenbörse e.V.

Eva Geffers

Zuletzt rangierte der Verein Zeitzeugenbörse unter den 20 Finalisten für den Deutschen Engagementpreis. Die Initiative, die seit knapp 20 Jahren Frauen und Männer, die als Zeitzeugen „dabei“ waren, in schulische, wissenschaftliche oder mediale Geschichtsprojekte vermittelt, wurde unlängst auch von der unabhängigen Bewertungsagentur Phineo empfohlen. „Bei diesem Projekt können Sie sicher sein, nicht nur Gutes zu tun, sondern auch Gutes zu bewirken“, so die Begründung – sehr zur Freude von Eva Geffers, der Vorsitzenden des Zeitzeugenbörse e.V.

Paritätischer Rundbrief: In Ihrem jüngsten Zeitzeugenbrief zitieren Sie aus dem französischen Geschichtsmagazin „Geo Histoire“. Dort erzählen drei ehemalige deutsche Wehrmachtssoldaten aus ihrer Zeit als Besatzer in Frankreich. Die Geschichten der drei Zeitzeugen sind mit Hilfe der Zeitzeugenbörse, der Sie vorsitzen, in das französische Blatt gekommen. Wie kam es dazu?

Eva Geffers: Über eine E-Mail-Anfrage, dass Geo Histoire etwas über die Okkupation in Frankreich schreiben wolle und ob wir Zeitzeugen hätten. Genauer: Mindestens drei Besatzungssoldaten, die damals an verschiedenen Fronten waren, aber auch in Frankreich. Wir brauchten nicht lange nach diesen Zeitzeugen zu suchen – wir haben in unserer Kartei Themen (z. B. Okkupation / Zweiter Weltkrieg), denen wir Namen zuordnen. Wir haben dann drei Männer gefragt, die für Interviews und Gespräche mit den französischen Journalisten infrage kommen, haben die Telefonnummern nach Paris übermittelt – und so kam es zu den Gesprächen.

Wie kamen die drei Männer zuvor in die Kartei der Zeitzeugenbörse?

Sobald ein bestimmtes Thema über die Medien verstärkt gebracht wird und in den Medien zunehmend Zeitzeugen dazu befragt werden, macht es „aha“ im Kopf derer, die glauben: Zu dem Thema habe ich auch was zu sagen. Die rufen uns dann an. Danach gehen wir quasi schematisch vor: Die als Zeitzeugen Interessierten bekommen einen Fragebogen, in dem sie kurz ihre Lebensgeschichte eintragen. Wichtig ist, dass sie als künftige Zeitzeugen klar machen können, dass sie Geschichte erlebt haben – nicht etwa „nur“ Familiengeschichten oder Histörchen vom Arbeitsplatz.

Und wenn das der Fall ist?

Danach werden gleichzeitig vier Zeitzeugen mit unterschiedlichen Themen und Biographien in die Ackerstraße eingeladen. Dort führen erfahrene und kenntnisreiche Gesprächspartner aus der Zeitzeugenbörse mit ihnen das erste Begrüßungsgespräch. In dieser ersten Runde erkennt man bald: „Ist sie oder er überhaupt in der Lage, irgendetwas zu formulieren, und wie geht er mit seinen Eindrücken um, wenn man zu viert zusammensitzt, Fragen beantworten muss, Einwänden begegnen soll?“

Wann trifft ein neuer Zeitzeuge auf Publikum?

Den ersten fast-öffentlichen Auftritt absolvieren die künftigen Zeitzeugen vor Publikum in unserem sogenannten „Halbkreis“, der seit den Anfängen der Zeitzeugenbörse so heißt. Er ist ein erster Test, aber unter realen Bedingungen. Während einer zweistündigen Veranstaltung hat jeder der anwesenden vier Zeitzeugen Gelegenheit, sich selbst in etwa acht Minuten vorzustellen, dann seine Erlebnisse vor dem zeitgeschichtlichen Horizont in ca. 20 Minuten darzulegen und sich schließlich einer Frage– und Diskussionsrunde zu stellen.

Nennen Sie uns typische Themen für den Halbkreis.

Zuletzt berichtete in diesem „Halbkreis“ der heute 66-jährige Richard Hebstreit über seine seltsame „Militärgeschichte“ im Berliner Grenzgebiet der 60-er Jahre. Am 14. Februar standen die Erinnerungen von Wolfgang Eckstein, (Jg.1925) auf dem Programm – über die Zeit seiner Verfolgung als sog. Halbjude im Dritten Reich. – Bei der Vorstellung im „Halbkreis“ ist es so, dass die Themen schon vorhanden sind, denn es sind ja sehr viel Gleichaltrige da, meist Berliner, die ähnliches erlebt haben. Und von daher ist schon ein gewisses Korrektiv da, wenn jemand sich innerlich völlig irrt. Bleiben gravierende Fragen z.B. zur NS-Geschichte offen, so ist die Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“, mit der wir seit vielen Jahren eng verbunden sind, unser „historischer Rückhalt“.

Wer ist klassischerweise das Publikum?

Der Halbkreis, gewissermaßen der letzte Filter, bevor ein Zeitzeuge z.B. in einer Schule vorträgt, ist klein gehalten, weil er sozusagen eine Proberunde ist. Vor allem gestandene Zeitzeugen hören dem Neuen zu. Ich muss jetzt auch entdecken, ob jemand traumatisiert ist und glaubt, sich von dem Trauma befreien zu können. Man muss schon schauen, ob einer sein eigenes, historisches Thema so rüberbringen kann, dass er auch Frage und Antwort aushält.

Wer fragt bei Ihnen nach Zeitzeugen?

Die Hauptabnehmer sind Bildungseinrichtungen, Unis und Schulen zu 60 Prozent, 30 Prozent Medien, 11 Prozent Sonstige. Im vergangenen Jahr – im 50. Jahr nach dem 17. Juni 1961 - betraf die Hälfte der Fragen die Zeit von 1949 bis 1990, besonders den Mauerbau. Jahrestage sind unsere Boomjahre, und als der Mauerfall 20 Jahre war, da haben uns aus aller Welt, von Asien bis Amerika, die Leute die Bude eingerannt, um authentisch zu wissen, was wir als Zeitzeugen jetzt erinnern und kommentieren. Wir haben dazu inzwischen 250 Nachfragen von überall her, und das bedeutet, dass etwa 500-mal Zeitzeugen unterwegs sind.

Wenn nicht die Zeitläufe Ihnen das Thema aufgeben, wie ergeben sich dann Themen und Themenschwerpunkte?

Die Themen bringen die Menschen mit, und die sind angeregt durch Medien oder sie kommen auf die Idee, über ein Thema, das ihnen wichtig ist, aus ihrer Erinnerung zu sprechen. Ein typisches Thema, auf das wir selbst gar nicht ohne weiteres gekommen wären, waren die sogenannten „Spezialistenkinder“. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind deutsche Wissenschaftler und Ingenieure – also „Spezialisten“ –, die etwa unter den Nazis Raketenforschung betrieben hatten, auch in der Sowjetunion beschäftigt worden. Wie man als „Spezialistenkind“ aufwuchs und in Deutschland später zurecht kam, das können unsere Zeitzeugen erzählen.

Andere Themen, die immer wieder nachgefragt werden?

Andere Themen sind natürlich Flucht und Vertreibung, aber auch kulturelle und sportliche Hintergründe der Zeitgeschichte aus eigenem Erleben. Ganz aktuell kommen immer wieder Fragen nach Zeitzeugen der Migration, nach denen wir gerne Ausschau halten. Wir hatten jetzt gerade eine Anfrage eines Historikers aus Köln, der nach Italienern fragte, die zwischen 1960 und 1970 nach Berlin gekommen sind. Jetzt gilt es also, Migranten-Zeitzeugen zu finden! Bitte melden Sie sich!

Gibt es auch Themen, die Sie nicht sofort bedienen können?

Wenn jemand ein Thema als Anfrage schickt, das wir nicht bedienen können, dann kommt das als Suchmeldung in den Rundbrief.

Die Fragen kommen manchmal aus Regionen, die man gar nicht erwartet, z.B.von der Uni Le Mans in Frankreich. Woher wissen die Wissenschaftler, dass es in Berlin eine verlässliche Institution gibt?

Das hat sich im Lauf der Zeit herumgesprochen, außerdem gibt es populäre und wissenschaftliche Suchmaschinen, über die wir gut vernetzt sind. So erreichte uns auch die junge Historikerin Adeline Busson von der Universität Le Mans, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den DDR-Alltag anhand von Fotografien zu erschließen, mit Fotoalben und vielleicht sogar Super-Acht-Filmchen. Das Familiäre und Persönliche finde auch ich ganz besonders wichtig, denn die Reduktion der DDR auf Diktatur und Unrechtsstaat macht es ja fast unmöglich, dass auch Zeitzeugen geschichtlich berichten können, welche Gedanken und Vorstellungen sie persönlich hatten.

Woher kommen Ihre Berliner Zeitzeugen?

Wir haben ein Drittel Zeitzeugen aus Ostberlin und zwei Drittel aus Westberlin. Darunter sind viele Hin- und Her-Wanderer, was vor dem Mauerbau noch möglich war. Wir haben eine ganze Reihe Zeitzeugen, die Ost-Westler sind aus der alten Zeit, jene also, die unter ziemlich erschwerten Bedingen jeden Tag eingereist sind, um in Westberlin zu arbeiten. Darüber berichten sie als Zeitzeugen heute im Geschichtsunterricht – in westlichen und östlichen Stadtbezirken gleichermaßen.

Ausschließlich in Berlin?

Das muss nicht ortsbezogen sein. Unsere Zeitzeugen sind auch gereist, bis nach Frankreich zu einer Ausstellung, in der es um Väter während des Zweiten Weltkriegs ging, die Kinder in Deutschland und Frankreich hinterlassen haben. Andere Zeitzeugen waren in der Schweiz, standen in einer Apothekerschule Rede und Antwort.

Wie entwickeln die Schulen ihre thematischen Tage und wie binden Sie Ihr Zeitzeugenangebot ein?

Durch Fernsehen und Medien wissen die Lehrer sehr genau, dass es zu bestimmten Themen Zeitzeugen gibt. Dass der Einsatz von Zeitzeugen sinnvoll ist, steht sogar im Curriculum ab Klasse 10, ist aber keine Verpflichtung. Wir hätten sonst noch viel mehr Nachfragen von Schulen. Den Lehrern vermitteln wir meist Zeitzeugen, die schon eine gewisse Schulung haben und die auf die – nicht immer einfach Situation in den Schulen – gut vorbereitet sind. Dort haben sie es manchmal mit einem sperrigen, sogar gelangweilten Publikum zu tun. Wenn‘s dann doch gelingt und die „Richtigen“ da sind und aufmerksame Fragen kommen und der Zeitzeuge auf eine Frage stößt, über die er so noch nicht nachgedacht hat – das ist ein Glücksmoment.

Sind Zeitzeugen immer persönlich gefragt, oder kann es auch sein, dass Sie telefonieren – etwa mit einem Forscher in Neuseeland?

Das ist gelegentlich der Fall. Es gab z.B. ein Skype-Interview über den Mauerbau mit dem südamerikanischen Fernsehsender El Tiempo. Ohnehin ist das wissenschaftliche Interesse stark. Unsere Leute werden ja auch in die Humboldt-Uni, Fach Geschichtsdidaktik, eingeladen, wo sie von Studenten interviewt werden. Das ist eine wissenschaftlich-kritische Übung „Wie erschließe ich mir eine Quelle“. Manchmal sind unsere Zeitzeugen auch zu akademischen Podiumsdiskussion eingeladen, wo es unterschiedliche Meinungen auf dem Podium gibt, die Zuhörer im Plenum aber geschichtlich kompetent genug sind, um richtig nachfragen zu können.

Halten Sie auch Gespräche mit Zeitzeugen fest – sei es auf Ton- oder Videoträgern?

Meine Vorstandskollegin Dr. Gertrud Achinger hat sechs solcher Zeitzeugenporträts gemacht. Auch Sven Thale von der thale-biographiefilm hat Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen filmisch festgehalten und einen Film gemacht zum Thema Mauerbau und Mauerfall.

Wie alt sind „Ihre“ Zeitzeugen?

Zwischen 55 und 97, durchschnittlich sind sie Anfangssiebziger. Einige wenige sind noch im Beruf, die „Jüngeren“ etwa erzählen von ihren 68-er Erfahrungen hier in Berlin auf dem Kudamm, ein attraktives Thema.

Welche Zeit decken Ihre Zeugen ab?

Das Spektrum reicht von Ende Weimar bis heute.  

Datum, 13 | 02 | 2012