Aktuelle Ausgabe: Mai 2013
Die Zeitschrift für Mitglieds-organisationen erscheint 10 x jährlich.
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an rundbrief@paritaet-berlin.de.
Von: usd
Dahinter stehen 40 blühende Apfelbäumchen. Sie erinnern an die 10 000 Kinder und Säuglinge mit Behinderungen, die von den Nazis und ihren willigen Helfern in Heimen ermordet wurden. Die gezeigten Dokumente entstammen den Aktenbeständen der früheren Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Bonn, wo 257 Mädchen und Jungen, darunter die gezeigten Kinder, bis zu ihrer Ermordung versammelt worden waren. Die Installation wurde von der aus Litauen stammenden Künstlerin Valentina Pavlova gestaltet.
Unser Verband hat diese Ausstellung gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und mit der Bundesorganisation der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. finanziell unterstützt. Die hunderttausendfachen Morde an Kindern, Jugendlichen, erwachsenen und alten Menschen wegen einer angeblichen oder tatsächlichen Behinderung oder einer psychiatrischen Erkrankung sind ein besonders dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Hochqualifizierte Wissenschaftler und Ärzte haben in führender Weise diese Verbrechen ausgeführt, assistiert vom Heimpersonal, das oft mehr oder weniger einverstanden war, wie der Arzt Gerhard Schmidt in seinem Buch „Selektion in der Heilanstalt 1939-1945“ später berichtete. In der Nachkriegszeit, in der jungen Bundesrepublik, wurde lange dazu geschwiegen: Die zum Teil hohe Stellung der Täter und die gesellschaftlich noch vorhandene Abwertung der Opfer spielten dabei eine Rolle. Erst heute, also 66 Jahre später, wird darüber öffentlich wahrnehmbar gesprochen.
„Der Garten der Erinnerung“ reiht sich ein in das langjährige kontinuierliche Bemühen unseres Verbandes und seiner Mitglieder, gemeinsam mit engagierten Persönlichkeiten und Organisationen in Berlin die Opfer der so genannten Aktion T4 aus der Anonymität zu holen und ihnen Namen, Gesicht und ihre biographische Geschichte zurückzugeben. Seit mehreren Jahren begleitet der PARITÄTISCHE Berlin zusammen mit seinen Trägern der Behindertenhilfe ein Projekt der Universität Zielona Gora und des dortigen Vereins „Dialog-Wspolpraca-Rozwoj“. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit war die Dokumentation der Sterbebücher der Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde mit vielen tausend Namen ermordeter Patienten aus Berlin. Vor einem Jahr wurden diese Sterbebücher feierlich an das Berliner Landesarchiv übergeben.
Es ist sehr gut, dass es unserem Verband gemeinsam mit dem polnischen Verein Dialog und dem österreichischen Verein a tempo gelungen ist, die Europäische Gemeinschaft für die Förderung eines interaktiven virtuellen Mahnmals für die Opfer der sogenannten Euthanasie-Aktion T4 zu gewinnen. Das Projekt gedenkort-T4.eu wurde im Dezember 2010 mit einem feierlichen Auftakttreffen in der Stiftung Topographie des Terrors gestartet (siehe S. 9 in diesem Rundbrief). Zurzeit ist dazu eine Interimsseite unter www.gedenkort-T4.eu mit aktuellen Artikeln und einem blog zu finden.
Die endgültige Website für das virtuelle Mahnmal ist in Vorbereitung und wird im November 2011 frei geschaltet. Die Texte werden mehrsprachig und barrierefrei zu lesen sein. Der Gedenkort-T4.eu ermöglicht eine Vernetzung bisher weitgehend regionaler Gedenkaktivitäten. Er soll nicht nur die EU-Bürgerschaft über die Geschichte aufklären, sondern für einen achtsamen, offenen Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung werben. Auch homosexuelle Menschen sind direkt nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten systematisch verfolgt worden. Etwa 10 000 schwule Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt, viele wurden ermordet. Der Lesben- und Schwulenverband LSVD hat sich seit 1993 für ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen engagiert, 2008 wurde es im Tiergarten feierlich eingeweiht. Zu ihrem Gedenken fand am 27. Januar 2011 an diesem Ort eine Kranzniederlegung statt, bei der unser Verband vertreten war. Für den PARITÄTISCHEN Berlin und seine Mitglieder ist es selbstverständlich, weiterhin gemeinsam mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde und vielen engagierten Persönlichkeiten in Berlin die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wach zu halten.