Regal im Foyer der Landesgeschaeftsstelle - Foto: Petra Engel Ein Kameramann - Foto: Michael Janda

Paritätischer Rundbrief

Aktuelle Ausgabe: Mai 2013
Die Zeitschrift für Mitglieds-organisationen erscheint 10 x jährlich.

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Barbara John meint:

„Schon köchelt das Gebräu und verbreitet stechenden Geruch“

Von: usd

Prof. Barbara John (Bild), kommentiert im Oktober-Rundbrief des PARITÄTISCHEN Berlin, dessen Vorsitzende sie ist, die "krankhafte öffentliche Erregung über Banalitäten" in der Folge von Thilo Sarrazin & Co.

"Mit diesem Oktober-Vorwort löse ich ein, was ich im September angekündigt hatte, nämlich das Thema Integration aufzugreifen, das durch das Buch von Thilo Sarrazin plötzlich erneut eine Medienhysterie angestoßen hat.

Ulrich Schmid, der Schweizer Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Berlin hat die Aufregung über die 460 Seiten lange Prophezeiung vom Untergang Deutschlands durch die Einwanderung von Muslimen als deutsche „Lust an der politischen Schweinegrippe“ bezeichnet.

Er meint damit die krankhafte öffentliche Erregung über Banalitäten, die, von den Medien angestoßen, schnell große Bevölkerungsgruppen ergreift. Wir können das seit einiger Zeit beobachten: Geht es um Integration, lassen sich viele anstecken und beflügeln die Debatte – wie wir es in zahlreichen Talkshows erlebt haben und noch erleben werden – mit ihren Erfahrungen über Integrationsverweigerer. Dieses Prädikat erhielt jüngst eine aggressive Dreiergruppe von Jugendlichen, die eine Parkeinfahrt kurzfristig verstellten, von einem angesehenen Fernsehjournalisten.

Ja, der Streit über Integration lebt von der Übertreibung, an der sich viele Medien, aber auch viele Bürger beteiligen. Für sie ist die seit nunmehr sechzig Jahren sich schrittweise vollziehende Integration total gescheitert, nur weil es auch Einwandererfamilien gibt, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern die einfachsten Umgangsformen zu vermitteln – Väter, die orientierungslos in dieser Gesellschaft, ihre Rolle als Autorität durch Gewaltausübung zu sichern suchen, Frauen, die hilf- und sprachlos von der Gesellschaft isoliert bleiben, alles Aufgaben, die anzupacken sind.

Selbstverständlich ist es allemal besser, solche Missstände zu benennen, statt sie zu verdrängen, damit die Zustände sich bessern. Und das braucht Zeit. Dafür gibt es Gründe: Nehmen wir den traditionellen Männlichkeitswahn in vielen Länder, die mehrheitlich islamisch sind. Das sind die Kräfte und Grundkoordinaten, die in Menschen wirken, auch nach der Einwanderung. Sie dienen erst einmal als Richtschnur in einer Welt, die völlig beliebig und wertefrei erscheint.

Aber dabei geht es doch nicht um Einwanderer oder Muslime generell, sondern um bestimmte Risikofamilien, die durch öffentliche Einrichtungen wie Kitas und Schulen auch erreichbar sind, wenn es gewollt ist.

Vor allem Muslimen in Europa spricht Sarrazin mit selektiven Tabellen und Zitaten jede integrative Entwicklung ab. Dabei lässt sich diese Beweisführung mit einem einfachen Alltagstest widerlegen: Wir alle begegnen täglich Menschen, welche aus Ländern zugewandert sind, die als islamisch bezeichnet werden (z. B. Türkei, Bosnien, Ägypten). Es kann die Sprechstundenhilfe sein, der Tankwart, der Arzt, der Obsthändler, der Polizist. In der Sarrazin’schen Denkweise würde das als Ausnahme gelten, die sich nicht erklären lässt. Aber es ist genau anders herum.

Sarrazin rührt seine Botschaften nach einem bekannten Rezept zusammen: Man nehme beklagenswerte Ausnahmen, erwecke mit Zahlen den Eindruck unfehlbarer Korrektheit. Schon köchelt das Gebräu und verbreitet einen stechenden Geruch. Solche düsteren Vorhersagen, die immer die Ängstlichen und Ahnungslosen, aber auch die bornierten Besserwisser bestätigt, haben Tradition: die Juden, die Kapitalisten, nun die Muslime.

Was aber die Debatte auch gezeigt hat, ist, dass wir uns noch nicht klar darüber sind, was es bedeutet, für Menschen aus rückständigen Gesellschaften ein Einwanderungsland zu sein. Denn das waren wir lange Zeit. Anstatt jedoch mit dem Finger auf die vermeintlichen Einwanderer-Übeltäter zu zeigen, sollten wir die Missstände schrittweise abbauen. Kein Einwanderer will zurück in ein Leben ohne Zukunft für sich und seine Kinder."

Datum, 10 | 10 | 2010