Aktuelle Ausgabe: April 2012
Die Zeitschrift für Mitgliedsorganisationen erscheint 10 x jährlich. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an rundbrief(at)paritaet-berlin.de.
Oswald Menninger, Geschäftsführer des Verbandes, kommentiert: „Joachim Gauck vertritt die Werte, die eine Zivilgesellschaft auszeichnen und vorantreiben. Sein Blick auf die sozialen Belange unserer Gesellschaft ist differenziert und von Herz und Verstand geprägt. Mit Gauck ist endlich ein würdiger Repräsentant gefunden, von dem interessante Denkanstöße für unsere Gesellschaft zu erwarten sind. Wir wünschen ihm dafür Gesundheit und Glück!“
Auf dem Jahresempfang 2011 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin haben die Mitglieder und Gäste einen persönlichen Eindruck vom künftigen Bundespräsidenten gewinnen können - Joachim Gauck referierte als Gastredner über Solidarität und Selbstverantwortung.
Damals begrüßte ihn Barbara John mit einem Satz des Schriftstellers und Philosophen Manès Sperber (1905 – 1984), der auch auf ihn, Joachim Gauck, zutreffe. „Ich habe immer eine große Schwäche für jene, die die Wahrheit dann aussprechen, wenn sie auf größten Widerstand stoßen, und wenn sie am schwierigsten ist, auszusprechen.“
In der Zusammenfassung seiner Rede, abgedruckt im Rundbrief des Paritätischen, hieß es damals:
"Gauck, der sich, wie vor einem Jahr als Bundespräsidentenkandidat von SPD und Bündnis 90/Grüne, auch vor dem Paritätischen Publikum als formidabler Rhetoriker und Denkanreger erwies, hatte sein Lebensthema – Freiheit – zum Anlass genommen, um über die vermeintlichen Widersprüche und tatsächlichen Wechselbeziehungen zwischen Solidarität und Freiheit zu referieren, die freilich undenkbar sei, wenn nicht Verantwortung übernommen würde.
Dieses komplizierte Beziehungsgeflecht hätte den Hintergrund für eine akademisch-theoretische Grundlagenerörterung abgeben können, wenn Gauck nicht immer wieder Analogien zum richtigen Leben bemüht hätte, an eigene Kindheitserinnerungen in Mecklenburg angeknüpft hätte, an seine Zeit der friedlichen Revolution in der DDR und einprägsame Geschichten aus dem Leben der Großfamilie Gauck.
Die Sehnsucht nach dem Glück gleicht oft der Suche nach "schlaraffenseligen Bergen aus süßem Brei".
Im Publikum kam Heiterkeit auf, als er – vornehmlich männliche – Zeitgenossen karikierte, die mit 70 noch pubertierten und denen es vor lauter Selbstbezogenheit und Eigenliebe anscheinend niemals gelinge, Verantwortung für andere zu übernehmen. Sie suchten das Glück, jene schlaraffenselige Berge aus süßem Brei, immer in jenem paradiesischen Zustand, in dem sie gerade nicht seien.
Gegen die Egomanie der ewig Achtzehnjährigen setzt Gauck „Das Prinzip der Bezogenheit“ - wenn uns etwas jenseits von uns selbst so wichtig ist, dass es uns sprichwörtlich am Herzen liegt. Dies sei der Umschlag von der Pubertät zum Erwachsenenalter, von der „Freiheit von ...“ hin zu einer „Freiheit zu …“ oder „Freiheit für ...“. Plötzlich gehören wir zu den Menschen, die bereit, willens und fähig sein, sich auf andere Themen als auf unsere eigene Wichtigkeit einzulassen“.
Diese Übernahme von Verantwortung aus dem Geist der Freiheit könne sich unterschiedlich äußern, sagte Gauck und sprach viele, wenn nicht die meisten Zuhörer im Publikum an, die „Menschen ermächtigen, ihnen helfen, das zu werden, was sie sein können. Das geht, in dem wir uns Verbündete suchen – miteinander das Gebiet, was uns interessiert, genau analysieren und beschreiben und uns dann dort einsetzen, wo wir meinen, dass unsere Hilfe am wichtigsten ist.“
Solche Entscheidungen – aus Freiheit zu Verantwortung, aus Verantwortung zu Solidarität – hätten immer am Anfang von Sozialen Bewegungen gestanden, wie die Geschichte lehre. Immer seien es zunächst konkrete Menschen, nicht Apparate oder Institutionen, die das Richtige tun und andere ermuntern, ihnen dabei zu folgen. Mit großem Respekt, so Joachim Gauck, habe er gelesen, dass unter dem Dach des Paritätischen Berlin fast genau so viele ehrenamtliche wie hauptamtliche Mitarbeiter arbeiteten. „Das ist der Lebensatem einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft!“
Jede Sozialpolitik "muss auch an die uns innewohnenden Kräfte zur Eigenverantwortung und Selbstverantwortung heran führen"
Dieser Lebensatem des bürgerschaftlichen Engagements in der Zivilgesellschaft nährt sich aus der Ausgewogenheit von „Fördern“ und „Fordern“ - Gauck kam schließlich auf sein Bild einer angemessenen Sozialpolitik für die Schwachen und Abgehängten zu sprechen, die für sich selbst oft nicht so gut sprechen können. Aber eine alleinige Ruhigstellung und Betreuung sei prekär, „weil sie uns nicht an die in uns wohnenden Kräfte zur Eigenverantwortung und Selbstverantwortung heran führt. Dazu würden Politiker gebraucht, so Joachim Gauck, aber auch die Praktiker im Bereich des Sozialen, die solche Konzepte realisieren“.
Wenn Geld für solche – wie er es nannte - „ermächtigende Entwürfe“ eingespart werde, finde er das besonders schlimm. Als Vorbilder einer solchen ermächtigenden Sozialpolitik nannte er die skandinavischen Länder – z. B. das Prinzip Folkhemmet in Schweden -, wo allerdings auch die eine oder andere sozialpolitische Säule ins Wanken gerät.
Gauck – der zur allgemeinen Erheiterung der Zuhörer – daran erinnerte, „dass wir wahrlich nun genug Bekloppte in Berlin haben, über die in Berlin tagtäglich publiziert werde“, bedauert es, dass über die Menschen in Inititiativen, Verbände und Institutionen zu wenig berichtet werde, die – „wie Sie“ - die Kraft haben, das Lebensprinzip der Verantwortung in unseren Alltag zu rufen. Der Nebeneffekt dabei sei, so Gauck abschließend, dass wir dabei einfach nicht unglücklich werden.“
Foto: Eberhard Auriga