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Amewu und Chefket: Rappen für die klare Sicht
Interview mit Amewu und Chefket

Amewu und Chefket, zwei Berliner Rapper, haben bei der Gala zum 60. Jubiläum des PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverbandes Berlin am 10. Juni im Tipi den Auftritt von Gangway Beatz Berlin eröffnet, ein HipHop-Projekt von gangway e.V.. Der Verein macht Straßensozialarbeit mit Jugendlichen. Chefket ist in Heidenheim an der Brenz in der Schwäbischen Alb als Sohn türkischer Zuwanderer aufgewachsen und vor sechs Jahren nach Berlin gekommen um sich als Rapper zu profilieren. Amewu ist Berliner mit ghanaischen Wurzeln und studiert an der TU Kultur und Technik.

Galaauftritt- Song Willkommen und Abschied - Amewu li. , Matze, Gitarrist Ohrbooten, Chefket
In der nichtkommerziellen deutschen Hip-Hop-Szene sind Amewu und Chefket mehr als anerkannt. Chefket wurde Vizeweltmeister bei dem internationalen Rap-Contest von End of the Weak, einer weltweiten Bewegung von Rapkünstlern, die die Welt positiv verändern wollen und sich als Bündnis gegen Rassismus, Drogen und Gewalt verstehen.

Amewu und Chefket überraschten das Publikum bei der Gala mit einer wunderschönen Liedfassung eines Gedichts von Goethe - Willkommen und Abschied - und fügten dann zwei a capella raps hinzu, die sie mit atemberaubender Geschwindigkeit vortrugen.. Sie gaben damit zwei Kostproben ihres Könnens, das sich auf ihren Debütalben aus dem Jahr 2009 eindrucksvoll dokumentiert.


Die CDs „Einerseits – andererseits“ von Chefket und „Entwicklungshilfe“ von Amewu liefern Reflektionen zur persönlichen Entwicklung und gesellschaftskritische Betrachtungen, die teils mit bildmächtigen Worten, teils ironisch und witzig formuliert in Reime gefasst und mit einem irrwitzigen Tempo vorgetragen werden -double-, tripletime, wie es im Rap heißt. Der gedankliche Gehalt, die sprachliche Virtuosität und die musikalische Gestaltung zeigen, was deutschsprachiger Rap sein kann – einerseits Musik, anderseits beste Bildungsarbeit und Entwicklungshilfe!

Amewu und Chefket stellten sich den Fragen von Elfi Witten.

Ihr engagiert Euch ehrenamtlich bei Gangway Beatz Berlin – wie seid Ihr in Kontakt gekommen?

Chefket: Ich bin vom Sozialarbeiter Olad Aden angesprochen worden, als er, nachdem er auf mehreren Konzerten von mir war, auf mich zukam und Begeisterung für meine Musik zeigte. Da unser Rapstil klischeefrei ist, wollte er mit uns zusammenarbeiten. Gangway Beatz Berlin bringt musikinteressierte Jugendliche mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen zusammen, um gemeinsam eine Hip-Hop-CD zu produzieren. In Workshops diskutieren die Jugendlichen über ihre Lebensumstände, viele leben in den sozialen Brennpunkten Berlins. Sie lernen Texte für Raps zu schreiben, die ohne Klischees auskommen, nicht frauenfeindlich sind oder Gewalt verherrlichen. Im Studio werden die Songs aufgenommen. Der erste Gangway Beatz Sampler entstand 2008, der zweite ist in Arbeit. Er führt Jugendliche aus New York und Berlin zusammen und vertieft den Bronx-Berlin-Hip-Hop-Austausch, den Gangway Beatz organisiert.

Wie sieht Euer ehrenamtliches Engagement aus?

C: Im Grunde genommen sind wir Undercover-Betreuer, die auch gut rappen können, und geben Tipps bei Rap oder Lebensfragen. Wenn es Projekte gibt wie den aktuellen Gangway Beatz Sampler, steuere ich gern einen Song dazu bei oder begleite die Gruppe bei Auftritten im Ausland.
Amewu: Wir haben an dem Bronx-Berlin-Austausch teilgenommen. Unsere Aufgabe war, Vorbild zu sein, da wir schon sehr lange aktiv sind. In Zukunft werde ich vielleicht auch mit Gangway zusammen an Rap-Workshops arbeiten. Zurzeit gebe ich Rap-Workshops für das Tuned-Jugendprojekt. Das Projekt gehört zur Ashoka Jugendinitiative, ein weltweites Netzwerk von Jugendlichen, die neue Ideen und Projekte entwickeln. die ihr Umfeld positiv verändern. Gefördert wird das Ganze von Ashoka, der weltweit ersten und größten Organisation für die Unterstützung von Social Entrepreneurs - Menschen, die unternehmerisch an Lösungen gesellschaftlicher Probleme arbeiten.

Was gibt Euch dieses Engagement?

C: Mir wurden durch die internationalen kulturellen Austauschprojekte von Gangway Beatz Reisen nach New York, Kairo und Istanbul ermöglicht, was meinen Horizont genauso wie den der Jugendlichen erweitert hat. Und Ende Juli gehe ich sogar nach Rhode Island und New York, wo ich an der Uni im Rahmen von Workshops Gedichte und eigene Texte mit den dortigen Studenten analysieren und besprechen werde.

Was ist für Euch persönlich das Wesentliche am Rap und was bedeutet es für Euch zu rappen?

C: Rap ist für mich wie ein Wortorchester, das die Zeit anhält. Ich sage, was ich fühle und kann dadurch andere Menschen daran teilhaben lassen. Oft habe ich Erkenntnisse, die ich vergesse, wenn ich sie nicht aufschreibe. Und wenn ich sie rappe und anhören kann, erinnere ich mich daran und wachse.
Das Wesentliche am Rap ist für mich die Macht des gesprochenen Wortes. Ich kenne keine Musikrichtung mit mehr Wortspielen oder Metaphern.
A: Für mich ist das Wesentliche, dass ich Leute unterhalte, damit sie nicht merken, dass ich versuche ihnen etwas beizubringen.
Rappen bedeutet für mich, dass zu tun was ich gelernt habe und damit auszudrücken was mich beschäftigt. Außerdem ist Rap eines der Dinge die ich mit Freude immer weiter entwickle und perfektioniere.

Wann habt Ihr angefangen, Rap zu machen und wann wurde das Ganze zum Beruf bzw. zur Berufung?

C: Ich habe mit 14 Jahren angefangen Raptexte zu schreiben. Ein Freund gab mir eine Kassette und ich war sofort verzaubert.
Rap wurde für mich vor 5 Jahren zum Beruf und vor 10 zur Berufung.
A: Begonnen habe ich vor 11 Jahren. Das entstand eher aus Spaß mit Freunden, weil wir Rap gehört haben und das auch mal probieren wollten. Berufung wurde es ab der 8. Klasse, weil es mir half meine Probleme zu verarbeiten, indem ich sie aufschreiben konnte. Das ist auch der Grund warum ich Workshops geben wollte. Um anderen zu zeigen, wie man lernt Gedanken und Gefühle sprachlich umzusetzen, um sie so zu reflektieren. Manchmal bringt das einen bei der Lösung von Problemen ein entscheidendes Stück weiter.

Habt Ihr nie Zweifel daran gehabt, so viel Energie in Rap und Musik zu stecken?

C: Nein. Rap und Musik haben mir stets soviel Energie gegeben, dass das Gefühl des Zweifelns nie in mir hochkam.
A: Immer mal wieder, aber Rap gibt ja auch viel Energie zurück. Zum Beispiel, wenn man mitkriegt, dass bestimmte Texte anderen Menschen sehr viel bedeuten oder weitergeholfen haben …..oder Lehrer in Workshops darüber erstaunt sind, dass ihre „Problemkinder“ plötzlich ganz euphorisch am Arbeiten sind. Abgesehen davon, ist sich selbst ab und zu hinterfragen glaube ich ganz gesund.

Was hat Euch auf Eurem künstlerischen Weg bestärkt?

A: Das Gefühl, dass Richtige zu tun, andere Musiker, Live-Auftritte, Strassenmusik, bei der sehr viele unterschiedliche Menschen positives Feedback gaben, die sonst nichts mit Rap am Hut haben. Meine Mutter hat auch immer Verständnis gezeigt was das anging.
C: Meine Familie, mein Glaube und meine Gabe spendeten mir eine klare Sicht und die Stärke weiterzumachen. Ich habe in den Anfangszeiten in Berlin nicht mal eine Wohnung gehabt und musste in Studios schlafen. Wenn ich jetzt zurückblicke, war das trotz allem eine sehr wichtige Zeit, denn sie ist der Grund, warum ich meine heutigen Möglichkeiten nicht als selbstverständlich betrachte. Es kamen die ersten Auftritte und Wettbewerbe, die ich gewann. Ich wurde deutscher Meister beim Rap-Contest von End of the Weak (s. u.) und 2009 Vizeweltmeister beim Finale in London. Außerdem hatte ich das Glück, mit Ohrbooten, Marteria und Culcha Candela auf Tour gehen zu können.



Wie lange habt Ihr an Euren ersten Alben gearbeitet, die 2009 herausgekommen sind?

C: Ich habe ungefähr 10 Jahre an diesem Konzeptalbum „Einerseits Andererseits“ gearbeitet, bis es perfekt war. Leider können viele nicht abwarten, bis ihre Musik gereift ist und bringen alles hastig raus.
A: Ich habe seit ich rappe daran gearbeitet, also ca. 10-11 Jahre, aktiv an der Zusammenstellung dann etwa 3 Jahre.

Wo nehmt Ihr Eure Zuversicht und Eure positive Orientierung her, die in den Alben deutlich wird?

A: Ich nehme das aus jahrelanger Meditation und verschiedenen dabei gewonnenen Erkenntnissen.
C: Wenn ich zurückblicke kann ich sehen, wie mich bereits die Musik verändert hat. Umso mehr ich an meiner Musik arbeite, desto mehr arbeite ich auch an mir und umgekehrt. Gleichzeitig bleibt die Hoffnung, dass diese Energie auf Andere übergeht. Mich freut es, wenn Leute auf mich zukommen und davon erzählen, welchen positiven Einfluss meine Texte auf sie haben. Es fühlt sich gut an, wenn ich meine Musik mit gutem Gewissen meinen Eltern oder irgendwelchen Kindern vorspielen kann.

Chefket, Du hast Dir unter anderem mit Songs wie „Ich wollte sagen kiff nicht..“ (genmanipuliert),..shake hands in Gottes Namen“ (listen und pray) den Beinamen größter Zeigefinger Deutschlands eingehandelt…

C: Was für mich selbstverständlich ist, erscheint oft tiefgründig und mit erhobenem Zeigefinger. Doch eigentlich sage ich in meinen Texten nichts Neues, sondern erinnere die Leute an etwas, was sie sowieso schon wissen und vergessen haben. Es ist mir aber schon wichtig, Werte zu vermitteln.



Gibt es literarische, philosophische oder religiöse Quellen, die für Eure Texte grundlegend sind?

C: Eigentlich schöpfe ich meine Inspiration aus allem, was mich umgibt, sei es ein Buch, ein Film, eine U-Bahn Fahrt oder einfach ein bewusster Blick in mich selbst.
A: Ich habe in der Schule Psychologie Leistungskurs gehabt, studiere als Kernfach Philosophie und habe ein paar religiöse Bücher gelesen. Allerdings bin ich mehr Denker, als Bücherwurm. Ich meditiere oft und gerne, über die mich umgebende Welt und mich selbst.

Amewu - der Titel Deines Albums lautet Entwicklungshilfe – worauf bezieht sich die?

A: Zum einen an mich selbst. Denn ich wachse an dem was ich tue. Dann an die anderen. Denn ich will ihnen etwas vermitteln. Das kann die Rapszene sein. Das können Menschen sein, denen man seelisch weiterhilft. Das kann aber auch an Deutschland und die sogenannte „erste Welt“ gerichtet sein. Denn wenn man andere Länder als Entwicklungsländer bezeichnet schwingt da eine große Arroganz mit. Sind wir in Deutschland auf allen Ebenen fertig? Für mich ist Deutschland auch ein Entwicklungsland.

Spielt es für Euch eine Rolle, dass Ihr über Eure Herkunftsfamilien zwei Kulturen in Euch vereint?

A: Es hat durch meine Hautfarbe für andere hier in Deutschland eine Rolle gespielt und somit zwangsweise dann auch für mich. Ein Zitat aus einem meiner Songs bringt es auf den Punkt. „Freiheitskämpfer seit dem Tag an dem man mich zum Fremden machte, ich brauche keine Heimat mehr, weil ich nicht mehr auf Grenzen achte.“

Amewu – Du gehst in einigen Deiner Songs mit der Rapszene hart ins Gericht – Zitat: „Viele Rapper reden zu viel, aber sie denken zu wenig…

A: Wenn man sich in der Szene bewegt, sieht wie die Kids Raps a la ´Sido und Bushido für toll halten und wenn man immer wieder selbst als Rapper mit den daraus entstehenden Vorurteilen konfrontiert wird, entwickelt man das Bedürfnis dazu.

Seht Ihr Chancen, anspruchsvollen und aussagekräftigen deutschsprachigen Rap wie Euren in die Sender zu bekommen?

A: Ich sehe da Chancen. Chefkets Sachen laufen schon. Meine auch ab und zu. Ich denke es ist aber auch eine Frage der Unterstützung aus der Gesellschaft. Möchte man deutschen Rap immer als die böse oder inhaltslose Musik sehen, um einen Sündenbock zu haben oder betreibt man aktiv Aufklärung?
C: Ich laufe inzwischen auf Radio Fritz oder bei Funkhaus Europa. Vor allem Radio Fritz unterstützt mich sehr stark.

Was verbindet Euch als Rapper mit Goethe? Seht Ihr eine Verwandtschaft zu den Dichtern des Sturm und Drang?

C: Ich würde das nicht nur auf Sturm und Drang beziehen. Klar gebe ich viele Gefühle preis, doch das geschieht ganz natürlich. Wenn man Willkommen und Abschied analysiert und merkt, wie gut es geschrieben ist, fällt sofort auf, dass man es gut singen oder rappen kann. Der Jambus ist für mich einfach ein Style von vielen. Die Rapper von heute haben so viele Stile und Reimsysteme, dass man das als Dichtkunst des 21. Jahrhunderts bezeichnen könnte. Das Besondere an Goethes Werk ist die Zeitlosigkeit. Vor allem Gefühle sind zeitlos. Es könnte auch von heute stammen, denn Menschen bleiben Menschen mit Ängsten und Gefühlen wie vor 200 Jahren.
A: Uns verbindet das Dichten mit den Dichtern die da waren und denen die noch kommen werden. Was mich persönlich mit Goethe verbindet ist wahrscheinlich eine Wahrheitssuche, die nicht nur auf einer wissenschaftlichen Weltsicht basiert sondern ein tieferes Verstehen der Welt und des Lebens zum Ziel hat, für das ein emotionales Erfahren unabdingbar ist.

Habt Ihr vor, noch mehr Gedichte aus dieser Zeit zu vertonen?

C: Mich interessiert nur das Gedicht an sich, nicht die Epoche. Ich hab schon andere Gedichte vertont, zum Beispiel von Hesse. Ich vertone das, was mir gut gefällt und will es durch Musik zugänglicher machen als ein Buch. Aber das alles ist noch nicht ausgereift.
A: Mal sehen was sich da ergibt. Das ist schon interessant, aber eigentlich schreibe ich lieber selbst und hoffe dass meine Texte auch irgendwann mal Einzug in den Unterricht halten oder rezitiert werden C: Das mit dem Gesang, der Gitarre und der Querflöte ist durch Jammen entstanden. Ich habe in meinem Zimmer gesungen und Amewu kam rein und hat mitgespielt. Ob das in Zukunft erweitert wird, ist noch unklar.

Was sind Eure nächsten Vorhaben? Sind Folgealben schon in Arbeit?

C: Ich habe meine Texte für das zweite Album schon geschrieben und suche nun die passende Musik dazu aus.
A: Ich werde die Arbeit mit dem Tuned-Jugenprojekt weiter ausbauen und fleißig weiter Workshops und Auftritte machen. An neuen Alben wird natürlich auch schon gearbeitet.

Wann kann man Euch das nächste Mal in Berlin live erleben?

C: Ich spiele am 19. Juli im Festsaal Kreuzberg als Vorgruppe von Eminems Crew D12.(ACHTUNG: Konzert abgesagt wg. Ausfall der australischen Gruppe Hilltop Hood!!).
A: Bei dem End of the Weak Finale Mitte Juli im Yaam. Außerdem habe ich eine regelmäßige Veranstaltung im Cafe Wendel in der Schlesischen Straße. Das „Turntable Tutorial“.

Vielen Dank für dieses Interview!

Edit Entertainment
Die CDs von Chefket und Amewu sind nur im Internet erhältlich bei edit entertainment, einem kleinen selbstverwalteten Label, gegründet von einem Freundeskreis von Rappern. Die Internetseite bietet u.a. blog, podcast und shop.

Bestellungen unter http://edit-entertainment.com,
erst shop" dann music"anklicken.




EW / 12.07.2010
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