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| Das Podium diskutierte verschiedene Konzepte von Produktionsschulen. |
Von Rita Schmid
Die Aschewolke aus dem isländischen Vulkan hat in den letzten Tagen vor Beginn der bundesweiten Fachtagung zu „produktionsorientiertem Lernen“ für Aufregung gesorgt. Erst kurz vor Beginn der Veranstaltung kann das Organisationsteam rund um Elvira Kriebel, Bundeskoordinatorin für Jugendsozialarbeit und Referentin für Schulbezogene Jugendhilfe im Paritätischen Berlin, aufatmen: Der Luftraum ist wieder freigegeben. Und damit ist der Auftritt des all-round-Experten rund um Erziehung, Otto Herz, der aufgrund des Flugverbotes in Istanbul festgesessen hatte, gesichert. Veranstalter der Fachtagung, die am 22. April 2010 stattfindet, ist der Paritätische Gesamtverband in Kooperation mit dem Berliner Landesverband, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Neue Wege zwischen Schule und Jugendhilfe
Im vollbesetzten Saal des Monbijou-Centers in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte haben sich rund 90 Besucherinnen und Besucher aus Schule und Jugendhilfe, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft versammelt. Sie alle verbindet die Gewissheit, dass rund um Schule, Bildung und Jugendhilfe neue Wege zu beschreiten sind. Mit den Worten von Otto Herz: „In den Schulen des 21. Jahrhunderts unterrichten Lehrer des 20. Jahrhunderts mit einem Schulmodell des 19. Jahrhunderts.“ Dass das nicht klappen könne, sei klar. Zwanzig Prozent der Jugendlichen, bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund dreißig Prozent, sind Schulabgänger ohne Abschluss. Schon vor Beginn der Schule, im Alter zwischen drei und sechs Jahren, werden die entscheidenden Weichen für den weiteren Lebensweg gestellt. Dabei unterscheidet der Pädagoge, Theologe, Soziologe und Psychologe Otto Herz zwischen Menschen mit „Hoffnung auf Erfolg“, („HE–Menschen“) und Menschen mit „Furcht vor Misserfolg“ („FM–Menschen“). Für Herz ist klar, dass „...das Gehirn Blockaden lernt, wenn die Bedingungen mit Angst besetzt sind. Leistung und Freude hängen positiv zusammen; Angst, Druck und Leistung korrelieren negativ, sie passen nicht zusammen.“
Theorielastigkeit der Schulen aufbrechen
Otto Herz ist ein Könner darin, seine Botschaft mit Herz, Verstand und Humor den Zuhörern zu vermitteln. Keine Frage, dass es eine gelungene Entscheidung war, ihn zu dieser Fachtagung einzuladen. Immer wieder beziehen sich die nachfolgenden Redner auf Otto Herz und nehmen Zitate aus seinem Vortrag auf. Wer ihm zuhört, versteht schnell – aus dem noch lachenden Bauch heraus – was einen „ganzheitlichen Vortrag“ ausmacht: Herz und Verstand. Otto Herz’ Ermunterung für die Gäste der Tagung: „Wir sind ins Gelingen verliebt und nicht ins Scheitern vernarrt. Das ist entscheidend.“
Silke Ramelow, Gründerin und Vorsitzende von Bildungscent e.V. und zusammen mit dem Journalisten Reinhard Kahl aktiv im Netzwerk „Archiv der Zukunft“, stimmt ins Thema des Tages ein. Produktionsschulen seien schon seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland bekannt. Derzeit gibt es bundesweit von insgesamt rund 36.000 Schulen nur etwa 40, die als Produktionsschulen benannt werden. Um dies zu verändern, müsse das dreigliedrige System und die Theorielastigkeit der Schulen aufgebrochen werden. Dass sich viele auf den Weg gemacht haben und dass es verschiedene Ansätze gibt, zeigen die Beispiele aus Hamburg und Berlin. Dr. Cortina Gentner von der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg sagt, dass es keine einheitliche Definition von Produktionsschulen gebe. Sie seien eigenständige betriebsähnliche Bildungseinrichtungen. Dort arbeiten Werkstattpädagogen, die den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen wollen. Im konkreten Beispiel aus Hamburg ist die Produktionsschule auf Jugendliche ohne Schulabschluss im Alter von 16 bis 18 Jahren eingegrenzt, die noch schulpflichtig sind. Nicht der Abschluss steht im Vordergrund, sondern dass die Jugendlichen Selbstvertrauen bekommen und erleben, dass sie etwas schaffen und gestalten können. Freie Träger setzen das Konzept der Produktionsschulen in Hamburg um.
Produktionsschule im Kooperationsverbund
Anders das Beispiel aus Berlin. Karl Antony vom Pestalozzi-Fröbel-Haus stellt die Produktionsschule im Kooperationsverbund von Sekundarstufen der Regelschulen, kurz PiKaS, vor. Beteiligt sind vier Schulen in Friedrichshain-Kreuzberg. Vor zwölf Jahren begann es mit dem Projekt „Arbeit und Lernen“. Die jahrelangen Erfahrungen in werkpädagogischen Gruppen zeigten, dass Schüler, deren Abschluss gefährdet war, durch produktionsorientiertes Lernen profitierten. PiKaS bindet Eltern- und Gemeinwesenarbeit mit ein und sucht Kontakte mit Betrieben. Schüler arbeiten zwei bis drei Tage pro Woche an konkreten Aufträgen. Ziel ist es jetzt, von dieser Negativorientierung für abschlussgefährdete Schülern wegzukommen und produktionsorientiertes Lernen allen Schülern der Sekundarstufe zu eröffnen.
Anhand von Fotos zeigt Antony Projekte, die Schüler geschafft haben: Das reicht von der Mitgestaltung des Mariannenplatzes in Kreuzberg über das Planen und Bauen von einbruchssicheren Fensterläden für das Milchhäuschen einer Schule bis hin zum Catering für benachbarte Firmen. Norbert Schütte, stellvertretender Schulleiter der Ellen Key Schule, einer der Schulen von PiKaS, möchte „ ...alle Schüler in ein selbstbestimmtes Leben überführen“.
„Kinder müssen sich gut fühlen, um zu lernen“
Die dritte im Bunde bei der Vorstellung von PiKaS ist Monika Herrmann, Stadträtin für Jugend, Familie und Schule in Friedrichshain-Kreuzberg. Ebenso wie Otto Herz hat auch sie schon als Jugendliche in der Schule erfahren: „Kinder müssen sich gut fühlen, dann lernen sie auch.“ Bei ihr war das nicht der Fall, und das hat ihr eine Ehrenrunde in der Schullaufbahn eingebracht. Als sie das Konzept von PiKaS kennenlernte, war ihr klar: Solch ein Lernen hätte sie sich auch gewünscht. Dafür wird sie sich einsetzen. „Auch finanziell und in Bezug auf unsere Renten gesehen, ist es unsinnig, auf die Kinder zu verzichten, die bisher durch das Raster fallen“, ist für sie ein weiteres Argument, das überzeugen sollte.
Nach den Exkursen in die Praxis versammeln sich acht Teilnehmer in einer Podiumsrunde. Neu hinzu gekommen sind Hans Weißmann vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Siegfried Arnz von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Eleonore Bausch von der Industrie- und Handelskammer sowie Bernd Reschke vom Bundesverband Produktionsschulen. Tilman Tschiesche vom Institut für berufliche Weiterbildung e.V. Niedersachsen, moderiert die gemischte Runde. Weißmann zufolge sieht sich das BMBF als Ideengeber und Innovationsförderer für gelingende Bildungsprozesse, die über Landesgrenzen hinausreichen.
Siegfried Arnz verweist auf die Schulstrukturreform in Berlin, die eine neue Schule entstehen lassen soll, in der duales Lernen für alle Schüler wesentlicher Bestandteil des neuen Lernens darstelle. Grundgedanken hierbei sind entstehende regionale Verantwortungsgemeinschaften und veränderte Lernformen. Hier kann Hamburg von Berlin lernen, meint Frau Gentner.
Podiumsrunde mit gemeinsamem Interesse
Bernd Reschke betreibt die Werkstattschule Hannover, die zu den Produktionsschulen zählt und 1987 als Jugendwerkstätte und Einrichtung der Jugendhilfe begonnen hat. Nach den Grenzen von Produktionsschulen gefragt, weist er darauf hin, dass die derzeitigen Strukturen und Rahmenbedingungen, zum Beispiel bei Besoldung und Status von Schule, sich schlecht mit denen der freien Träger vereinbaren lassen. Frau Gentner bestätigt dies mit einem Beispiel aus der Praxis in Hamburg. Dort zeigte sich, wie schwierig es ist, Berufsschullehrer für das Hamburger Projekt zu gewinnen – sowohl seitens Schule als auch der freien Träger gibt es Bedenken und Zurückhaltung.
Norbert Schütte von der Ellen Key Schule spricht sich für eine Veränderung von Schule insgesamt aus: „Wir wollen produktionsorientiertes Lernen zum festen Bestandteil der Schule machen und zeigen, dass Schule im 21. Jahrhundert angekommen ist.“ Damit drückt er aus, was wohl alle im Raum, Podiumsteilnehmer und Gäste, verbindet.
Am Schluss der Veranstaltung schwingen mit den Abschlussworten von Reiner Mathes aus dem Bundeskoordinatorenteam Jugendsozialarbeit des Paritätischen die aufbauenden Worte von Otto Herz weiter im Raum und in den Herzen vieler Teilnehmer: „Wir sind und sollten Erschaffer und Gestalter der Bildungswelt sein. Bleiben Sie kühn, widersprechen Sie Widersprüchen, um die gewünschten Veränderungen zu erreichen. Bleiben Sie voller Hoffnung auf Erfolg.“
Hier
finden Sie die Vortragsfolien von Dr. Cortina Gentner: „Von Netzen und Netzwerken. Produktionsschulen und produktionsorientiertes Lernen in Kooperation mit der Jugendsozialarbeit“. Gentner ist Expertin für Außerschulische Berufsbildung in der Behörde für Schule und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg.
Karl Antony vom Pestalozzi-Fröbel-Haus stellte die Produktionsschule im Kooperationsverbund von Sekundarstufen der Regelschulen, kurz PiKaS, vor. Materialien zu seinem Referat "Produktionsorientiertes Arbeiten und Lernen in der Sekundarstufe an Regelschulen" finden Sie
hier.