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| Torsten Schramm (Foto: M.Franke) |
Herr Schramm, die IJGD sind vielen PARITÄTISCHEN Mitgliedsorganisationen besonders als Ansprechpartner für das freiwillige soziale Jahr bekannt. Können Sie kurz die Struktur der IJGD erklären?
Torsten Schramm: Die IJGD organisieren seit 1949 zunächst Workcamps und seit den achtziger Jahren Freiwilligendienste im In- und Ausland. Neben dem Bundesverein in Bonn gibt es 14 Landesvereine, deren Arbeit auf sechs Regionalbüros verteilt ist. Freiwilliges soziales Jahr (FSJ) und freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) sind nur ein Teil davon. Die IJGD sind einer von bundesweit etwa 250 Trägern des FSJ/FÖJ. In Berlin sind wir einer von rund zehn Trägern. Wir führen das FSJ in enger Kooperation mit dem Paritätischen durch.
Daneben gibt es auch Workcamps und mittelfristige Freiwilligendienste von zwei bis sechs Monaten. Unsere Aufgabe ist es vor allem, Jugendliche in die Einsatzstellen bei den Partnerprojekten zu vermitteln und auf den Einsatz vorzubereiten und sie zu begleiten.
Wie viel Plätze umfassen die Freiwilligendienste?
Im In- und Ausland gibt es über 30.000 Plätze, davon werden derzeit 23.000 mit 20 Millionen Euro staatlich gefördert – übrigens mit steigender Tendenz: Im letzten Jahr waren es 16 Millionen Euro. Seit 2002 können junge Männer ja den Freiwilligendienst auch nachträglich als Zivildienst anerkennen lassen. Zur Zeit gibt es hier etwa 4.500 Plätze.
Verschiedene Organisationen haben sich einige spezifische Einsatzbereiche, also etwa Soziales, Sport oder Denkmalschutz, aufgeteilt. Unser Schwerpunkt liegt bundesweit in der Denkmalpflege. In Berlin betreuen wir zirka 120 FSJ-Plätze.
Die Nachfrage ist übrigens erheblich größer als das Angebot. In unserem Büro kommen auf einen Platz zehn Bewerbungen. Allerdings ist der Freiwilligendienst für viele Jugendliche nur eine Option unter mehreren.
Wie läuft die Vermittlung praktisch ab?
Interessenten schicken eine schriftliche Bewerbung. Dann führen wir Bewerbungsgespräche, zunächst in Gruppen und danach einzeln. Die Bewerber müssen selbst Kontakt mit der Einrichtung aufnehmen. Wenn sich beide füreinander entscheiden, wird ein Vertrag geschlossen. FSJ’ler erhalten ein Taschengeld, gegebenenfalls Verpflegung und Unterkunft, sind sozialversichert und haben Anspruch auf Urlaub und Kindergeld.
Unsere Aufgabe ist die pädagogische Begleitung durch Seminare oder auch bei Problemen zwischen Freiwilligem und Einsatzstelle. Die Seminare dauern 25 Tage. Wir setzen dabei sehr stark auf Selbstorganisation. Das heißt, die Freiwilligen können sich die Themen aussuchen und müssen die Seminare auch selbst mit vorbereiten.
Außerdem kontrollieren wir, ob die Einsatzstelle die Sozialabgaben zahlt und am Ende ein qualifiziertes Zeugnis ausgestellt.
Welchen Wert hat ein Freiwilligendienst für die Jugendlichen?
Das gesellschaftliche Ansehen der Freiwilligendienste ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Hierarchisierung von früher, also zuerst der Militärdienst, dann der Zivildienst für die Drückeberger und der Freiwilligendienst ganz hinten, gibt es so zum Glück nicht mehr. Auch in den Personalbüros weiß man so einen Einsatz inzwischen durchaus zu schätzen. Er wird ja zum Beispiel auch als Wartezeit auf einen Studienplatz anerkannt.
Aber es könnte natürlich noch besser werden. Auch dafür engagieren wir uns, etwa mit der Organisation einer bundesweiten FSJ-/FÖJ-Auftaktveranstaltung für den Jahrgang 2007, die am 24. Oktober in Potsdam stattfindet.
Welche Jugendlichen machen Freiwilligendienste?
Ursprünglich wurde das Angebot natürlich fast ausschließlich von Jugendlichen aus der Mittelschicht genutzt, schon weil benachteiligte Jugendliche oft gar nicht von der Möglichkeit wussten. Das ändert sich gerade, weil Beratungsstellen arbeitslose Jugendliche zunehmend an Freiwilligendienste verweisen und auch der Bund gegensteuert. Bis 2013 läuft zum Beispiel das Pilotprojekt „Freiwilligendienste machen kompetent“.
Als Träger sind wir davon nicht so begeistert, weil wir lieber integrativ arbeiten und Teilnehmer nicht in Sonderprogramme sortieren wollen. Andererseits ist die notwendige intensivere Betreuung dieser Jugendlichen nur mit mehr Ressourcen zu schaffen.
Wir reagieren darauf, indem wir einigen ausgewählten Trägern, die sich sonst keine FSJ’ler leisten können, bei der Finanzierung entgegen kommen. Immerhin kostet ein FSJ’ler 700 bis 800 Euro im Monat, die Einsatzstellen müssen davon regulär rund 500 Euro im Monat zahlen, da gibt es normalerweise auch eine gewisse Erwartungshaltung.
Die Freiwilligendienste sind 2002 mit den FSJ- bzw. FÖJ-Gesetzen geändert worden. Aktuell steht die nächste Gesetzesänderung bevor. Wie stehen Sie als Träger dazu?
Die Weiterentwicklung ist im Kontext der Diskussion um bürgerschaftliches Engagement zu sehen. Im großen und ganzen wird der neue Entwurf für ein Freiwilligendienstgesetz von allen Seiten begrüßt. Uns war vor allem wichtig, dass die Umsatzbesteuerung für die Vermittlung der Freiwilligen zwischen Trägern und Einsatzstellen nicht vollzogen wird. Das ist gelungen, wenn zunächst auch nur auf nationaler Ebene und nicht an die europäische Gesetzgebung angepasst, die 2006 beschlossen wurde.
Aber es gibt doch sicher auch Kritikpunkte?
Ja. Die eingeführten Markenzeichen FSJ und FÖJ sollen durch die Begriffe „freiwilliger sozialer Dienst“ und „freiwilliger ökologischer Dienst“ ersetzt werden. Außerdem stört uns, dass die staatliche Finanzierung vom Kinder- und Jugendplan in den Fördertopf „Bürgerschaftliches Engagement“ wechseln soll. Wir fürchten, dass dieser Haushaltstitel nicht so verlässlich ist und auch der Bildungsauftrag vernachlässigt werden kann.
Die Dauer wird von 12 bis 18 Monate auf 6 bis 24 Monate mit der Ableistung von Drei-Monats-Blöcken flexibilisiert. Solange die staatlichen Zuschüsse für die Freiwilligendienste gedeckelt sind, ist die Verlängerung ungerecht gegenüber den Jugendlichen, die keinen Platz abbekommen haben.
Und was finden Sie positiv?
Den wichtigsten Punkt, die Umsatzsteuer, hatte ich bereits erwähnt. Außerdem ist es jetzt möglich, mehrere Freiwilligendienste zu koppeln, auch im In- und Ausland. Das macht das Angebot für die Jugendlichen flexibler, auch wenn es für uns die Abwicklung verkompliziert. Vor allem die bessere Möglichkeit für Auslandseinsätze finde ich positiv, weil es der Völkerverständigung und dem Abbau von Vorurteilen bei den Jugendlichen dient.
Die Freiwilligendienste sollen als informeller Lerndienst gestärkt werden. Daran reizt uns vor allem das Ergebnisoffene: Wer ein FSJ im Krankenhaus oder Denkmalschutz macht, muss nicht Pflegekraft werden oder Archäologie studieren, kann aber, wenn sie oder er will.
Wir freuen uns natürlich auch, dass die finanzielle Förderung erheblich ausgeweitet wird und Sonderprogramme aufgelegt werden.
Das Gespräch führte Martin Franke (c).